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Kinder-
und
Jugendarbeit
update
vom
15.
12. 2000
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Gewaltig gewaltlos
„Es gibt das richtige Leben
mitten im falschen“
Fernando Enns zur Dekade
zur Überwindung von Gewalt
Ich staune über
die Resonanz, auf die die Idee zu einer Dekade zur Überwindung von
Gewalt (DÜG) allenthalben stößt. Scheinbar gibt es niemanden,
der nicht schon mit Gewalt konfrontiert worden wäre - nicht notwendigerweise
immer nur als Opfer von Gewalt. Jede und jeder hat seine und ihre ganz
eigenen Erfahrungen beizutragen.
1.
Es wird nicht einfach: das richtige Leben im falschen
Wir wissen, dass es nicht
einfach wird. Wir lassen uns auf eine Thematik ein, deren Komplexität
wohl kaum zu überbieten ist. Wir stolpern erneut in die Ambivalenzen
eines von Zweifeln und Versuchungen verminten Feldes. Niemand von uns kennt
die endgültigen Antworten, weil die Situationen immer anders und komplizierter
sind, als es vorher je gedacht wurde. Gewalt ist offensichtlich existenzialer
Bestandteil unseres Lebens - und Gewaltverzicht überlebens-notwendig.
Gewalt wird es immer geben auf dieser Welt, aber daraus ergibt sich noch
kein Argument für ihre Legitimation. Durch Gewalt sterben Menschen
- wird ihr Leben aber nicht auch durch Gewalt geschützt? Gewalt produziert
oft Chaos - aber wird durch eine Monopolisierung der Gewalt nicht auch
Ordnung erhalten, vor Anarchismus bewahrt? Gewalt verletzt die Würde
der Menschen, oft irreparabel - aber muss die Würde des Menschen zur
Not nicht auch durch Gewalt verteidigt werden? Eine differenzierte Sicht
der Gewalt tut Not! (Vgl. die Unterscheidung in potestas und violentia).
Sei es personale, direkte Gewalt (die gezielte Verletzung und körperliche
Schmerzzufügung) sei es strukturelle, indirekte Gewalt (hervorgerufen
durch soziale Ungleichheit oder die Behinderung der freien Selbstentfaltung),
oder sei es kulturelle Gewalt, durch subtile Formen der Diskriminierung,
die durch die herrschende Kultur scheinbar legitimiert wird und daher gerechtfertigt
erscheint.
Noch ist kaum zu erahnen,
wie viele Fratzen der Gewalt und Fenster der Gewaltüberwindung sich
auftun werden im Laufe der DÜG. Das soll uns aber gerade nicht dazu
verleiten, vorschnell eingrenzend definieren zu wollen, was Gewalt eigentlich
sei, damit alles überschaubar und hübsch behandelbar bliebe.
Im Gegenteil: Das Erfassen der Komplexität wird uns nur gelingen,
wenn wir alle Stimmen zu Wort kommen lassen. Das ist die erste Voraussetzung
zur Überwindung von Gewalt. Wenn wir uns dem nicht aussetzen, mit
all unserem Wissen und Empfinden, unserem Intellekt und Gefühl, unserer
Analyse und unsere Spiritualität, dann werden wir wohl kaum eine Kultur
des Friedens entwickeln können, weil wir in längst geführten
Debatten versinken, mehr oder weniger fundamentalistische, ideologisch
gefärbte Argumentationen wiederholen würden und in zehn Jahren
keinen Schritt weiter wären auf dem Weg zu einer Kultur des Friedens
und der Versöhnung - zusätzlich die Gefahr in Kauf nehmend, dass
das ,,Thema Frieden" dann wirklich nur noch Randgruppen innerhalb der ,,Randgruppe
Kirche" interessiert. Es geht um nichts weniger als den ernsten Versuch
eines richtigen Lebens im falschen, die bleibende Herausforderung der Guten
Nachricht des Friedens inmitten allzu alltäglicher Gewalt. Es geht
um ein Neubuchstabieren längst bekannt geglaubter Sätze, um neue
Entdeckungen: dass die andere Wange hinhalten ein Akt der gewaltlosen Zivilcourage
ist; dass auch noch den Mantel zu geben eine Provokation darstellt, den
Fordernden entblößend; und dass die Bereitschaft, eine Extra-Meile
mit zu gehen die Möglichkeit eröffnet zu einem Dialog zwischen
verschiedenen Wertesystemen. Es geht um Schuld - um Schuldfähigkeit.
