Brief von Thich Nhat Hanh aus
Shanghai, 19. Oktober 2001
Thich Nhat Hanh ist ein Mönch in
der Zen-Tradition Vietnams. Bekannt wurde er durch seine unermüdliche
Friedensarbeit während des Krieges in seiner Heimat, wo er half, Dörfer,
die von den Kämpfen zerstört worden waren, wieder aufzubauen.
Nach einer Reise in die USA, bei der er eine Reihe von Antikriegsvorträgen
gehalten hatte, wurde ihm die Wiedereinreise in seine Heimat verweigert.
Schließlich ließ er sich in Frankreich nieder. Im Jahre 1967
wurde er von Martin Luther King für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen.
Internationale Bekanntheit erwarb er sich durch seine Lehren und Bücher
zur Achtsamkeit und seine Arbeit für einen "sozial engagierten Buddhismus",
ein Aufruf zu sozialem Handeln auf der Grundlage der buddhistischen Lehren.
Der Terror wohnt im Herzen des Menschen.
Wir müssen diesen Terror daraus entfernen. Das menschliche Herz zu
zerstören, ob physisch oder psychisch, sollten wir vermeiden. Die
Wurzel des Terrorismus muß erkannt werden, sonst können wir
sie nicht entfernen. Diese Wurzel ist Unverständnis, Haß und
Gewalt; und sie kann weder mit Radar noch mit Nachtsichtgeräten ausgemacht
werden. Bomben und Cruise missiles können sie nicht erreichen, geschweige
denn zerstören. Nur durch die Praxis der Sammlung und des genauen
Hinsehens kann unsere Einsicht diese Wurzel aufzeigen und identifizieren.
Nur mit der Praxis des tiefen Zuhörens und des Mitgefühls kann
sie transformiert und entfernt werden.
Finsternis wird nicht zum Verschwinden
gebracht durch noch mehr Finsternis. Mehr Finsternis macht sie nur noch
dichter. Gewalt und Haß wird nicht zum Verschwinden gebracht durch
Gewalt und Haß. Das verhilft Gewalt und Haß nur zu tausendfachem
Wachstum. Nur Verständnis und Mitgefühl können Gewalt und
Haß auflösen.
'Schlag gegen den Terror' ist ein irreführender
Begriff. Wogegen wir schlagen, ist nicht der wahre Grund und die wahre
Wurzel des Terrors. Wir säen Samen des Hasses, während wir schlagen.
Diese Art zu schlagen wird nur noch mehr Haß und Gewalt in diese
Welt bringen. Das ist genau das, was wir nicht wollen.
Haß und Gewalt wohnen im Herzen des
Menschen. Ein Terrorist ist ein Mensch mit Haß, Gewalt und Unverständnis
in seinem Herzen. Indem wir ohne Verständnis handeln, aus Haß,
Aggression und Angst, tragen wir dazu bei, noch mehr Terror zu säen,
Terror in das Zuhause Anderer zu bringen - und Terror zurück in unsere
eigenes Zuhause. Ganze Gesellschaften leben ständig in Furcht, und
unsere Nerven werden Tag und Nacht angegriffen. Das ist das hauptsächliche
Opfer, das wir zu beklagen haben als Resultat unseres irregeleiteten Denkens
und Handelns. Ein solcher Zustand der Verwirrung, Furcht und Ängstlichkeit
ist extrem gefährlich. Er kann einen neuen Weltkrieg von gewaltiger
Zerstörungskraft mit sich bringen.
Wir müssen lernen, uns so verständlich
zu machen, daß die Stimme des Buddha an diesem gefährlichen
Angelpunkt der Geschichte gehört werden kann. Jene unter uns, die
Licht haben, sollen es sichtbar und zugänglich machen, so daß
die Welt nicht in völliger Finsternis versinkt. Jeder trägt den
Samen des Erwachens und der Einsicht im Herzen. Helfen wir einander, diese
Samen in uns zu berühren, so daß wir den Mut finden uns klar
auszudrücken. Wir müssen sicherstellen, daß die Art und
Weise unseres täglichen Lebens (mit oder ohne Achtsamkeit im Konsum,
mit oder ohne Diskriminierung, mit oder ohne Teilnahme an Ungerechtigkeiten,
...) nicht noch mehr Terrorismus in der Welt schafft. Was wir benötigen
ist ein kollektives Erwachen, um diesen Kurs der Selbstzerstörung
zu aufzuhalten.
