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Homepage im Amt für Evangelische Kinder- und Jugendarbeit
Kinder- und
Jugendarbeit

Mohandas K. Gandhis Real-Politik[1]

Gandhi wird gelegentlich als “Idealist" bezeichnet, besonders von sog. “Realisten", die militärische Macht, Gewalt, in internationalen Beziehungen und in der Politik allgemein als letztes Mittel ansehen. Sie verwenden damit den Begriff “Idealist” im Sinne von Verzicht auf Gewalt. Als “Idealist” kann aber auch jemand bezeichnet werden, der von einer Idee getrieben ist, die auf einer allzu vereinfachenden Grundannahme beruht. Dann kann der Begriff auf Realisten wie Idealisten im anfangs genannten Sinne zutreffen. 

Aber er trifft nicht auf Gandhi zu. Seine Ideen und seine Aktionen waren viel zu komplex, ganzheitlich und in der vielschichtigen Wirklichkeit Indiens verwurzelt. 

Das simplifizierende Gewalt-Konzept

Hingegen sind die "Realisten" in Verlegenheit, denn sie haben nur eine Lösung für eine große Bandbreite an Problemen: aufs Korn nehmen und zerstören. Auch tendieren sie dazu, die beiden eisernen Gesetze der Gewaltanwendung zu übersehen:
1. Die Sieger werden angeregt, mehr Siege anzustreben.
2. Die Besiegten werden angeregt, Rache zu nehmen.
Dabei soll zugegeben werden, dass diese Prozesse in einer Gewaltspirale eine Weile dauern mögen. Gewalt ist somit der Ansatz des kurzfristig Denkenden, der raschen Beifall sucht.

Man schaue diesen beiden Politik-Amateuren bei der Arbeit zu, dem Vizekönig Lord Mountbatten und Sir Cyril Radcliffe. Man betrachte Mountbatten, wie er Radcliffe drängt, die Teilungslinie zwischen Indien und Pakistan so zu versetzen, dass der Favorit Indien leichten Zugang zu Kaschmir erhält. Wir wissen, was geschah. Wir kennen Gandhis Position gegen eine Teilung des Landes. Er verlor. Die Mountbattens gewannen. Aber uns wurde der gleiche traurige Anblick wie bei den israelisch-palästinensischen Beziehungen geboten: Nach einer enormen, geduldigen, gewaltfreien Arbeit auf beiden Seiten (und hier schließe ich die Intifada als eine nach Standards des Nahen Ostens sehr gewaltarme Bewegung ein), übernahmen Amateurpolitiker die Angelegenheit. Sie bauten mittels des "Oslo Prozesses" “Realismus” und Interessensphären in sie ein. Und mit welchem Ergebnis.

