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Kinder- und Jugendarbeit update
vom
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UN-Resolution
für eine Kultur
des Friedens und der Gewaltfreiheit In dem hier abgedruckten Vortrag stellt Hildegard Goss-Mayr die Ehrenpräsidentin des Internationalen Versöhnungsbundes, die Entstehungsgeschichte und die möglichen Folgerungen der richtungsweisenden Resolution der UN-Generalversammlung vom 10. November 1998 dar. Hildegard Goss-Mayr die am 22. Januar dieses Jahres ihren 70. Geburtstag feierte, hielt diesen Vortrag Mitte November auf einem Treffen des österreichischen Versöhnungsbundes in St. Virgil bei Salzburg. Diese Resolution (der
UN-Generalversammlung, siehe unten) stellt einen, noch
nicht voll ermessbaren, inhaltlichen Sprung im Friedenskonzept der Völkergemeinschaft
der UN dar. Zum ersten Mal werden Konzept und Zielrichtung auf eine Kultur
der Gewaltfreiheit von der Generalversammlung proklamiert - und das einstimmig!
Die Bedeutung dieses Votums ist noch nicht abzuschätzen. Es kommt
darauf an, was die Völker selbst daraus machen:
Toter Buchstabe oder
Ansatz zu einem globalen Miteinander in größerer Gerechtigkeit
und Frieden aus der Kraft der Gewaltfreiheit. Hierbei ist zu bedenken,
dass diese Resolution das Ergebnis beharrlicher Bemühungen einer Handvoll
engagierter Menschen aus der gewaltfreien Bewegung ist. Pierre Marchand,
Leiter der NGO Partage avec les Enfants du Tiers Monde, tief betroffen
von dem Leid der Kinder der Welt, motivierte 1996 mit Hilfe der FriedensnobelpreisträgerInnen
A. P. Esquivel und Mairead Corrigan alle übrigen, lebenden FriedensnobelpreisträgerInnen
dazu, dem Appell für eine Dekade zum Aufbau einer Kultur der
Gewaltfreiheit zuzustimmen und diese bei den Vereinte n Nationen zu beantragen.
Nach intensiver Arbeit der Meinungsbildung wurde die Dekade 1998 von der
UN-Generalversammlung beschlossen.
Das 20. Jahrhundert
wird in die Menschheitsgeschichte als eines der blutigsten eingehen, zugleich
aber auch als jenes, in welchem auf der Ebene des Internationalen Rechtes,
der Bedeutung der Menschenrechte, der Sorge um Ernährung, Gesundheit,
Abrüstung wie der Vermittlertätigkeit in Konfliktsituationen,
trotz aller Schwächen der für diese Dienste errichteten internationalen
Institutionen, eine neue Ebene weltweiter gemeinschaftlicher Verantwortung
erzielt wurde. Darüber hinaus haben Philosophie und Praxis der Gewaltfreiheit
in diesem Jahrhundert als befreiende und friedenschaffende Kraft im persönlichen
wie im gesellschaftlichen Bereich geschichtliche Bedeutung erlangt. Gewaltfreie
Aktionen, beginnend mit dem Befreiungskampf von Mahatma Gandhi in Indien,
über M.L. King, den Widerstand im Prager Frühling, Solidarnosc
in Danzig, die gewaltfreie Überwindung von Diktaturen in den Philippinen
und Madagaskar, bis zur ,,samtenen" Wende in Osteuropa 1989/90 bezeugen
diesen Aufbruch. Auf diesem Hintergrund gewinnt die Dekade ihre volle Bedeutung.
Eine
Kultur der Gewalt
Aufgrund der Tatsache,
dass ,,Kindern weltweit durch verschiedene Formen der Gewalt auf allen
Ebenen der Gesellschaft Leid zugefügt wird" (UN-Resolution), sind
als erstes die Ursachen dieses Leides, d.h. die Situation, die Kultur der
Gewalt in der Welt und im besonderen in Europa zu hinterfragen, um die
Ansatzpunkte für das Ringen um eine Kultur der Gewaltfreiheit zu gewinnen.