(Übersetzung: Wolfgang Waas)
Wie ich Osama bin Laden begegnen würde
Ein Interview mit Thich Nhat Hanh
Thich Nhat Hanh über seine Gedanken
bezüglich der Reaktion Amerikas auf die jüngsten Terroranschläge.
Dieses Interview wird in einem in Kürze erscheinenden Buch mit dem
Titel "Out of the Ashes: A Spiritual Response to America's Tragedy" (Aus
der Asche: Eine spirituelle Antwort auf Amerikas Tragödie), bei Beliefnet
und Rodale Press erscheinen.
Frage: Wenn Sie mit Osama bin Laden sprechen
könnten, was würden Sie ihm sagen? Und wenn sie zum amerikanischen
Volk sprechen könnten, zu welchem Handeln würden Sie dem einzelnen
amerikanischen Staatsbürger und unserem ganzen Volk an dieser Stelle
raten?
Antwort: Hätte ich die Gelegenheit
Osama bin Laden von Angesicht zu Angesicht zu begegnen, würde ich
ihm zuallererst einmal zuhören. Ich würde versuchen zu verstehen,
warum er auf so grausame Weise gehandelt hat. Ich würde versuchen,
das gesamte Leiden zu verstehen, das ihn zur Gewalt gebracht hat. Da es
sicher nicht einfach wäre, auf diese Weise zuzuhören, müsste
ich besonders ruhig und klar bleiben. Ich bräuchte die Unterstützung
einiger Freundinnen und Freunde, die in ihrer Praxis des tiefen Zuhörens,
des Zuhörens ohne zu reagieren, ohne zu urteilen und ohne zu beschuldigen,
wirklich stark wären. Auf diese Weise würde für die beteiligten
Menschen eine Atmosphäre der Unterstützung geschaffen, die es
ihnen ermöglichen würde sich ganz und gar mitzuteilen, im Vertrauen
wirklich gehört zu werden. Nachdem wir eine Weile zugehört hätten,
bräuchten wir vielleicht eine Pause, damit uns das Gehörte wirklich
zu Bewusstsein kommen könnte. Nur wenn wir uns ruhig und klar fühlten,
würden wir antworten. Wir würden Punkt für Punkt auf das
eingehen, was gesagt wurde. Wir würden sanft aber bestimmt antworten,
auf eine Weise, die den anderen helfen würde ihre eigenen Missverständnisse
zu erkennen, damit sie die gewaltsamen Handlungen aus eigenem freien Willen
einstellen würden.
Dem amerikanischen Volk würde ich
raten, dass wir alles tun sollten, was in unserer Macht steht, um unsere
Ruhe und Klarheit wiederherzustellen, bevor wir auf die Situation reagieren.
Übereilt zu reagieren, bevor wir die Situation nicht tiefer verstehen,
kann äußerst gefährlich sein. Zuerst einmal sollten wir
die Flammen des Zorns und des Hasses kühlen, die so stark in uns geworden
sind. Wie bereits gesagt, ist es wesentlich zu sehen, auf welche Weise
wir den Hass und die Gewalt in uns nähren und dann sofortige Schritte
zu unternehmen, um unserem Hass und unserer Gewalttätigkeit die Nahrung
zu entziehen.
Solange wir motiviert von Angst oder Hass
handeln, haben wir noch kein tiefes Verständnis der Situation. Unser
Handeln wird nur eine übereilte und oberflächliche Reaktion auf
die Situation sein und nicht viel wahren Nutzen und Heilung mit sich bringen.
Nur wenn wir abwarten und unseren Zorn zur Ruhe kommen lassen, wenn wir
die Situation wirklich tief betrachten und mit der großen Bereitschaft
zuhören, die Wurzeln des Leidens, die die Ursache für das gewaltsame
Handeln sind, wirklich zu verstehen, werden wir genügend Einsicht
gewinnen, um auf eine Weise zu handeln, die für alle Beteiligten zu
Heilung und Versöhnung führen kann.
In Südafrika hat die "Kommission für
Wahrheit und Versöhnung" bereits ernsthafte Versuche in dieser Richtung
unternommen. Alle in Gewalt und Ungerechtigkeit verstrickten Parteien haben
zugestimmt, in einem ruhigen und unterstützenden Umfeld einander zuzuhören
und gemeinsam die Wurzeln des gewaltsamen Handelns tief zu betrachten,
um angemessene Mittel und Wege zu finden mit den entsprechenden Umständen
konstruktiv umzugehen. Um ein derartiges Umfeld zu stützen und aufrecht
zu erhalten, hat sich die Anwesenheit gefestigter spiritueller Führungspersönlichkeiten
als sehr hilfreich erwiesen. Schon bei der Lösung der gegenwärtigen
Probleme können wir uns an diesem Modell orientieren; wir müssen
nicht erst viele Jahre warten, bis wir endlich verstehen.
