Dekade
zur Überwindung von Gewalt in Deutschland - Empfehlungen zur Weiterarbeit
Ein Bericht der Konsultativgruppe*
der ACK zur Weiterarbeit am konziliaren Prozess für Gerechtigkeit,
Frieden und die Bewahrung der Schöpfung
Zusammenfassend stellt die Konsultativgruppe
fest, dass der bisherige Verlauf der Dekade trotz zahlreicher Hindernisse
einige Anfangserfolge erbracht hat, die den Sinn und die Realisierbarkeit
der Dekade bestätigen:
-
Gewalt als zentrales Problem für Gerechtigkeit,
Frieden und die Bewahrung der Schöpfung ist großen Teilen der
Bevölkerung, insbesondere in den Kirchen, bewusst geworden.
-
Kommunikationskanäle und Kooperationen
sind zwischen sehr unterschiedlich geprägten Akteuren entstanden,
die durch den christlichen Glauben und/oder ein entsprechendes sachliches
Interesse verbunden sind.
-
Ansätze für eine Integration des
Anliegens der Dekade und ihrer Intensivierung sind in Strukturen,
Themen, Programmtypen vorhanden.
1. Zur
Beschlusslage: Die Dekade fordert dazu heraus, ausdrücklich und profiliert
die Überwindung von Gewalt zu thematisieren
Empfehlung 1
Für das gemeinsame Zeugnis der Kirchen
und für eine glaubwürdige öffentliche Wahrnehmung der Dekade
ist es angebracht, den Bezug des eigenen Handelns zur Dekade für die
Überwindung von Gewalt explizit darzulegen. Damit wird die ökumenische
Gemeinsamkeit gestärkt und die theologische und geistliche Verpflichtung
der Kirchen auf diesem Feld verdeutlicht. Zugleich wird ein gemeinsames
Zeichen der Widerständigkeit gesetzt gegen Tendenzen zur Resignation
in Gesellschaft und Politik, das schwierige Thema der Gewaltüberwindung
aufzugreifen. Deshalb sollten, soweit noch nicht geschehen, auch formelle
Beschlüsse zur Beteiligung an der Dekade auf möglichst vielen
Ebenen über konkrete Ziele, Themen, Methoden und Instrumente herbeigeführt
werden.
2.
Zur Struktur: Die Dekade braucht eine Mindeststruktur
Empfehlung 2
Es ist wichtig, da zu beginnen, “wo es
brennt”. Dies ergibt sich sinnvollerweise zunächst in Anknüpfung
an die üblichen Arbeitsgebiete von Gemeinden, Kirchen und Gruppen.
Daraus kann Konkretheit und Verbindlichkeit für die Überwindung
von Gewalt wachsen. Die Akteure sollten sich aber nicht auf die häuslichen
oder gemeindlichen Gewaltphänomene beschränken, sondern auch
solche im gesellschaftlichen, nationalen, internationalen und interreligiösen
Umfeld aufgreifen.
Empfehlung 3
Für den Erfolg kommt es darauf an,
erreichbare Zwischenziele zur Überwindung von Gewalt aufzuzeigen,
um einer Frustration und Abkehr von der Aufgabe vorzubeugen. Dazu gehören
die Bearbeitung von Einzelanliegen, die Festlegung von bestimmten zu unterstützenden
Projekten, gesellschaftliche und politische Einflussnahme, sowie die geistige
und geistliche Auseinandersetzung mit Gewalt.
Empfehlung 4
Klar nach Zuständigkeiten definierte
Ansprechpartner/ Ansprechpartnerinnen insbesondere auf regionaler und überregionaler
Ebene sollten als Projektstellen oder Beauftragungen mit folgenden Aufgaben
installiert werden: Aufbau von Kommunikationskanälen; Förderung
von Kooperation zur Herstellung von Synergieeffekten und Kohärenz;
Schaffung von Instrumenten zur Kommunikation und Wirksamkeit in der Öffentlichkeit
(Informationsdienste, Internet); Unterstützung von Gruppen, Gemeinden
und Kirchen, die nachfragen oder Beratungsbedarf haben; Anleitung von multiplikatorisch
tätigen “Ehrenamtlichen”.
Empfehlung 5
Fortzusetzen ist die Kooperation mit Initiativen
wie den ökumenischen Netzen, Advocacy-Initiativen, den ökumenischen
Vereinigungen von Frauen, der Ökumenischen Friedensdekade, dem “Offenen
Forum Dekade Überwindung von Gewalt”, Aktionen wie “Lade Deine Nachbarn
ein” und Medien wie der Internet-Liste “Gewaltüberwinden” und dem
Ökumenischen Informationsdienst. Auch mit den Gruppen sollte kooperiert
werden, die bei der UN-Dekade zur “Kultur des Friedens” mitarbeiten.
3. Zur
Auswahl und Gestaltung von Themen: Vielfältiges in Zusammenhängen
sehen lernen
Empfehlung 6
Kirchen, Gemeinden und Gruppen sollten
sich zur Vermeidung von Überforderung die Freiheit nehmen, ihre Mitarbeit
an der Dekade zur Überwindung von Gewalt auf die Aufgaben und Themen
zu beschränken, die sie mit ihren Möglichkeiten voraussichtlich
in ihrem jeweiligen Kontext bewältigen können. Deshalb kann es
keine vorrangigen Themen oder Zielgruppen geben. Der Ausgangspunkt können
konkrete Vorfälle in Gemeinden und Gruppen sein, z.B. Vandalismus
rund um die Kirche, der durch einen runden Tisch der angefragten Institutionen
(Kirche, Polizei, Schulen) und durch nachfolgende Arbeit mit den verantwortlichen
Jugendlichen in Schulen, Vereinen usw. aufgearbeitet wird.