In der in Ausarbeitung befindlichen Charta der Stiftung ,,Appell der FriedensnobelpreisträgerInnen"
für die Arbeit der Dekade wird die Kultur der Gewalt so charakterisiert:
,,Eine Kultur der
Gewalt ist auf die Befriedigung der Bedürfnisse (bzw. des Überflusses)
Weniger ausgerichtet, während sie die Achtung des Lebens und der Würde
der großen Mehrheit benachteiligt. Denn Gewalt hat dieHerrschaft
über andere und deren Ausbeutung zum Ziel. Dies bedeutet zu verletzen
und zu zerstören, was die
Würde des Menschen ausmacht: seine Freiheit und Integrität,
Gerechtigkeit und Frieden, ja, das Leben schlechthin.
In einer Kultur
der Gewalt werden die Menschenrechte und demokratischen Spielregeln missachtet,
Güter und Ressourcen sind ungleich verteilt, Informationen weder frei
noch objektiv, oft wird das Gewissen der Menschen einer vorherrschenden
Ideologie unterworfen, die Umwelt wird zugunsten rascher Profite zerstört.
Diese Kultur der Gewalt ist auch Wurzel der Rüstungsspirale und der
kriegerischen Konflikte, die auf unserem Planeten viele Menschenleben vernichten.
Sie ist aber auch die Quelle der Gewalt in den Familien wie zwischen Rassen
und ethnischen Gruppen. Für Kinder und Jugendliche bedeutet das vielfache
Leiderfahrung: zu allererst in der Familie und Schule durch autoritäre
Erziehungsformen und die Unmöglichkeit, sich mitzuteilen. Physische
und psychologische Gewalt, sexueller Missbrauch, Diskriminierung der Mädchen
im Zugang zur Bildung sind noch in vielen Gesellschaften verbreitet. Darüber
hinaus erleiden Kinder und Jugendliche direkt die Geisel sozialer politischer
und wirtschaftlicher Gewalt Hunger, Krankheit, Kinderarbeit, gewaltsame
militärische Rekrutierung, Analphabetismus, Arbeitslosigkeit, ethnische,
rassische, religiöse oder soziale Diskriminierung und ideologische
Indoktrinierung werden ihnen ohne Möglichkeit der Gegenwehr aufgezwungen.
Diese Kultur der Gewalt führt Jugendliche entweder zu Unterwerfung
und Verzweiflung oder aber zu Revolte, die sie zu Hass und zu neuer, manchmal
tödlicher und nicht selten zu selbstmörderischer Gewalt treibt"(...)
Eine
Kultur der Gewaltfreiheit
Die UN-Resolution bekräftigt,
,,dass eine Kultur des Friedens und der Gewaltfreiheit die Achtung des
Lebens und der Würde jedes Menschen ohne Vorurteile oder Diskriminierung
jedweder Art fördert." In dem Appell der Friedensnobelpreisträgerinnen
heißt es: ,,Wir glauben, dass jedes Kind die Erfahrung machen kann,
dass Gewalt kein unausweichliches Schicksal ist. Wir können Hoffnung
wecken, indem wir beginnen, eine neue Kultur der Gewaltfreiheit aufzubauen."
Die Kultur der Gewaltfreiheit
gründet auf der Achtung des Lebens und der Würde jedes Menschen
ohne Ausnahme in möglichst absoluter Weise. Ihre Werte sind Wahrheit,
Gerechtigkeit, Mitgefühl (compassion), Vergebung, Liebe. In einer
Kultur der Gewaltfreiheit wird Gewalt in all ihren Formen (physische, sexuelle,
psychologische, wirtschaftliche, soziale) durch Widerstand gegen Unrecht
und durch die Bemühung um friedliche Konfliktlösung bekämpft.
Es geht darum, aus der Spirale der Gewalt auszubrechen und Bedingungen
für ein neues, versöhntes, harmonisches Leben aufzubauen:
Konflikten wird nicht
ausgewichen, sie werden auch nicht verdeckt, vielmehr werden sie in einer
neuen Weise aufgearbeitet. Hierfür ist es nötig, gewaltfreie
Mittel anzuwenden, die die Achtung des Menschen, auch des/der Gegners/in,
wahren, d.h. gute Mittel für ein gutes Ziel einzusetzen. Die Verwirklichung
einer Kultur der Gewaltfreiheit setzt voraus, dass Einzelne und Gruppen
die Kraft der Gewaltfreiheit in sich entdecken, sich in deren Methoden
schulen und so befähigt sind, sie in persönlichen und kollektiven
Konflikten zur Anwendung zu bringen.