Gandhis Konzept

Gandhi stellte wohl die "Gewaltfreiheit der Tapferen" über die Gewalt. Aber er stellte auch Gewalt über die "Gewaltlosigkeit des Feiglings" - über das Nichts tun, Nicht Partei ergreifen, Abwarten, was wahrscheinlich jene Art von "Gewaltlosigkeit" ist, die den unpassenden Begriff des "passiven Widerstandes" entstehen ließ. (Ein Begriff, der wahrscheinlich von einem "Realisten" erfunden wurde.) Selbst ein oberflächlicher Blick auf Gandhis Meisterwerk, ein Buch, das eines der wenigen Lichtblicke in diesem schrecklichen Jahrhundert darstellt, seine Autobiographie "Die Geschichte meiner Experimente mit der Wahrheit", zeigt deutlich, dass sein Widerstand aktiv war.
Lassen Sie uns einen Blick auf die politische Agenda seines Lebens werfen:
1. Kampf gegen Rassismus in Südafrika;
2. Kampf für Unabhängigkeit, Swaraj;
3. Kampf gegen das Kastensystem, für die Harijans, die Unberührbaren;
4. Kampf gegen die wirtschaftliche Ausbeutung, für Sarvodaya, Wohlfahrt für alle;
5. Kampf gegen Hass zwischen Hindus und Muslimen in den Dörfern und Städten; 
6. Kampf gegen Sexismus, für die Befreiung der Frau;
7. Kampf für gütekräftige Kampfmethoden, satyagraha.[2]
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Von den acht Bruchlinien des Menschseins, zwischen Mensch und Natur, zwischen den Geschlechtern, den Generationen, zwischen Rassen, zwischen Kasten und Klassen, zwischen Nationen und zwischen Ländern griff Gandhi sechs auf. Hätte er länger gelebt, wäre er gewiss ein vehementer Umweltschützer geworden. Tatsächlich war er es in seinen Aktionen, wahrscheinlich auch in dem, was er dachte, nur führte er es kaum in Reden aus. Den Generationenkonflikt rührte er nicht wirklich an. In dieser Beziehung war er ein guter Hindu, der die Moksha-Phasen in diesem Leben ehrte, wohl auch in seinem eigenen.
Dies ist ein moderner, sogar post-moderner Politiker! Dies ist nicht die übliche Aufteilung von Politik in Schubladen wie Fragen des Rassismus, Anti-Kolonialismus, Anti-Kastensystem, Anti-Klassensystem, für kommunale Harmonie, für Gleichheit der Geschlechter. Seine Vision drückt sich in seinem Lebenswerk aus: Die Einheit der Menschheit. Und das bedeutete, dass er manchen Wesen menschliche Qualität verlieh, denen dieses Prädikat verweigert wurde: Den Indern in Südafrika, den von den Briten Kolonisierten, den Unberührbaren, den Shudras und jenen auf der anderen Seite des Zaunes in den Dörfern und Städten, den Frauen. Man bemerke: Die ersten beiden sind auch Kämpfe für seine eigenen Interessen, nämlich als Inder in Südafrika, der sich mit seinen Klienten identifiziert und als Untertan der britischen Kolonialherrschaft. 
Und dann weitet er das Aktionsfeld aus und arbeitet in gewisser Weise gegen sich selbst als den Vaishya, den politisch und ökonomisch gut Gestellten, den Hindu, den Mann.
Natürlich wurde dies vor fünfzig Jahren wie heute zu viel für einige, besonders für einen, Godse, der ihn ermordete. Aber ich sehe das etwas anders: Was für ein Wunder, dass dem Meister 78 Jahre geschenkt wurden zu lehren und uns alle zu inspirieren. Dies ist in sich selbst ein Zeugnis für seine Gütekraft; trotz der Kugel, die ihn am Ende tötete.

Godses Botschaft war eindeutig: Indien wird es ohne Gandhi besser gehen. Godse wollte das gleiche Indien wie es Nehru und seine Nachfolger wollten: modern, industriell, bewaffnet, fähig zu militärischem Handeln. Und das Militär nahm sich selbst Gandhis Beerdigungsprozession an: Was für eine Lästerung, was für ein Verbrechen.

Gandhis Botschaft in seinem Martyrium war auch klar: Hier habe ich versagt. Meine Gütekraft hat das Herz des Anderen nicht berührt. Man mag auch eine andere Schlussfolgerung ziehen: Der Kern seines Kampfes war jenes mühsame Streiten für eine neue Art zu kämpfen, seine satyagraha, Gütekraft.