Es geht um Wahrheit und Versöhnungswunder. Es geht um Glauben und
Glaubwürdigkeit. Aber wir fangen nicht bei ,,Null" an, denn ....

2. Die Dekade
zur Überwindung von Gewalt ist nicht vom Himmel gefallen
Ein Schwerpunkt der Vollversammlung
des ÖRK in Harare war der afrikanische Kontinent. Gerade aus den Kirchen
im südlichen Afrika (dem Teil der Welt, in dem sich die ärmsten
Länder finden) sind in den vergangen Jahren wichtige Impulse zu Themenschwerpunkten
ausgegangen, die die ökumenische Bewegung herausgefordert haben. Wir
erinnern uns an die Auseinandersetzungen um das Antirassismusprogramm -
auch hier in Deutschland. Es ging um Gewalt! Und um die Überwindung
von Gewalt, der im Rassismus seine Antriebskraft hatte. Konnten die Kirchen
ausschließen, dass mit ihrer finanziellen Hilfe Befreiungskämpfer
unterstützt wurden, die ihrerseits die Anwendung von Gewalt als Ultima
Ratio ansahen? - Der ÖRK hat es sich noch nie leicht gemacht mit dieser
Frage. 30 Jahre nach dem Start des Antirassismusprogramms dankte Nelson
Mandela der ökumenischen Bewegung, ohne die das politisch legitimierte,
menschenverachtende und menschenentwürdigende Apartheidsystem wohl
nicht hätte überwunden werden können. Und doch bleibt Rassismus
als Herausforderung bestehen! Für die ökumenische Gemeinschaft
der Kirchen bleibt das ein langer Weg des Lernens. Im Konziliaren Prozess
für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung, der auf
der ÖRK-Vollversammlung in Vancouver 1983 seinen Anfang nahm, wurden
die entscheidenden Dimensionen menschenwürdigen ÜberLebens so
zueinander in Beziehung gesetzt, dass sie seitdem nicht mehr getrennt voneinander
bedacht werden können: Gerechtigkeit - Frieden - Schöpfung. Die
Weltkonvokation in Seoul 1990 sprach sich in 10 Verpflichtungen aus, u.a.
,,für eine gerechte Weltwirtschaftsordnung und für die Befreiung
aus den Fesseln der Auslandsschulden", ,,für eine wirkliche Sicherheit
für alle Staaten und Völker und für ein Kultur der Gewaltlosigkeit",
,,für die Erhaltung der Erdatmosphäre und für die Schaffung
einer Kultur, die in Harmonie mit der ganzen Schöpfung leben kann",
"für die an den Wurzeln ansetzende Überwindung des Rassismus
und die Diskriminierung". Und doch stellt sich die Frage der Gerechtigkeit
angesichts der oft nur einseitig regulierten, globalen Marktwirtschaft
in neuer Brisanz; die Frage nach einem dauerhaften Frieden bleibt auch
nach dem Ende des Kalten Krieges auf der Tagesordnung der Welt; Treibhauseffekt,
Ozonloch und der absehbare Trinkwassermangel liefern schon jetzt erkennbar
den Stoff für zukünftige lokale wie internationale Konflikte.
Die DÜG ist nicht vorn Himmel gefallen, sie schließt bewusst
an frühere Prozesse und Programme an, deren Inhalte immer darauf abzielten,
dem Auftrag der Kirche gerecht zu werden, glaubwürdig Kirche zu leben
in ökumenischer Gemeinschaft. Die vielfaltigen, mutigen Zeugnisse
der gewaltlosen Gewaltüberwindung - aus El Salvador und Korea, aus
USA und Südafrika, aus Indien und Russland, aus Irland und Israel
- werden uns tragen in dieser vor uns liegenden Dekade. Sie ist auch die
Fortsetzung des Strebens nach der sichtbaren Einheit der Kirche.

3. Das Ziel der Dekade
zur Überwindung von Gewalt: Ökumenische Räume öffnen
Manchmal sind bereits etwas
ironische Stimmen zu hören gewesen über die Bezeichnung dieser
Dekade: "Ach, in zehn Jahren wollt Ihr die Gewalt überwunden haben?"