Frage: Sie haben ja die Verwüstungen
durch den Krieg in Ihrer Heimat ganz persönlich erfahren und sich
aktiv für die Einstellung der Feindseligkeiten eingesetzt. Was sagen
sie Menschen, die voller Zorn sind und um Angehörige trauern, die
sie in dem Terroranschlag verloren haben?
Antwort: Ich habe meine spirituellen Söhne
und Töchter im Krieg verloren, weil sie in die Kampfgebiete gegangen
waren, um den bombardierten Dorfbewohnern beizustehen. Einige sind im Laufe
kriegerischer Angriffe umgekommen, andere wurden einfach ermordet, weil
jede Seite glaubte, sie würden die Sache des Gegners unterstützen.
Als ich die vier hingeschlachteten Körper meiner spirituellen Söhne
sehen musste, die auf so grausame Weise ermordet worden waren, habe ich
zutiefst gelitten. Ich kann das Leiden derjenigen, die geliebte Menschen
in der gegenwärtigen Tragödie verloren haben, sehr gut nachempfinden.
Auch ich musste in Situationen großen Verlusts und tiefer Trauer
meine Ruhe finden, um meine Klarheit und das Herz meines Verstehens und
Mitgefühls wiederherzustellen. Durch die Praxis des tiefen Schauens
habe ich aber begriffen, dass Ungerechtigkeit und Leid nur immer weiter
zunehmen, wenn wir Gewalt mit Gewalt beantworten.
Als wir von der Bombardierung des Dorfes
Bentra in Vietnam hörten, in deren Verlauf die Unterkünfte von
300.000 Menschen zerstört wurden und die Piloten den Journalisten
dann auch noch sagten, dass sie das Dorf zerstört hätten, um
es zu retten, war ich zutiefst schockiert und von Zorn und Trauer erfüllt.
Wir übten Gehmeditation, wir machten ruhige und sanfte Schritte auf
der Erde, um unsere Geistesruhe und unser friedvolles Herz wiederzufinden.
So gewaltig die Herausforderung auch ist, unsere Offenheit gerade in solchen
Momenten aufrecht zu erhalten, so wesentlich ist es auch, dass wir auf
keinerlei Weise reagieren, bevor wir nicht die Ruhe und Klarheit wiedererlangt
haben, um die tiefere Wirklichkeit der Situation zu erkennen.
Wir wussten damals, dass wir mit einer
von Hass oder Zorn motivierten Reaktion nur uns selbst und unseren Mitmenschen
Schaden zufügen würden. Wir übten uns darin, das Leiden
der Menschen, die uns grausam behandelten, tief zu betrachten, damit wir
sie und auch uns selbst umfassender verstehen konnten. Mit diesem Verständnis
waren wir dann fähig, Mitgefühl hervorzubringen und unser eigenes
Leiden und das der anderen Seite zu lindern.
Frage: Was bedeutet "rechtes Handeln" im
Hinblick auf eine Reaktion auf die Terroranschläge? Sollen wir durch
militärisches Handeln Gerechtigkeit schaffen? Durch Rechtsprechung?
Ist militärisches Handeln und/oder Vergeltung gerechtfertigt, wenn
dadurch verhindert werden kann, dass in Zukunft weitere Unschuldige sterben
müssen?
Antwort: Gewalt ist in jedem Falle ungerecht.
Wir können das Feuer von Hass und Gewalt kann nicht löschen,
indem wir mehr Hass und Gewalt hinzufügen. Das einzige Gegenmittel
gegen Gewalt ist Mitgefühl. Und woraus besteht Mitgefühl? Es
besteht aus Verständnis. Wie können wir Mitgefühl empfinden,
wie können wir das vorhandene große Leiden lindern, wenn wir
nicht verstehen? Verständnis ist also die ganz reale Grundlage auf
die wir unser Mitgefühl bauen können.
Frage: Wie können wir das Verständnis
und die Einsicht gewinnen, die uns durch derartig herausfordernde Momente
leiten können, wie wir sie augenblicklich in Amerika erleben?