Überwindung des Kolonialismus

Bevor wir uns ansehen, was mit satyagraha nach Gandhis Tod geschah, wollen wir uns einem anderen wichtigen Punkt zuwenden. Gandhi bevorzugte den gemeinen Mann, die gemeine Frau in einer dramatisch ungleichen Gesellschaft, durch Kasten/Klassen beherrscht, und das einfache Land in einer dramatisch ungleichen, durch Kolonialismus beherrschten Welt. Irgendwie gelang es diesem äußerst realistischen Politiker-Heiligen, den Schlüssel dafür zu finden, dass der Kolonialismus 'demontiert' wurde. (Ein Begriff von Churchill, jenes Mannes des 19. oder 18. Jahrhunderts, der im 20. Jahrhundert Politik machte.) Mit dem Verlust Indiens am 15. August 1947 war das Ende des Britischen Empires gekommen; der Rest waren nur noch Zuckungen reaktionärer Nostalgie. Mit dem Ende des britischen Imperialismus war der westliche Kolonialismus am Ende; das gilt auch für die restlichen Kolonialstaaten, bis auch Portugal schließlich nachgab.
Natürlich gab es Restbestände. Einer von ihnen, Hong Kong, wurde am 1. Juli 1997 "übergeben", fast 50 Jahre nach Swaraj. Und Prinz Charles verpasste die Gelegenheit für England, für den Westen, Größe des Nachdenkens zu zeigen: Kein Wort ernsthafter Entschuldigung für die Untaten des britischen Imperialismus in China einschließlich der, eine ganze Nation unter Drogen gesetzt zu haben. Diese Entschuldigung hätte nicht nur Beifall und Dankbarkeit, sondern auch gute Handelsabschlüsse gebracht, doch sie kam nie.
Für das gewöhnliche, arme Land und den armen Mann, die arme Frau einzutreten, macht eine Person zu einer Heiligen. Aber es schafft keine Anhänger unter denen, die sich als (sehr) viel ärmer als andere ansehen. Vielleicht können wir sagen, dass Indien nach Gandhis Tod zur Normalität zurückkehrte. Es ist sehr schwierig, in Indiens Außenpolitik irgendeine Spur von Gandhis Ideen zu entdecken. Was man finden kann, ist eine ritualisierte Verwaltung des Andenkens an den großen Mann in zahlreichen Instituten für Gandhi-Studien, die wenig oder nichts zur Theorie und Praxis der Gütekraft und auch nicht viel zu unserem Wissen über Gandhi beitragen. Er bleibt sein eigener bester Biograph.
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Beispiele für gewaltfreie Bewegungen
Aber die Größe Gandhis darf nicht nach seiner Rezeption in seinem Heimatland beurteilt werden, nachdem er es zur Swaraj geführt hatte und zum Vater der Nation wurde. Er gehört der ganzen Welt, wie die Erfolge gewaltfreien Vorgehens[3] in der zweiten Hälfte dieses so schrecklich gewalttätigen Jahrhunderts zeigen:
1. die Befreiung verhafteter Juden in Berlin im Februar 1943;
2. Gandhis Swaraj Kampagne für Indiens Unabhängigkeit; erreicht 1947;
3. Martin Luther Kings Kampagne für Rassengleichheit im Süden der USA seit 1956;
4. die Anti-Vietnamkrieg-Bewegung in und außerhalb Vietnams;
5. die Mütter der Plaza del Mayo in Buenos Aires gegen das Militär;
6. die "People's Power" Bewegung auf den Philippinen 1986;
7. die 'Macht-der-Kinder' Bewegung in Südafrika seit 1976;
8. die Intifada im besetzten Palästina seit 1987;
9. die Demokratiebewegung in Peking im Frühjahr 1989;
10. die Bewegungen der Solidarnosc und in der DDR, die den Kalten Krieg beendeten.
Viele weitere Beispiele könnten hinzugefügt werden.[4]  Lassen Sie mich erst einige kurze Kommentare über die Komplexität dieser zehn Fälle machen:

1. Viele Juden kehrten an ihren Arbeitsplatz zurück, nachdem sie entlassen worden waren, wurden erneut festgenommen - diesmal auf eine Art und Weise, dass Güteaktionen viel schwieriger wurden - und umgebracht. Anderen gelang es, sich zu verstecken. Gewaltfreiheit, Gütekraft ist keine Aktion eines einzigen Tages.

2. England war auch durch den Zweiten Weltkrieg und durch den Widerspruch, Deutschlands Autokratie zu bekämpfen, aber selbst dem Kolonialismus anzuhängen, geschwächt. Gandhis Aktion verschärfte diesen Widerspruch.

