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Was ist der Preis des Friedens?Wolfgang SternsteinZu den Mythen des Kalten Krieges gehört die Behauptung, die Politik der atomaren Abschreckung habe einen dritten Weltkrieg zwischen der Sowjetunion und den USA verhindert. Daraus wird abgeleitet, sie werde es auch in Zukunft tun. Die Bombe als Friedensstifterin sozusagen. Pazifisten haben diese Behauptung stets als Betrug und Selbstbetrug zurückgewiesen. Seit geraumer Zeit erhalten sie jedoch Unterstützung von einer Seite, von der sie es am wenigsten erwartet hatten: dem Militär. Einer dieser Unterstützer ist der amerikanische General George Lee Butler, der in den Jahren 1991-93 Oberbefehlshaber der amerikanischen Atomstreitkräfte war. In einem Vortrag vor kanadischen Friedensorganisationen sagte er: „Wir sind im Kalten Krieg dem atomaren Holocaust nur durch eine Mischung von Sachverstand, Glück und göttlicher Fügung entgangen, und ich befürchte, das Letztere hatte den größten Anteil daran." Und in einem Interview, das er dem SPIEGEL 1998 gab, führte er aus: ,,Wir handelten wie ein Betrunkener beim russischen Roulett, der zehnmal die Pistole abdrückt und dann erklärt: Guck mal, es ist überhaupt nicht gefährlich. In Wahrheit war das Nuklear-Roulett überaus gefährlich und arrogant. Es ist ein Wunder, dass wir es geschafft haben. uns irgendwie durchzuwursteln. Nukleare Abschreckung ist ein Hasardspiel, das irgendwann verloren geht." Nukleare Abschreckung ist
ein Hasardspiel, das irgendwann verloren geht. Wir wissen nur nicht, wann
und wo. Was Atomkrieg bedeutet, brauche ich hier nicht darzulegen. Es genügt
die Feststellung, dass er die Verwüstung ganzer Länder und Kontinente,
ja die Auslöschung allen höheren Lebens auf der Erde zur Folge
haben kann. Hinzu kommt, dass Atomwaffen heute nicht nur im klassischen
Ost-West-Konflikt, sondern auch an anderen Krisenherden der Welt, wie dem
Nahen Osten (Israel) und im Kaschmir-Konflikt (Indien - Pakistan) zum Einsatz
bereitstehen.
Die Atombombenabwürfe
auf Hiroshima und Nagasaki vor 56 Jahren erzeugten einen weltweiten Schock.
Zahlreiche Männer und Frauen erkannten damals die Bedeutung dieser
furchtbaren Ereignisse. Ich nenne hier nur die Namen Albert Einstein, Albert
Schweitzer, Robert Jungk, Günther Anders, Bertrand Russell und Mahatma
Gandhi. Albert Schweitzer schrieb 1961 im fernen Urwaldwinkel Lambarene:
Es gibt Menschen, die sich
mit der Existenz der Bombe nicht abfinden, die sich an sie nicht gewöhnen
wollen. Sie sind nicht bereit, den Untergang in Ruhe und Ordnung zu erwarten.
Sie meinen, angesichts einer in der Geschichte der Menschheit noch nie
dagewesenen Bedrohung unserer Existenz sei es mit Unterschriften sammeln,
demonstrieren und protestieren nicht getan, so wichtig das auch sein mag.
Es sei vielmehr notwendig, vom Protest zum zivilen Ungehorsam, von der
Demonstration zur gewaltfreien Aktion fortzuschreiten.
Wie so vieles kommt auch
die Pflugscharbewegung aus den USA. Ihre Wurzeln reichen zurück bis
in die Widerstandsbewegung gegen den Vietnamkrieg. Ende der sechziger Jahre
erregten die Brüder Daniel und Philip Berrigan Aufsehen durch spektakuläre
Widerstandsaktionen. Zusammen mit einigen Mitstreitern drangen sie nach
sorgfältiger Vorbereitung in Kreiswehrersatzämter ein und übergossen
Einberufungsakten mit Blut oder verbrannten sie mit Napalm unter der Devise:
Lieber Akten verbrennen als Kinder in Vietnam! Dafür wanderten sie
für Jahre hinter Gitter.