Antwort: Um zu verstehen, müssen wir
Wege der Kommunikation finden, die es uns ermöglichen diejenigen zu
hören, die verzweifelt um unser Verständnis flehen denn ein derartiger
Akt von Gewalt ist ein verzweifelter Ruf um Aufmerksamkeit und Hilfe.
Wie können wir auf ruhige und klare
Weise zuhören, um nicht jede Chance einer Entwicklung von Verständnis
von vornherein zu zerstören? Als Nation müssen wir uns die Frage
stellen: Wie können wir Umstände schaffen, in denen tiefes Zuhören
möglich wird, damit unsere Antwort auf die jeweilige Situation unserem
ruhigen und klaren Geist entspringt. Klarheit ist ein großes Geschenk,
das wir in dieser Zeit machen können.
Es gibt Menschen, die nur eins wollen:
Rache. In den Schriften sagt der Buddha, dass wenn Hass mit Hass beantwortet
wird, nur eine weitere Eskalation des Hasses die Folge sein kann. Wenn
wir aber diejenigen, die uns geschadet haben, voller Mitgefühl umarmen,
kann die Bombe in unserem und ihrem Herzen entschärft werden.
Wie können wir aber nun den Tropfen
Mitgefühl hervorbringen, der das Feuer des Hasses zu löschen
vermag. Sie wissen selbst, dass man Mitgefühl nicht im Supermarkt
kaufen kann. Würden wir es kaufen können, bräuchten wir
es nur noch heimzubringen und könnten alle Probleme des Hasses und
der Gewalt in der ganzen Welt ganz einfach lösen. Aber Mitgefühl
kann nur in unserem eigenen Herzen entstehen, hervorgebracht durch unsere
Praxis.
Amerika brennt vor Hass. Darum müssen
wir unseren Christenfreunden sagen: "Ihr seid die Kinder von Jesus Christus."
Ihr müsst zu euch selbst zurückfinden und tief schauen, um herauszufinden,
warum die Gewalt geschehen ist. Warum herrscht so viel Hass? Was liegt
all der Gewalt zugrunde? Warum hassen sie so sehr, dass sie ihr eigenes
Leben opfern und so viel Leid über die Menschen bringen? Warum haben
diese jungen Menschen, voller Vitalität und Kraft, sich entschieden
ihr Leben zu lassen, um derartige Gewalt auszuüben. Das ist es, was
wir verstehen müssen.
Natürlich müssen wir auch Mittel
und Wege finden, die Gewalt zu stoppen. Wenn nötig müssen wir
die Männer ins Gefängnis stecken. Das Wichtigere aber ist es,
tief zu schauen und uns die Frage zu stellen: "Warum ist es passiert? Welche
Verantwortung tragen wir selbst am Geschehenen?" Vielleicht haben sie uns
missverstanden. Aber warum konnten sie uns so sehr missverstehen, dass
sie einen derartigen Hass entwickelt haben?
Die Methode des Buddha ist es, tief zu
schauen und die Quelle des Leidens zu erkennen, die Quelle der Gewalt.
Wenn wir viel Gewalt in uns selbst haben, kann jede Handlung diese Gewalt
zum Explodieren bringen. Diese Energie des Hasses und der Gewalt kann sehr
gewaltig sein, und wenn wir sie in einem anderen Menschen sehen, dann tut
er uns leid. Wenn er uns leid tut, ist der Tropfen des Mitgefühls
in unserem Herzen geboren und wir fühlen uns schon sehr viel glücklicher
und in Frieden mit uns selbst.
Das Mitempfinden bringt den Nektar des
Mitgefühls in uns zum Vorschein. In ein Kloster geht man, um genau
das zu lernen, damit wir auf jedes Gefühl des Leidens und des Zorns
mit tiefem Schauen reagieren können und so der Tropfen des Mitgefühls
aus unserem Herzen hervorkommen und das Fieber des Zorns löschen kann.
Ausschließlich dieser Tropfen des Mitgefühls ist in der Lage,
die Flammen des Hasses auszulöschen.
Wir müssen unsere gegenwärtige
Situation eingehend und aufrichtig betrachten. Wenn wir die Ursachen des
Leidens in uns selbst und im anderen Menschen erkennen können, können
wir beginnen, den Teufelskreis von Hass und Gewalt allmählich aufzulösen.