3. Offiziell ist die Rassentrennung in den Vereinigten Staaten beendet, während sie inoffiziell weiter besteht. Dies ist erneut ein Argument, warum gütekräftiges Vorgehen ein Prozess und nicht eine einmalige Aktion ist.

4. Im Kern gewannen die Vietnamesen einen gewalttätigen Krieg, aber die gütekräftige Art und Weise des Widerstandes schwächte vermutlich die Entschlossenheit auf der Seite der USA.

5. Die argentinische Frauen- und Mütterbewegung hatte keine eigentlichen Anführerinnen, so dass der Friedenspreis stattdessen einem bedeutenden Mann (Adolfo Pérez Esquivel) verliehen wurde.

6. Die Bürgerrechtsbewegung auf den Philippinen war vermutlich mehr von der Mittelschicht getragen als eine Bewegung von, für und durch die wirklich Unterdrückten. Deshalb hätte sie fortgesetzt werden müssen.

7. Zur positiven Entwicklung in Südafrika kam der moralische Einfluss ökonomischer Sanktionen, der Abzug von Investitionen und das positive Beispiel Zimbabwes hinzu.

8. Das Aktionsrepertoire der Bewegung schloss das Werfen von Steinen ein, aber die Argumentation lautet, dass dies gemessen an regionalen Standards schon gewaltlos ist.

9. Massivere Gewalt wurde durch die Kräfte der Regierung in China eingesetzt, aber vermutlich eher gegen die Bewegung der Arbeitergewerkschaft als gegen die Demokratiebewegung der Studierenden.

10. Die Tatsache, dass in Rumänien Gewalt angewendet wurde, macht die Aktionen in Polen und der DDR nicht weniger gewaltfrei. In Ungarn war die Transformation ein konventioneller, langsamer politischer Wechsel, und die Transformationen in der Tschechoslowakei und Bulgarien - und der Sowjetunion - können wohl am besten als Dominoeffekte von der DDR und Polen angesehen werden. In der DDR war die Massenmigration eine wichtigere gewaltlose Taktik. Der gewaltfreie Gegenputsch im August 1991 in Moskau gehört hierzu, wenngleich mit einigen Zweifeln: Nicht weil der Gegenputsch der Kräfte um Jelzin nicht gewaltlos gewesen wäre, sondern weil der Putsch selbst nicht besonders gewalttätig und vermutlich nur inszeniert war. (Z.B. als Methode, Gorbatschow loszuwerden, der zu dieser Zeit das sowjetische Imperium demontiert hatte, aber den westlichen ökonomischen Forderungen nicht nachgab.) Der Putsch der Militärs selbst war dilettantisch und halbherzig.

Die Geschichte des gewaltsamen 20. Jahrhunderts zu schreiben, ohne auch die Voraussetzungen und Wirkungen gewaltfreier Bewegungen, ohne die Gütekraft zu erforschen, bedeutet, das Jahrhundert noch schlimmer zu machen. Eine solche Vernachlässigung verrät beträchtliche ideologische Vorurteile und intellektuelle Inkompetenz, wie sie bei sogenannten "Sicherheitsstudien" weit verbreitet sind.