Doch aufgegeben haben die Pflugschärler nicht. Seit 1980 haben rund achtzig symbolische Abrüstungsaktionen stattgefunden. Es gab Pflugscharaktionen in Australien, in England, Schweden und Holland. Auch in der Bundesrepublik gab es zwei Aktionen in den Jahren 1983 und 1986. Eine vierköpfige Gruppe rüstete jeweils eine Pershing-2-Zugmaschine in der Hardt-Kaserne bei Schwäbisch Gmünd mit Hämmern und Bolzenschneidern ab. Die Aktivistinnen und Aktivisten wurden von der Staatsanwaltschaft wegen Sabotage, Sachbeschädigung und Hausfriedensbruch angeklagt. Statt der erwarteten mehrjährigen Haftstrafe blieb es jedoch bei einersymbolischen Strafe für eine symbolische Tat: 90 Tagessätze Geldstrafe, die ein Teil der Gruppenmitglieder im Gefängnis absaß. Ich war an beiden Aktionen beteiligt. In England hat es neuerdings im Rahmen der Anti-Trident-Kampagne mehrere Pflugscharaktionen gegeben. Zwei Gruppen sind sogar freigesprochen worden. Die Aktionen richteten sich gegen die vier Trident U-Boote, die Großbritanniens Status als Atommacht gewährleisten sollen. Was mich betrifft, so halte ich beides für gleichermaßen notwendig: Legale Massendemonstrationen und sorgfältig vorbereitete gewaltfreie Aktionen von Kleingruppen. Erst durch die Verbindung von beidem entfaltet der gewaltfreie Widerstand seine Wirksamkeit. Pflugscharaktionen sind der
deutschen Öffentlichkeit gegenwärtig nicht zu vermitteln. Wir
sind daher seit 1990 zu weniger spektakulären, aber auch weniger riskanten
,,Entzäunungsaktionen“ am EUCOM bei Stuttgart und ,,Inspektionen“
am Atomwaffenstandort Büchel übergegangen. In Büchel üben
deutsche Tornadopiloten den Einsatz mit 11 US-amerikanischen Atombomben
im Rahmen der ,,nuklearen Teilhabe“ der Bundesrepublik.
,,Wir haben den Namen Pazifisten (von lateinisch pacem facere= Frieden machen) angenommen, doch wir waren - aufs Ganze gesehen - nicht bereit, einen nennenswerten Preis dafür zu bezahlen. Und weil wir den Frieden mit halbem Herzen und halbem Leben wollen, geht der Krieg natürlich weiter, denn das Kriegmachen ist seiner Natur nach total, doch das Friedenmachen ist aufgrund unserer Feigheit partiell. So gewinnt ein ganzer Wille, ein ganzes Herz und ein ganzes nationales Leben, auf Krieg aus, Oberhand über das kraftlose Wollen des Friedens. In jedem nationalen Krieg seit Gründung der Republik hielten wir es für selbstverständlich, dass der Krieg die härtesten Kosten auferlegt und dass diese Kosten mit freudigem Herzen bezahlt werden sollten. Wir halten es für selbstverständlich, dass in Kriegszeiten Familien für lange Zeit getrennt, Männer eingesperrt, verwundet, in den Wahnsinn getrieben, an fremden Stränden getötet werden. Vorsolchen Kriegen erklären wir ein Moratorium für jede normale menschliche Hoffnung - für Ehe, Gemeinschaft, Freundschaft, für moralisches Verhalten gegenüber Fremden und Unschuldigen. Wir werden belehrt, dass Entbehrung und Disziplin, privates Leid und öffentlicher Gehorsam unser Los sind. Und wir gehorchen. Und wir erleiden es - denn leiden müssen wir -, denn Krieg ist Krieg, und guter Krieg oder schlechter, wir haben ihn und seine Kosten auf dem Hals. Doch was ist der Preis des Friedens? Ich denke an die guten, ehrbaren, friedliebenden Leute, die ich zu Tausenden kenne, und ich frage mich: Wie viele von ihnen leiden an der zehrenden Krankheit der Normalität, sodass, selbst wenn sie sich zum Frieden bekennen, ihre Hände in instinktivem Krampf in Richtung ihrer Angehörigen, in Richtung ihres Komforts, ihres Heims, ihrer Sicherheit, ihres Einkommens, ihrer Zukunft, ihrer Pläne greifen - des Fünfjahresplans für das Studium, des Zehnjahresplans für die berufliche Stellung, des Zwanzigjahresplans für das familiäre Wachstum und die familiäre Eintracht, des Fünfzigjahresplans für ein anständiges Berufsleben und eine ehrenvolle Entlassung in den Ruhestand. ,Natürlich wollen wir den Frieden´, so rufen wir, doch zugleich wollen wir die Normalität, zugleich wollen wir nichts verlieren, wollen wir unser Leben unversehrt erhalten, wollen wir weder Gefängnis, noch schlechten Ruf, noch die Zerreißung persönlicher Bindungen. Und weil wir dieses erlangen und jenes bewahren müssen, und weil der Fahrplan unserer Hoffnungen um jeden Preis - um jeden Preis - auf die Minute eingehalten werden muss, und weil es unerhört ist, dass im Namen des Friedens ein Schwert niederfahren soll, das jenes feine und kluge Gewebe, das unser Leben gesponnen hat, zertrennt, weil es unerhört ist, dass gute Menschen Unrecht leiden sollen, Familien getrennt werden oder der gute Ruf dahin ist- deswegen rufen wir Friede und rufen Friede, und da ist kein Friede. Da ist kein Friede, weil da keine Friedensmacher sind. Es gibt keine Friedensmacher, weil das Frieden machen mindestens so kostspielig ist wie das Kriegmachen - mindestens so anspruchsvoll, mindestens so zerreißend, mindestens so geeignet, Schande, Kerker und Tod nach sich zu ziehen." Dr. Wolfgang Sternstein ist seit vielen Jahren Pflugschar-Aktivist, hat seine Aktionen Zivilen Ungehorsams in ungezahlten Gerichtsprozessen vertreten und oft dafür in deutschen Gefängnissen eingesessen. Copyright © Diesen Aufsatz haben wir der Zeitschrift „Friedensforum“, Rundbrief der Friedensbewegung 4/2001 entnommen. |
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