Das Gute an solchen Stimmen ist, dass sie die Nennung klarer Zielsetzungen
provozieren. Das vom Zentralausschuss erarbeitete Rahmenkonzept soll uns
als Leitlinie gelten. Mehr kann es nicht sein. Denn dies wird sicherlich
keine Dekade, in der wir allein darauf warten sollten, welche Impulse aus
der ökumenischen Zentrale in Genf kommen. Damit wäre sie von
vornherein zum Scheitern verurteilt. Der ÖRK öffnet mit der Ausrufung
der Dekade einen ökumenischen Raum, dessen Gestaltung aber von den
Kirchen in aller Welt abhängen wird. Anders kann es nicht sein, wenn
die ganz unterschiedlichen konkreten lokalen Bedingungen Ausgangspunkt
aller Überlegungen sein sollen. Das kann nicht anders sein bei einem
ökumenischen Unternehmen, das tatsächlich den ,ganzen bewohnten
Erdkreis (= Ökumene)´ im Blick haben will. An jedem Ort werden
diese Ziele eine weitere Ausbuchstabierung erfahren müssen.
3.1.
Die Dekade soll bestehende Bemühungen der Gewaltüberwindung sichtbar
machen und vernetzen
Beim Anblick der täglichen
Fernsehnachrichten aus aller Welt stockt einem der Atem: Erbitterter Krieg
in Tschetschenien; neue ,,Wahrheiten" von den Nato-Luftschlägen vor
einem Jahr. Was bleibt? Es gibt doch auch das andere, die Gewaltüberwindung,
gelungene Täter-OpferAusgleiche friedliche Demonstrationen gegen
Menschenrechtsverletzungen Mediationen, tausend Meine Schritte gegen Gewalt
schon im Vor-feld. Politiker und Politikerinnen, die weitsichtig die richtigen
Kontakte knüpfen, zivile Frieden. In der Sichtbarmachung und gegenseitigen
Vernetzung liegt ein ungeahntes Potenzial zur Entwicklung einer Kultur
des Friedens. Dazu braucht die Öffnung eines Raumes, in dem dies stattfinden
kann, eines ökumenischen Raumes der gegenseitigen Information, Stärkung,
von dem neue Impulse ausgehen.
3.2.
Herausfinden, welche spezifischen Beiträge die einzelnen Mitgliedskirchen
und der ÖRK als Ganzes leisten können
Die ökumenische Bewegung
ist reich an unterschiedlichen kirchlichen Traditionen. Die sog. Historischen
Friedenskirchen (z.B. Mennoniten und Quäker) tragen ein reiches Erbe
der Gewaltlosigkeit und der gewaltfreien Aktion in sich. Bereits im 16.
Jh. gingen einige der Täufer und Täuferinnen ins Martyrium, weil
sie meinten, es sei nicht recht für Christen, Gewalt anzuwenden. Die
Weigerung, sich an Kriegsdiensten zu beteiligen, zwang sie immer wieder
zu Flucht und Heimatlosigkeit. Ihr Verständnis von Kirche besagt,
dass nicht nur die rechte Lehre (Orthodoxie) das Wesen der Kirche bestimmt,
sondern sich ebenso im rechten Tun erweist (Orthopraxis). William Penn,
Quäker, gelang es zuerst, die Sklaverei in Pennsylvania abzuschaffen,
zu einer Zeit, als Sklaven so selbstverständlich waren wie heute die
tägliche Gewalt. Monastische Traditionen der römisch-katholischen
Kirche haben durch die Jahrhunderte hindurch eine Ethik der Gewaltlosigkeit
gelebt, im Bewusstsein, dies stellvertretend auch für die zu tun,
die dazu nicht in der Lage sind. Zu allen Zeiten gab es in fast allen Kirchen
Einzelne, Pfarrer, Theologinnen Laien, die mit ihrer Lehre und ihrem Leben
für die Wahrheit der gewaltlosen Überwindung des Bösen einstanden,
der baptistische Prediger Martin Luther King, der katholische Bischof Oscar
Romero in El Salvador und viele viele andere. - Es sind Zeugen und Zeugnisse,
die der Kirche als Ganzer gehören. Die Dekade bietet einen ökumenischen
Raum an, diesen Schatz zu heben. Schließlich haben wir als christliche
Kirchen ein bestehendes Netzwerk von Tausenden von Gemeinden in aller Welt,
in denen es einen unvergleichlichen Reichtum von Erfahrungen gibt, oft
wenig beachtet, und doch Inkarnationen der Gewaltüberwindung.

3.3.
Friedensschaffung vom Rand ins Zentrum des Lebens und Zeugnisses der Kirchen
rücken
Zu oft haben Kirchen sich
mit der Macht arrangiert, waren mehr um ihre eigene Sicherheit besorgt
als um das Recht der anderen, sind ihrem Auftrag dadurch nicht gerecht
geworden. Friedenschaffen gehört aber zum Wesen der christlichen Kirche.