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Strukturprinzipien der Gütekraft 
Im Folgenden sind zehn Voraussetzungen und Zusammenhänge für die Wirkung der Gütekraft aufgezählt
1. Die Bedrohung durch direkte Gewalt oder die strukturelle Gewalt sind unerträglich für größere Gruppen im Land.
2. Eine konstruktive Alternative wurde formuliert und dem Gegenüber mündlich, in geschriebener Form, durch Demonstrationen usw. mitgeteilt.
3. Es besteht klar und gegenwärtig die Gefahr, dass irgendeine Form von Gewalt angewendet wird, wenn in der Tat gütekräftig gehandelt wird, mit anderen Worten: Die eigene Seite geht damit ein tatsächliches Risiko ein.
4. Die Verpflichtung, niemanden zu verletzen, ist klar und deutlich; sie gilt nicht nur für Handlungen, sondern auch für das, was gesagt und wenn möglich was gedacht wird.
5. Es gibt von der eigenen Seite zur Seite des Gegenübers Handlungen der Freundschaft, der Liebe, einer sich realisierenden gütekräftigen Anstrengung
6. Güteaktionen dienen dann dazu, dem Gegenüber und Außenstehenden mitzuteilen, dass man sich nie der Unterdrückung beugen werde, dass man bereit ist, die Konsequenzen hieraus zu tragen, und dass man eine positive Beziehung zum Gegenüber will.
7. Dissoziation (Nicht-Zusammenarbeit und ziviler Ungehorsam) gegenüber dem Anderen als dem Unterdrücker und Assoziation mit dem Gegenüber als Person mag dann das Denken - und sogar das Fühlen - des Gegenübers verändern.
8. Wenn der Unterdrücker Gewalt anwendet, um der Gütekraft zu begegnen, dann kann seine Demoralisierung angesichts der Konsequenzen, die seine Gewaltanwendung gegenüber den gütekräftig Widerstehenden hat, dazu helfen, seinen Sinn zu ändern.
9. Sofern das Gegenüber Gewalt aus der Ferne anwendet, einschließlich von Wirtschaftsboykott, um dem Anblick der Konsequenzen aus dem Weg zu gehen, dann müssen außenstehende Parteien mobilisiert werden, um ihm diese Konsequenzen deutlich zu machen.
10. Sofern die sozio-psychologische Distanz zwischen den beiden Seiten darauf basiert, dass das Gegenüber die eigene Seite entmenschlicht, dann wird gütekräftiges Vorgehen Außenstehende in einer Großen Kette der Gütekraft einbeziehen müssen. Einige der Vermittler werden viele soziale Charakteristika mit den Unterdrückten gemeinsam haben, andere werden ökonomisch, sozial und kulturell den Unterdrückern näher stehen.
Das Allerwichtigste: Konflikttransformation für beide Seiten
Gandhis Absicht war es nicht nur, das gütekräftige Vorgehen der Massen ihren Herrschern zu vermitteln, sondern auch, nicht neue Beherrschte entstehen zu lassen, positiv formuliert: In einem Konflikt geht es stets auch um eine Perspektive für beide Seiten und alle Akteure.
Diese drei Grundanliegen von Güteaktionen sind am allerwichtigsten: 
Erstens: Die Aktion ist gegen die schlechte Beziehung zwischen der eigenen und der anderen Seite, nicht gegen das Gegenüber als Person gerichtet. 
Zweitens: Die Aktion sollte eher Liebe als Hass und eher friedliches als gewalttätiges Verhalten befördern. 

Drittens: Das Gegenüber ist zu jeder Zeit eingeladen, diese bereichernde Erfahrung zu teilen. Dies schließt Versicherungen an den Konfliktgegner ein, dass es für ihn einen Platz in der zukünftigen Gesellschaft geben werde. 

Der Hauptpunkt ist, sich so zu verhalten, dass der Konflikt in eine positive Richtung transformiert wird. Die Parteien sollten aus ihm nicht nur mit besseren sozialen Beziehungen hervorgehen, sondern auch als bessere Menschen als sie vorher waren, besser ausgestattet, neue Konflikte gewaltfrei anzugehen. Diejenigen, die gestern oder heute zur Gewalt neigen, mögen so die Vermittler von morgen werden.