Wenn unser Haus in Flammen steht, müssen wir zuerst das Feuer löschen,
bevor wir nach den Ursachen forschen können. Ähnlich verhält
es sich in unserer gegenwärtigen Situation: Wenn wir zuerst den Zorn
und Hass in unserem eigenen Herzen auslöschen können, haben wir
auch eine Chance, die Situation mit Klarheit und Einsicht zu analysieren,
um sämtliche Ursachen und Bedingungen zu identifizieren, die zu dem
Maß an Hass und Gewalt geführt haben, das wir momentan in uns
und in unserer Umwelt erleben. "Rechtes Handeln" ist das Handeln, das zum
Erlöschen der Feuersbrunst von Hass und Gewalt führt.
Frage: Glauben Sie, dass das Böse
existiert? Und wenn ja, halten Sie die Terroristen für bösartige
Menschen?
Antwort: Böses existiert. Gutes existiert
ebenso. Gut und Böse sind zwei Seiten von uns selbst. Gott ist das
umfassende Verstehen, die große Liebe in uns. Wir können es
auch Buddha nennen. Der erleuchtete Geist ist fähig, alles Unwissen
zu durchschauen.
Was ist das Böse? Der Zustand, wenn
das Angesicht Gottes, das Angesicht des Buddha in uns verborgen ist. Wir
haben die Wahl, ob die böse Seite an Einfluss gewinnt, oder ob die
Seite Gottes und des Buddha zu strahlen beginnt. Aber selbst wenn die Seite
der großen Ignoranz, des Bösen, zu einem gewissen Zeitpunkt
sehr stark manifest wird, heißt das noch nicht, dass Gott nicht da
wäre.
In der Bibel heißt es ganz eindeutig:
"Vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun." Das bedeutet doch,
dass ein Akt der Bosheit ein Akt großen Unwissens und großen
Missverständnisses ist. Vielleicht stehen viele Fehlwahrnehmungen
hinter einem boshaften Akt; wir müssen begreifen, dass Unwissenheit
und Missverständnis die Wurzeln des Bösen sind. Jeder Mensch
trägt sämtliche Elemente des großen Verstehens, des großen
Mitgefühls aber auch der Ignoranz, des Hasses und der Gewalt in sich.
Frage: In Ihrem neuen Buch "Wut" beschreiben
sie beispielsweise "mitfühlendes Zuhören" als ein Werkzeug zur
Heilung von Familien. Kann man dieses Werkzeug auch auf nationaler Ebene
einsetzen, und wenn ja, wie würde das aussehen?
Antwort: Vergangenen Sommer kam eine Gruppe
von Palästinensern und Israelis nach Plum Village, dem Praxiszentrum
in Südfrankreich, in dem ich lebe, um die Künste des tiefen Zuhörens
und des liebevollen Redens zu lernen. (Etwa 1600 Menschen aus aller Welt
kommen jeden Sommer nach Plum Village, um zu lernen, wie sie Frieden und
Verständnis in ihren Alltag bringen können.) Die Gruppe der Palästinenser
und Israelis beteiligte sich an den täglichen Aktivitäten wie
Gehmeditation, Sitzmeditation und Mahlzeiten in Schweigen, und zusätzlich
übten sie auf eine Weise einander zuzuhören und miteinander zu
sprechen, die mehr Verständnis und Frieden zwischen ihnen als Individuen
und Angehörigen ihrer jeweiligen Nation möglich machte.
Unter der Anleitung und mit der Unterstützung
der Mönche und Nonnen setzten sie sich nieder und hörten einander
zu. Solange eine Person sprach, wurde sie von niemandem unterbrochen. Alle
übten achtsames Atmen und Zuhören auf eine Weise, die dem anderen
das Gefühl gab, gehört und verstanden zu werden. Wer immer auch
sprach, hielt seine Rede frei von Anschuldigungen, Hass und Verdammung.
Alle sprachen in einer Atmosphäre von Vertrauen und Respekt.
Durch diese Dialogen erkannten die beteiligten
Palästinenser und Israelis tief bewegt, dass beide Seiten gleichermaßen
unter der Angst litten. Sie lernten die Praxis des tiefen Zuhörens
sehr zu schätzen und trafen Vorbereitungen, das Gelernte bei ihrer
Heimkunft mit anderen zu teilen. Wir empfahlen, dass die Palästinenser
und Israelis in einem öffentlichen Forum über ihr Leiden, ihre
Ängste und ihre Verzweiflung reden sollten, damit die ganze Welt es
hören könnte. Wir alle würden zuhören, ohne zu urteilen,
ohne zu verdammen, um die Erfahrung beider Seiten zu verstehen. Dies würde
den Boden des Verständnisses für zukünftige Friedensgespräche
bereiten.