Mit der DÜG öffnet sich ein Raum, diesen essenziellen Teil christlichen
Lebens und Zeugnisses wieder in das Zentrum zu rücken.
3.4.
Bündnisse eingehen zwischen Kirchen, Netzwerken und Bewegungen
Kirchen sind ein Teil der
Zivilgesellschaft. Die Kampagnen ,,Friede für die Stadt" hat u.a.
auch gezeigt: Gewalt kann dann überwunden werden, wenn sich Menschen
zusammenfinden, unterschiedlichste Repräsentanten aus verschiedenen
Institutionen, die ein gemeinsames Ziel teilen - Gewalt zu überwinden.
Ich erinnere mich gut an unsere Gespräche in Boston. Eine Gruppe von
Theologen und Soziologen war eingeladen, das Modell in Boston näher
zu analysieren. Wir saßen abends im ,,Baker-House" der Kirchengemeinde,
das zum Treffpunkt und zur Keimzelle der Friedensarbeit geworden ist. Der
Pfarrer erklärt uns die Strategie: einzelne Verbündete haben
sie in der ganzen Stadt gesucht, beim Gericht, in der Stadtverwaltung,
bei der Polizei, der Universität, den Schulen usw. In all diesen Institutionen
gibt es nun Verbündete der Kirchengemeinde. Neben mir sitzt ein kräftiger
Polizist mit einem großen Revolver am Gürtel und erklärt
uns die Strategien zur Überwindung von Gewalt. Für mich ist das
ungewohnt. Als jemand, der aus der pazifistischen Tradition einer Friedenskirche
kommt, bin ich nicht darauf eingestellt, mit Bewaffneten gemeinsam über
Lösungen nachzudenken. Und doch spüre ich, dass er es ernst meint
mit dem Friedenstiften. Früher traute sich kein Polizist in diesen
Stadtteil. Und wer weiß, womöglich wird eine Zeit kommen, in
der auch er seinen Revolver nicht mehr tragen muss. Das ist das Ziel. Dies
gilt für all die anderen Städte ebenso. Die Dekade schafft einen
ökumenischen Raum, in dem sich Bündnisse bilden können.
Die Vereinten Nationen planen parallel zur DÜG eine ,,UNDekade
für eine Kultur des Friedens und der Gewaltlosigkeit für die
Kinder der Welt". Erste Kontakte sind bereits geknüpft. Friedensnobelpreisträger
rufen zu einer Verpflichtung auf ,,für eine Kultur des Friedens und
der Gewaltlosigkeit".

3.5.
Theologische Endlegitimierung der Gewalt
Die DÜG ist "Aufforderung
an die Kirchen, Geist, Logik und Ausübung von Gewalt zu überwinden;
auf jede theologische Rechtfertigung von Gewalt zu verzichten und erneut
die Spiritualität von Versöhnung und aktiver Gewaltlosigkeit
zu bekräftigen."
Erinnern Sie sich an die
ersten Reaktionen auch aus deutschen kirchlichen Kreisen zu Beginn des
NATO-Bombardements im Kosovo? Auch kirchliche Vertreter beeilten sich,
bei aller Abwägung und Betroffenheit, den Schritt zur sog. "humanitären
Intervention" doch zu rechtfertigen. Hatten wir diese Debatte nicht längst
geführt? Die Lehre vom Gerechten Krieg hatte plötzlich wieder
Konjunktur, wobei der NATO-Angriff auf dieser Grundlage gerade nicht zu
rechtfertigen war. Auf welcher Grundlage dann? Es gibt keine theologische
Legitimation für die Anwendung von Gewalt - davon bin ich überzeugt.
Der Einzelne mag sich -wie Bonhoeffer - mit dem Bekenntnis zur bewussten
Schuldübernahme - in Extremsituationen wie dem Tyrannenmord dennoch
dafür entscheiden. Aber ein Kollektiv kann das nicht. Hier muss die
ganze Ambivalenz der Gewalt zur Sprache kommen.