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Und wenn es nicht funktioniert?
Natürlich funktioniert dies nicht immer. Die eigene Seite mag die ersten sechs Strukturprinzipien unter Kontrolle haben, aber dann mag die Gegenseite in Bezug auf die nächsten vier nicht so wie erhofft reagieren. 
Eine Möglichkeit ist, es erneut zu versuchen; eine andere ist die Kapitulation. Sie sollte niemals als endgültig angesehen werden. Gewalt zu akzeptieren ist in sich selbst Gewalt.
Gandhianer würden die Rolle größerer Selbstläuterung betonen, damit Konflikttransformation stattfinden kann. Diese Theorie hat den Vorteil, dass sie einem selbst in einer verzweifelten Lage eine mögliche Aufgabe zeigt und benennt, was man tun kann (z. B: Meditation), und den zusätzlichen Vorteil, niemals falsch zu sein, so dass man nie die Hoffnung aufgeben muss. ("Es hat keinen Sinneswandel beim Gegenüber gegeben? Du brauchst mehr Selbstläuterung.")
Dieser Faktor, dass Gütekraft so offensichtlich auf spirituelle Weise wirkt - von Geist zu Geist - sollte gewiss nicht ausgeschlossen werden. Aber das muss nicht die politische Arbeit gegenüber und mit außenstehenden Parteien ausschließen. Bei den Strukturelementen 9 und 10 sind sie entscheidend.

Auf keinen Fall sollte jemand behaupten, dass ein Konflikt bestehe, der nicht mit friedlichen Mitteln transformiert werden könne - egal wie sehr der Hass internalisiert ist, wie sehr die Gewalt institutionalisiert ist und wie unauflösbar der Widerspruch, die Unvereinbarkeit, das Thema sind. Ich sage nicht, dass Gütekraft immer funktioniere. Es gibt keine Allmachts-Hypothese. Aber viele unterdrückte Gruppen hätten der Autonomie viel näher kommen können, wenn sie sich die Gütekraft zunutze gemacht hätten.

Gewalt funktioniert nie!

Jedoch kann die Hypothese vertreten werden, dass Gewalt nie funktioniert
Erstens ist die Zahl der getöteten und ihrer Nächsten beraubten Menschen, die Zahl der an Leib, Seele und Geist verletzten Menschen und jene, die davon berührt werden, nicht zu leugnen, ebenso wie der physische Schaden am menschlichen Lebensraum und an der Natur. Viel von diesem Schaden ist nicht wieder gut zu machen. Und dies sind nur die sichtbaren Auswirkungen von Gewalt[5], wobei unvermeidliche Nebeneffekte vernachlässigt werden, wie etwa führende Wirtschaftswissenschaftler externe Wirkungen wirtschaftlichen Handelns unberücksichtigt lassen. Nur indem die Propheten der Gewalt diese lebenswichtigen Dimensionen ignorieren, können sie zu einem positiven Ergebnis bezüglich der Anwendung von Gewalt kommen.
Zweitens: Sofern Gewalt zu einem Wandel in den Beziehungen zwischen der eigenen Seite und der Gegenseite führt, dann geschieht dies, indem das Gegenüber unfähig zum Handeln gemacht wird. Aber ein erzwungenes Ergebnis ist nicht nachhaltig, weil es nicht akzeptiert ist; und es ist unakzeptabel, weil ein besiegtes Gegenüber nicht länger ein Gegenüber ist.
Drittens hat es keine positive Transformation der eigenen Seite gegeben, sondern sogar eine negative Transformation, weil ein Sieg eine Sucht nach Gewalt auslösen und zu mehr Gewalt bei der nächsten Gelegenheit führen kann.

Viertens hat es keine positive Transformation des Gegenübers gegeben, sondern wahrscheinlich eine negative Transformation, weil auch die Niederlage eine Sucht nach Gewalt auslösen und zu Rache führen kann. Dadurch, dass man das Opfer von Gewalt wurde, wurde eine Grenze verletzt, so dass eine Barriere entfällt, moralisches Unrecht auszuüben. 