In einer Kultur der
Gewaltfreiheit würden gewaltfreie Konfliktlösung und Achtung
der Menschenrechte von frühester Kindheit an in Familie und Schule
gelehrt. Frauen werden in keiner Weise diskriminiert. Demokratische Werte
und Vorgangsweisen, sowie kulturelle Vielfalt und die Rechte von Minderheiten
werden auf allen Ebenen der Gesellschaft respektiert. Schutz der Schwachen
und der Randgruppen ist eine Priorität. Die Güter und Ressourcen
unseres Planeten werden (vor allem in den Beziehungen zwischen Nord und
Süd) in möglichst gerechter Weise im Rahmen einer Weltwirtschaft
geteilt, die auf die Befriedigung der Lebensbedürfnisse der größten
Anzahl der Weltbevölkerung und nicht auf Profit und Herrschaft einer
Minderheit ausgerichtet ist. Die Entwicklungsstrategien sind darauf bedacht,
das Gleichgewicht der natürlichen Ressourcen zu erhalten. Und schließlich
ist der Einsatz für Abrüstung und Konfliktprävention gefordert,
wie die Ersetzung von Waffendiensten durch einen zivilen Friedensdienst.
Die Weisheit alter
Traditionen wie die Religionen der Welt, die alle in ihrem Wesenskern die
absolute Achtung des Menschen und des Lebens tragen und bezeugen, können
durch ihre Lehre und moralische Autorität einen unschätzbaren
Beitrag zu dieser neuen Kultur leisten.(...)
Zielsetzung
der Dekade
Zielsetzung der Dekade
ist es daher, mit aller Kraft die Umgestaltung unserer Kultur der Gewalt
in eine Kultur der Gewaltfreiheit und des Friedens zu fördern und
so die Leiden der Kinder und Jugendlichen der Welt zu vermindern. HauptakteurInnen
dieses Ringens um Humanisierung sind die Kinder und Jugendlichen selbst
in Partnerschaft mit Frauen und Männern, Vereinigungen, NGOs und religiösen
Gemeinschaften sowie mit Institutionen von Regierungen und aus dem internationalen
Bereich, die selbst der Philosophie und den Methoden der Gewaltfreiheit
verpflichtet und bereit sind, sich in den Dienst der Förderung der
Kultur der Gewaltfreiheit und des Friedens zu stellen.
Dabei können wir
uns in besonderer Weise auf die von der UN-Generalversammlung an die Mitgliedsstaaten
gerichtete Bitte berufen: ,,Die notwendigen Schritte zu unternehmen, um
sicherzustellen, dass auf allen Ebenen ihrer jeweiligen Gesellschaft, namentlich
in den Bildungseinrichtungen, Unterweisung erteilt wird, Frieden und Gewaltfreiheit
aktiv zu leben.(...)
Wir sind uns jedoch
der Schwierigkeiten bewusst, mit welchen die Dekade konfrontiert ist. Denn
sie steht gegen den Zeitgeist, gegen Konzepte und Interessen in Wirtschaft
und Politik, gegen Machtmissbrauch und Egoismen auf allen Ebenen. Aus eigener
Erfahrung kennen wir jedoch auch die Wirksamkeit, die von der beharrlichen
Kraft der Wahrheit, der Gerechtigkeit, der Menschlichkeit und Liebe ausgeht:
sie ist fähig, Gewissen aufzuschließen und Strukturen umzugestalten.
Wir kennen Großzügigkeit und Idealismus in den Herzen
von Kindern und Jugendlichen und ihr Suchen nach der befreienden Kraft
der Gewaltfreiheit. Wir setzen nicht auf eine leere Utopie, die ein endgültiges
Friedensreich vortäuscht. Doch wir bauen auf die vielen kleinen, kreativen
Schritte, die in den kommenden zehn Jahren Unrecht mindern, Grundlagen
für ein friedliches Miteinander bauen und stärken werden, um
so Leid und Tränen vieler Kinder der Welt in Freude am Leben zu verwandeln.
Unter der Internet-Adresse
der UNESCO finden sich wichtige Erklärungen der Vereinten Nationen
zur "Kultur des Friedens"
©
Diesen Artikel haben wir der Zeitschrift "Versöhnung" entnommen, der
Mitgliederzeitschrift des Versöhnungsbundes.
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