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update
vom
9.
Juli 2001
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Kinder-
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Jugendarbeit
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Wir brauchen
eine echte internationale Polizei
Karlheinz Koppe
Das Dilemma, vor dem wir alle
- Regierung wie Opposition, Friedensbewegung wie Friedensforschung und
nicht zuletzt die Bundeswehr- stehen, ist klar: Was soll geschehen, wenn
im Verlauf von Gewalteruptionen Menschen gequält, geschädigt
und ermordet werden, wie es in nahezu allen gegenwärtigen Kampfgebieten
der Fall ist, und friedliche Streitbeilegungsmechanismen nicht greifen?
Es gibt nicht nur ein Recht auf individuelle und kollektive Notwehr, es
gibt auch eine Verpflichtung zur individuellen und kollektiven Nothilfe.
Auch die Mitarbeiter ziviler Friedensdienste und humanitärer Hilfsorganisationen
haben einen Anspruch darauf, in Ausübung ihrer Tätigkeit geschützt
zu werden. Doch wie können Regierungen dieser Verpflichtung nachkommen,
ohne dadurch an der Spirale der Gewalt weiter zu drehen?
Der berechtigte Vorwurf,
dass die internationale Gemeinschaft es an Krisen- und Gewaltprävention
missen lässt, hilft weder den betroffenen Menschen noch den engagierten
Helfern. Und selbst wenn es gelingen sollte, künftig Krisen vorbeugend
zu entschärfen, gibt es keine Gewähr, dass es nicht doch zu Gewalteruptionen
kommt. Das, was heute in Ex-Jugoslawien, im Kaukasus, in Afghanistan, in
Ruanda, in Somalia, im Sudan, im Kongo, in Algerien und anderswo geschieht,
geht auf politische Umbrüche und soziale Verelendungsprozesse zurück,
die den Nährboden für skrupellose Akteure, für die Verfestigung
und längst überholt geglaubte ethnische, nationale und religiöse
Konflikte bilden. Das dürfte der Grund sein, weshalb Interventionen
- gewaltträchtige (militärische) wie gewaltfreie (zivile) - so
schwierig sind. Zahlreiche, durchaus friedensengagierte Personen, darunter
überzeugte Pazifisten (auch Grüne und linke Sozialdemokraten)
haben daraus den Schluss gezogen, dass militärisches Eingreifen in
solchen Fällen unvermeidlich sei.
Genau das ist der falsche
Schluss. Aber auch Pazifisten mogeln sich um eine Antwort herum. Dabei
ist eine stimmige, wenn auch schwierige Antwort durchaus möglich.
Albert Einstein hat sie in den dreißiger Jahren bereits gegeben.
Er war ein konsequenter Pazifist, forderte aber dennoch ein militärisches
Eingreifen gegen Hitler und den Faschismus mit dem Hinweis, dass er nach
wie vor das Militär verabscheue und sich eine internationale Polizeitruppe
vorstellen könne, da es diese aber noch nicht gebe, müsse eben
militärisch gehandelt werden.
Ich meine, dass wir uns heute
in einer vergleichbaren Situation, aber unter sehr viel günstigeren
Voraussetzungen, befinden. So wie rationale Pazifisten eine rechtsstaatlich
(und demokratisch) kontrollierte Polizei als Schutz- und Hilfsmaßnahmen
für bedrängte und bedrohte Menschen auch nicht ablehnen.
Ein gelungenes Beispiel
ist der Polizeieinsatz während des Wahlkampfes in Namibia, an dem
sich die Bundesregierung mit der Entsendung eines Kontingents des Bundesgrenzschutzes
beteiligt hat. Dieser Polizeieinsatz hat wahrscheinlich Kämpfe (und
Wahlfälschungen), wie sie bei ähnlichen Wahlen in anderen Umbruchstaaten
immer wieder zu beobachten sind, verhindert. Generell lässt sich feststellen,
dass erfolgreiche Blauhelmeinsätze auch mit internationalen Polizeieinheiten
und zivilen Beobachtern zum Ziel geführt hätten. In den zahlreichen
Fällen, in denen Blauhelmeinsätze scheiterten, haben ihnen auch
ihre militärischen Potentiale nichts genutzt. Bezeichnend dafür
war der fehl-geschlagene Somaliaeinsatz. Seither ist das (militärische)
Blauhelmkonzept diskreditiert. Wir sollten andererseits zugeben, dass die
SF0R-Streitkräfte in Bosnien und die KFOR-Truppen im Kosovo (beides
keine VN-Friedensmissionen, sondern NATO-Einsätze!) in einem hohen
Maße Polizeifunktionen übernommen haben. Nur ist das eine Sekundärfunktion,
die Primärfunktion des Militärs bleibt erhalten, nämlich
die tatsächlichen oder vermeintlichen Friedensstörer mit Waffengewalt
zu bekämpfen.