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Was tun? 
Männer und Frauen auf dem realistischen Weg der Gütekraft
Daher die Schlussfolgerung: Gandhi war viel realistischer.
Alles, was gerade über die Gütekraft, die Beispielfälle und die zugrundeliegenden Annahmen gesagt wurde, wäre ohne dieses indische Geschenk an die Menschheit heute undenkbar. Seine Sprache, die hier für Menschen unserer Zeit und vielleicht mit Neigung zur Sozialwissenschaft milde angepasst wurde, war eine spirituelle, sehr weit entfernt vom Materialismus und Behaviorismus einer "Skinner-Box", die Tauben durch die Verabreichung von Schocks und Zucker konditionierte - in die Politik übersetzt: durch Bombardierungen einerseits sowie Handel und Hilfe andererseits. Vielleicht hatte Gandhi einfach mehr Respekt gegenüber menschlichen Wesen, und machte sie dadurch auch seiner Hochachtung wert?
Eines ist gewiss: Die Gütekraft hat sich als eine Schlüsselkomponente im Vorgang der Konflikttransformation etabliert. Nach der Erfahrung des Autors ist das Hauptproblem bei den Wegen aus der Gewalt eine Macho-/Krieger-Logik, die Gewalt als das Männliche und Heroische/Mutige beschreibt und Gütekraft als weiblich ansieht. Wir sind hier im Kern bei der feministischen Kritik an der Politik - feministische Wissenschaftlerinnen und Praktikerinnen haben es besser gesagt und klarer gemacht als viele andere und manche Friedensforscher. Ich erinnere mich, im Juli 1994 als Vermittler zwischen kurdischen Fraktionen an den Ort gerufen worden zu sein, den die französische Präsidentschaft nutzt - Schloss Rambouillet vor Paris. Die Fraktionen bekämpften sich mit tödlicher Gewalt. Aber 200 kurdischen Frauen war es auf gütekräftigem Wege gelungen, einen Waffenstillstand zu Wege zu bringen. Ich drängte sie, diese Frauen in den Prozess einzubeziehen, und schaffte es, sie mit diesem Gedanken zu einen: "Wir sollen wie Frauen kämpfen? Wenn kurdische Frauen derart mit Gütekraft gewännen, was wäre dann mit uns? Sollen wir den Rest unseres Lebens unter dem Joch weiblicher Führer leben?"
Ich meine, hier liegt der Weg für Frauen und Männer. Im Vordergrund steht nicht die Frage der Effektivität. Gandhi wusste dies, für ihn waren Frauen die besten Satyagrahi. Auch in diesem Sinne war er moderner als unsere von Tradition bestimmten, auf den Ausschluss von Frauen bauenden Politiker. Und viel, viel realistischer. 

Literatur:

Galtung, Johan: Die Prinzipien des gewaltlosen Protests - Thesen über die “Große Kette der Gewaltlosigkeit” in: Bund für Soziale Verteidigung (Hg.): Ohne Waffen - aber nicht wehrlos! Minden 1989, 82 - 92

Galtung, Johan: Der Preis der Modernisierung. Struktur und Kultur im Weltsystem. Wien 1997


[1] Die Übersetzung besorgte Christine Schweitzer; sie wurde autorisiert von Johan Galtung.
[2] Der Autor ist begeistert von dem innovativen Begriff Gütekraft
[3] Siehe dazu meine Überlegungen in: Galtung 1989. Um das aktive Tun und Lassen zu betonen, ist es angemessener, von einer “Kette der Gütekraft” weltgesellschaftlicher Akteure zu sprechen.
[4] Vgl. die anderen Beiträge im ersten Kapitel dieser Publikation
[5] Siehe dazu meine Vorstudie für die Crisis Environments Training Initiative und das Disaster Management Programm der Vereinten Nationen in: Galtung 1997, 170 - 211: “Gewalt, Krieg und deren Nachwirkungen. Über sichtbare und unsichtbare Folgen von Gewalt - und wie damit umzugehen ist”

Dieser Aufsatz wurde mit freundlicher Genehmigung durch den Herausgeber dem Buch: "Gütekraft erforschen" entnommen. Bei Interesse bitte online (Martin.Arnold@privat.post.de) bestellen. Es wird verschickt nach Eingang von 18.-DM auf dem Konto "Martin Arnold" Nr. 3020343027 bei der BKD Duisburg, Bankleitzahl 35060190. 


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