Eine ähnliche Situation besteht nun
zwischen dem amerikanischen Volk und den Völkern der islamischen und
arabischen Staaten. Es herrscht viel Missverständnis und Mangel an
Kommunikation vor, die unsere Fähigkeit behindern, unsere Schwierigkeiten
friedlich beizulegen.
Mitgefühl spielt im Buddhismus und
in der buddhistischen Praxis eine sehr wichtige Rolle. Aber zum jetzigen
Zeitpunkt scheint es fast unmöglich Mitgefühl für die Terroristen
aufzubringen. Ist es realistisch anzunehmen, dass die Menschen gegenwärtig
wahres Mitgefühl empfinden können? Ohne Verständnis ist
Mitgefühl unmöglich. Aber wenn Sie das Leiden anderer verstehen,
müssen Sie sich nicht mehr zu Mitgefühl zwingen, das Tor Ihres
Herzens tut sich ganz von selbst auf. Alle Flugzeugentführer waren
noch so jung und haben dennoch ihr Leben geopfert, für was? Warum
konnten sie das tun? Welches tiefe Leiden war da am Werk? Es wird tiefes
Zuhören und tiefes Hinschauen erfordern, das zu verstehen.
In dieser Situation Mitgefühl zu empfinden,
ist ein großer Akt der Vergebung. Zuerst können wir das Leiden
umarmen und zwar sowohl das außerhalb von Amerika als auch das der
Amerikaner selbst. Wir müssen uns um die Opfer hier in unserem eigenen
Land kümmern und gleichzeitig Mitgefühl mit den Entführern
und ihren Familien haben, denn auch sie sind Opfer von Ignoranz und Hass.
Auf diese Weise können wir wahres NichtDiskriminieren üben. Wir
müssen nicht Jahre oder Jahrzehnte warten, um zu Versöhnung und
Vergebung zu finden. Wir brauchen jetzt einen Weckruf, um den Hass nicht
unser Herz überwältigen zu lassen.
Frage: Glauben Sie, dass die Dinge aus
einem bestimmten Grund geschehen? Wenn ja, was war der Grund für die
Angriffe auf die U.S.A.?
Antwort: Der tiefere Grund für unsere
gegenwärtige Situation liegt in unserem Konsumverhalten. Die Bürger
der U.S.A. verbrauchen 60% der Energievorräte der Welt, machen aber
nur 6% der Weltbevölkerung aus. Wenn sie die Grundschule abschließen,
haben amerikanische Kinder bereits 100.000 Gewalthandlungen im Fernsehen
verfolgt. Weitere Gründe für die gegenwärtige Situation
sind unsere Außenpolitik und der Mangel an aufrichtigem Zuhören
in unseren Beziehungen. Wir setzen nicht auf tiefes Zuhören und Verständnis
der wahren Bedürfnisse der Menschen anderer Nationen.
Frage: Was wäre Ihrer Meinung nach
die wirksamste spirituelle Antwort auf diese Tragödie?
Antwort: Hier und jetzt können wir
damit anfangen unseren Zorn zu beruhigen; wir können tief in die Wurzeln
des Hasses und der Gewalt in unserer Gesellschaft und unserer Welt blicken;
und wir können mit Mitgefühl zuhören, um jetzt das zu hören
und zu verstehen, was wir bisher nicht in der Lage waren zu hören
und zu verstehen. Wenn der Tropfen des Mitgefühls in unseren Herzen
und in unserem Geist allmählich zum Vorschein kommt, fangen wir an,
konkrete Antworten auf unsere gegenwärtige Situation zu finden. Wenn
wir tief zugehört und hingeschaut haben, fangen wir vielleicht an,
die Energie der Verbundenheit zwischen allen Nationen zu entwickeln das
tiefste spirituelle Erbe aller Religionen und kulturellen Traditionen.
Auf diese Weise nehmen Frieden und Verständnis in der ganzen Welt
von Tag zu Tag zu.
Den Tropfen des Mitgefühls in unserem
eigenen Herzen hervorzubringen, ist die einzig wirksame spirituelle Antwort
auf Hass und Gewalt. Wenn wir unseren Zorn beruhigen, tief die Wurzeln
unserer Gewalt betrachten, tief zuhören und das Leiden aller Beteiligten
in den Handlungen von Hass und Gewalt zu verstehen beginnen, wird dieser
Tropfen des Mitgefühls ganz natürlich in unseren Herzen entstehen.
(Übersetzung: Tom Geist)
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