Prinzipiell ist und bleibt
Militär ungeeignet, Frieden zu stiften. Zunächst bedeutet jeder
Einsatz von Streitkräften eine erneute Aufwertung der Rolle des Militärs
innen - wie außenpolitisch und damit eine Behinderung des Aufbaus
zivilgesellschaftlicher Strukturen.
Die Befürwortung militärischer
Interventionen liefert Vorwände für weitere (oder sogar wieder
mehr) Rüstung und gegen Reduzierung von Streitkräften und verzögert
somit den 1990 zunächst eingetretenen Abrüstungstrend (wie aus
den Daten von SIPRI und BICC eindeutig ablesbar). Sie liefert auch Vorwände
für ganz andere offene und verdeckte Absichten, wie sie etwa dem Naumann-Papier
(z.B. weltweite Ressourcensicherung) zu entnehmen sind.
Es besteht zudem keine Gewähr,
dass solche Interventionen zu Erfolg führen. Im Falle des zweiten
Golfkrieges sind erheblich mehr Menschen während den Intervention
zu Tode gekommen (darunter viele Zivilpersonen) als durch die irakische
Aggression gegen Kuwait zu beklagen waren. Zudem ist es nicht gelungen,
eine wirkliche Friedenslösung herbeizuführen. Das Scheitern der
Interventionen in Somalia ist offenkundig. Nordirland lehrt, dass der Einsatz
hervorragend ausgebildeter Streitkräfte der britischen Armee über
Jahre hinweg nicht in der Lage war, die Gewalt einzudämmen. Erst der
Verzicht auf solche Einsätze machte den Weg zu einem zivilen Friedensprozess
frei. Der tragische Fall Kosovo wirft die Frage auf, wer und was mit einem
militärischen Einsatz der NATO bekämpft werden sollte (serbische
Streitkräfte und/oder bewaffnete aufständische Albaner?), ohne
dabei zahlreiche Zivilpersonen zu töten oder zu verletzen (was in
den Armeeführungen zynischerweise mit ,,Kollateralschäden" bezeichnet
wird).
Militärische Interventionen
können neue Gewaltspiralen in Gang setzen. In Somalia waren dafür
Anzeichen erkennbar. In Bosnien besteht die konkrete Gefahr, dass extremistische
Serben und Kroaten SFOR-Soldaten angreifen. Daraus könnte einjahrelanger
Guerillakrieg entstehen, der noch mehr Tote fordert., Auch die Kosovo-Intervention
läuft Gefahr, sich auf Macedonien und Albanien (und Montenegro) auszuweiten.
Der Aufwand für die
Durchführung der Interventionen ist konterproduktiv zu den nichtmilitärischen
Hilfeleistungen. In Somalia kosteten die drei Interventionen 3,5 Milliarden
US$, der Wert humanitärer Hilfe belief sich auf ziemlich genau ein
Zehntel, nämlich 350 Millionen US. Ähnliches gilt für Bosnien
und das Kosovo. Der hohe Aufwand für die militärische Intervention
verhinderte den vollen Aufbau der in der Dayton-Übereinkunft ebenfalls
vorgesehenen Internationalen Polizeitruppe (IPTF). Weder im Falle Somalias
noch im Falle Bosniens und des Kosovo ist ernsthaft geprüft worden,
ob die Bereitstellung von Hilfen größeren Ausmaßes die
Konfliktparteien nicht doch an einen Tisch gebracht hätte, zumal klar
ist, dass solche Hilfen tatsächlich nur gezahlt werden, wenn die Gewaltakte
beendet werden.
Zentrale Bedingungen für
militärische Einsätze gemäß VN-Charta wurden zu keinem
Zeitpunkt erfüllt, ja von amerikanischer Seite (aber nicht nur von
amerikanischer Seite) zielgerichtet blockiert. Sie standen nicht unter
VN-Kommando, wie in der Charta ausdrücklich vorgesehen, sondern wurden
von international zusammengesetzten Verbänden (meist unter amerikanischen
Oberkommando), darunter in Bosnien von der NATO, lediglich ,,im Auftrag“
der VN durchgeführt. Im Falle des Kosovo wurde sogar absichtlich unter
Umgehung der VN gehandelt. Die Anerkennung der Einsätze in den betroffenen
Bevölkerungen leidet darunter.
Die Selektion von Konfliktherden,
wo militärische Interventionen geboten sein könnten (im Verständnis
ihrer Befürworter), ist außerordentlich schwierig. Die Entscheidung,
wo, wann und wie interveniert werden soll, unterliegt fast zwangsläufig
opportunistischer Einschätzung, vor allem seitens der amerikanischen
Regierung (und des US-Senats). Warum wurde nicht in Ruanda interveniert,
warum nicht im Sudan, wo in den letzten Jahren mehr Menschen zu Tode gekommen
sind als in allen anderen Konfliktregionen zusammen?'