Empfehlung 7
Auf dem Hintergrund der biblischen Versöhnungsbotschaft
ist die theologische Arbeit an den Grundfragen und den lebensweltlichen
Themen der Dekade von zentraler identitätsstiftender Bedeutung
für die Kirchen Sie sollte verknüpft sein mit einem
interdisziplinären sachbezogenen Austausch zur genaueren Analyse und
Bändigung der Komplexität von Gewalt. Die Arbeit an den theologischen
und sachlichen Fragestellungen muss aufeinander bezogen sein, um anregend
wirken zu können.
Empfehlung 8
Expertise ist notwendig, um alle Beteiligten
von der Basis bis zur Leitungsebene in die Lage zu versetzen, komplexe
Sachverhalte zu analysieren, in allen Dimensionen begreifbar zu machen
und mit Handlungsoptionen versehen zu können. Wo Expertise zum Umgang
mit Gewalt fehlt, sollte sie systematisch beschafft und auch eingesetzt
werden, sowohl zum elementaren Lernen als auch zum spezifischen Handeln.
Empfehlung 9
Die aus Anlass des 11. September neu aufgebrochene
Debatte um privatisierte und staatliche entgrenzte Gewalt und die Debatte
über die Globalisierung sollte in der Dekade dazu genutzt werden,
das Verständnis und den Begriff von struktureller Gewalt, Terrorismus,
Krieg und Sicherheit unter den Leitbegriffen von Demokratie und Menschenrechten
zu
präzisieren, um genauer bestimmen
zu können, was von wem aus welchem Grunde, zu welchem Zweck und in
welcher Form getan werden kann.
Empfehlung 10
Das von den deutschen Bischöfen (“Gerechter
Friede”) und der EKD (“Schritte auf
dem Weg des Friedens – Orientierungspunkte für Friedensethik und Friedenspolitik”)
zur öffentlichen Diskussion gestellte Leitbild “Gerechter Friede”
sollte daraufhin befragt werden, was es theologisch, gesellschaftlich und
politisch im einzelnen bedeutet, um es nicht zur Floskel werden zu lassen.
Dieses Leitbild ist geeignet, zur Überwindung von Gewalt beizutragen,
weil es Glauben und säkulares Leben miteinander verbindet. Auch das
Wort des Rates der EKD und der Deutschen Bischofskonferenz zur wirtschaftlichen
und sozialen Lage in Deutschland “Für eine Zukunft in Solidarität
und Gerechtigkeit”, das Bezüge zur Gewaltproblematik hat, sollte unter
diesem Gesichtspunkt neu beachtet werden.
Empfehlung 11
Die Dekade eignet sich nach der Zusammensetzung
der Akteure, Aufgaben und den Themen hervorragend für den innerdeutschen
und den internationalen ökumenischen Dialog und sollte deshalb zur
Stärkung der Ökumene genutzt werden.
4. Zu
Ressourcen und Programmtypen: Die gezielte Nutzung vorhandener und zusätzlicher
Ressourcen ist nötig, um erfolgreich arbeiten zu können
Empfehlung 12
Um die Dekade über die Anfangserfolge
hinaus für die gesamte Dauer zu einem geistlichen Wachstumsprozess
werden zu lassen, der auch auf Gesellschaft und Politik ausstrahlt, bedarf
es einer stabilisierenden und innovativen Mindestinfrastruktur von Ressourcen
in Form von Qualifikation, Personal und Geld.
Empfehlung 13
Vorrang bei den Programmtypen sollten
diejenigen haben, die die spirituelle, pädagogische und sachliche
Kompetenz der Akteure für die Wahrnehmung und Transformation von gewaltförmigen
Konflikten verbessern, also die Qualifizierung von ehren- und hauptamtlichen
Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen in ihrer Funktion als Multiplikatoren/Multiplikatorinnen.
Ohne zusätzliche Anstrengungen z.B. bei der Aus- und Fortbildung von
haupt-, neben- und ehrenamtlichen Funktionsträgern wird die
Dekade schwerlich größere Erfolge erzielen können. Hier
ist besonders an die Umstellung bzw. Erweiterung der Curricula für
die Aus- und Fortbildung von Pfarrer/innen und anderen kirchlichen Mitarbeiter/innen
zu denken. Letzteres könnte ohne neue größere finanzielle
Anstrengungen möglich sein.
Die Konsultativgruppe nach Beratung durch
ihre Mitglieder.
Bad Honnef/Heidelberg, den 10. September
2002
Ulrich Frey, Herbert Froehlich
Sprecher der Konsultativgruppe
Das Diakonische Werk der EKD hat im April
2002 einen Fragebogen “Dekade zur Überwindung von Gewalt in der Diakonie”
versandt, dessen Ergebnisse der Konsultativgruppe noch nicht vorliegen.
Die Konsultativgruppe
zur Weiterarbeit am konziliaren Prozeß für Gerechtigkeit, Frieden
und die Bewahrung der Schöpfung ist von der Mitgliederversammlung
der ACK eingesetzt worden. Die Konsultativgruppe soll im Rahmen der Dekade
zur Überwindung von Gewalt insbesondere an der ökumenischen Einbindung
und Vernetzung, einer gründlichen inhaltlichen Reflexion und Aufarbeitung
und an der kooperativen Zusammenführung von Aktivitäten mitwirken.
Die Gruppe besteht aus Vertretern und Vertreterinnen von Mitgliedskirchen
der ACK, von Netzen und Gruppen und aus beratenden Personen.
Kontaktadresse:
Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen e.V., Ökumenische Centrale,
Ludolfusstaße 2 – 4, 60487, Frankfurt/Main
Tel. 069/247027-0,
Fax 247027-30