Militärinterventionen
bleiben letztlich doch in nationaler Verantwortung und damit einseitiger
Parteinahme und Interessenwahrnehmung verdächtig. Um die notwendigen
Polizeifunktionen erfüllen zu können, müssen ganz andere
Voraussetzungen gegeben sein. Die Angehörigen einer Polizeieinheit
müssen von vornherein und grundsätzlich aus verschiedenen Staaten
rekrutiert sein, sie müssen über (zumindest rudimentäre)
Sprach- Rechts- und Situationskenntnisse verfügen und mit örtlichen
Polizeikräften, soweit solche noch existieren, zusammenarbeiten. Sie
sollen durchaus leicht bewaffnet sein, wozu auch gepanzerte Fahrzeuge und
Aufklärungsflugzeuge/Hubschrauber gehören, nicht aber schwere
Panzer, schwere Artillerie und Kampfflugzeuge. Es ist denkbar, dass entsprechend
geeignete Angehörige bestehender militärischer Streitkräfte
in solche Einheiten übernommen werden, wenn sie zuvor einer ganz anderen
Ausbildung unterzogen wurden, die in mancher Hinsicht der allmählich
in Gang kommenden, wenn auch immer noch unzureichenden Ausbildung von zivilen
Friedensdienstleistenden ähneln sollte.
Ich schätze, dass dazu
deutscherseits Kontingente zwischen 50.000 und 80.000 Personen (Frauen
eingeschlossen) ausgebildet werden müssen, um jederzeit bis zu 20.000
PolizistInnen einsatzbereit zu halten, wobei zu überlegen ist, wie
von vorn herein die internationale Zusammenarbeit organisiert werden kann.
Ich stelle mir vor, dass deutsche Angehörige einer IPF (International
Police Force) gemeinsam mit Angehörigen anderer Staaten ausgebildet
und kaserniert werden. Das muss nicht zahlenmäßig ausgewogen
sein. Beispielsweise könnten in Deutschland jeweils einhundert Franzosen,
Schweden, Polen, Russen, Niederländer, Kenyaner, Argentinier, Japaner
und Malaysianer (und andere) und umgekehrt zwischen 500 und 1000 deutsche
Angehörige der IPF ständig (jeweils zu hundert) in den Partnerländern
,,dienen“.
Gegen diesen Vorschlag wird
häufig eingewandt, dass es sich um einen Etikettenschwindel handle,
weil die beschriebenen polizeilichen Interventionen doch wieder militärischem
Einsätzen gleich kämen. Das ist nicht der Fall. Allein schon
die Rechtslage ist wichtig. Bei militärischen Kampfeinsätzen
kommt es nach wie vor darauf an, dass so viel gegnerische Kombattanten
wie möglich „ausgeschaltet“ werden, was in der Regel auf Tötung
im Kampf hinausläuft. Der einzelne Soldat oder 0ffizier braucht sich
(unter Bedingungen eines Kampfeinsatzes!) nicht zu rechtfertigen, wie viele
„Gegner“ (einschließlich Zivilpersonen) getötet wurden. Der
Polizist ist dagegen dem Schutz des Menschen verpflichtet, auch des Rechtsbrechers,
er wird für jeden Schuss zur Rechenschaft gezogen, so wie dies im
nationalen Recht die Regel ist. Selbstverständlich darf auch ein Polizeieinsatz
nur im Rahmen einer Ermächtigung durch den UN-Sicherheitsrat erfolgen.
Für mögliche (straf)rechtliche Würdigungen wären internationale
Gerichtshöfe zuständig, wie es im Falle Ex-Jugoslawiens und Ruandas
bereits der Fall ist. Damit wären - auch ohne ,,Weltregierung" - die
rechtlichen Voraussetzungen für eine wirklich einsatzfähige internationale
Polizeitruppe gegeben.
Es bleibt freilich das Problem,
dass wir eine solche Polizei noch nicht, beziehungsweise erst in Ansätzen
haben. Hier sollte ein pragmatisches Vorgehen im Rahmen einer Doppelstrategie
möglich sein: unter der Voraussetzung, dass über die Schaffung
solcher internationaler Polizeieinheiten Konsens erzielt sowie mit Ausbildung
und Aufstellung ernsthaft begonnen wird, könnte übergangsweise
auch über herkömmliche militärische Interventionen Übereinkunft
erzielt werden, allerdings nur, wenn diese eindeutig dem VN-Sicherheitsrat
und dem VN-Generalsekretär unterstellt und ausreichende Finanzmittel
bereit gestellt werden. Eine entsprechend klare Aufwertung der Vereinten
Nationen wäre zugleich geeignet, die zu beobachtenden Blockierungen
im Sicherheitsrat durch ein Veto der ständigen Mitglieder zu vermeiden.
Ein solches Konzept würde
es meines Erachtens erlauben, sowohl pazifistische Grundsätze durchzuhalten
als auch Fortschritte mit Blick auf eine Entmilitarisierung der Gesellschaft
zu erzielen, ohne deshalb gefährdete Menschen eines wirksamen Schutzes
zu berauben.
Karlheinz Koppe ist ehemaliger
Leiter der Arbeitsstelle Friedensforschung in Bonn.
Diesen
Aufsatz haben wir der Zeitschrift "friedens-Forum 3/2001" entnommen.
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