Natürlich war auch
ich sprachlos angesichts der Skrupellosigkeit des serbischen Regimes. Aber
Resignation ist ein schlechter Berater. - Hier werden wir weiter streiten
müssen, aber dabei nicht vergessen, tatsächliche Alternativen
aufzubauen. Solange eine Bundesregierung den Zivilen
Friedensdienst nicht entsprechend finanziell fördert (17 Mio.
in diesem Jahr - im Gegensatz zu dreistelligen Millionenbeträgen für
die Bundeswehr im Kosovo), verkommen die Friedensbekundungen zu schönen
Sonntagsreden, denen keiner Glauben schenken kann. Lasst uns nicht darauf
warten, dass die Verantwortlichen in der Politik Ideen entwickeln. Lasst
uns unsererseits konkrete Modelle der Konfliktlösung entwerfen und
praktizieren. Das allein wird überzeugen. Voraussetzung ist, dass
wir der Versuchung widerstehen, Gewalt sei doch in bestimmten Fällen
theologisch legitimierbar.
,,Krieg soll nach Gottes
Willen nicht sein", hatte die erste VV des ÖRK bereits bekannt. Dieser
Satz wird durch den anderen weder aufgehoben noch relativiert: ,Menschenrechtsverletzungen
sollen nach Gottes Willen nicht sein". Eine Hierarchie dieser Sätze
lässt sich theologisch nicht begründen!
3.6.
Lernen von der Spiritualität Andersgläubiger
und ihren Möglichkeiten,
Frieden zu schaffen; Zusammenarbeit mit Gemeinschaften Andersgläubiger
bei der Suche nach Frieden und die Aufforderung an die Kirchen, sich mit
dem Missbrauch religiöser und ethnischer Identität in pluralistischen
Gesellschaften auseinander zu setzen. Auch hier ist der Mut der Kirchen
gefragt, neue und noch ungewollte Dialoge zu führen. Vielleicht ist
ja die Weisheit des barmherzigen Samariters, des Andersgläubigen,
gerade diese, dass die Hilfeleistung für das Opfer manchmal höher
einzuschätzen ist als die Pflege der eigenen Spiritualität. Im
jüdisch-christlichen Gespräch haben wir erst die Weite des biblischen
Shalom-Begriffs entdeckt. Vielleicht lässt uns die Konsequenz Gandhis
erst begreifen, welch revolutionäre Kraft in unserem Evangelium steckt.
Vielleicht braucht es die Moschee in unserem Stadtteil, den muslimischen
Unterricht in der deutschen Schule, damit wir gemeinsam eine Kultur des
Friedens entwickeln können.
3.7.
Ganzheitliche Auseinandersetzung mit dem breiten Spektrum von direkter
wie struktureller Gewalt (Analysen und Wege der Überwindung)
Im Rahmenkonzept zur Dekade
findet sich eine Liste von Problembereichen, die weder abgeschlossen ist,
noch den Anspruch auf Vollständigkeit erhebt. Sie ist eher Hinweis
auf das breite Spektrum, das mit der DÜG eröffnet ist.
a.
Überwindung von Gewalt zwischen Staaten
Diese Frage bleibt schmerzlich
auf der Tagesordnung. Die Hoffnung auf eine friedlichere Welt nach dem
Ende des Kalten Krieges, der in vielen Teilen der Welt immer stellvertretend
als heißer Krieg geführt wurde, hat sich nicht erfüllt.
Das grauenvolle Handeln des MilosevicRegimes hat uns auch in Europa
aus dieser Illusion gerissen. Was tun? Der militärische Eingriff der
NATO im Kosovo (ich lehne den irreführenden und verschleiernden Begriff
der sog. ,,humanitären Intervention" ab!) basierte letztlich auf einer
anvisierten internationalen Rechtsordnung, die so noch nicht in Kraft ist.
Damit ist das Handeln der Rechtsstaaten in höchstem Maße fragwürdig
geworden. Man nahm gar die Missachtung der UN-Charta in Kauf und verstieß
in der Kriegführung gegen das Völkerrecht: zivile Versorgungseinrichtungen
wurden zu Zielen erklärt, Streubomben und radioaktive Munition wurden
eingesetzt. Politisch war das ein Fehlschlag, wirtschaftlich eine Katastrophe.
Wer legt denn die Werte fest, die einen Krieg legitimieren? Worauf können
sich gemeinsame Verhaltenscodices von Staaten überhaupt stützen?
Wessen Instrument ist die UNO wirklich?
Religionen spielen als wertestiftende
und -vermittelnde Institutionen weltweit eine überaus große
Rolle, auch wenn das gerade in unserem Kontext nicht so wahrgenommen wird.
Können wir an einer funktionierenden internationalen Rechtsordnung
mitwirken?

b.
Überwindung von Gewalt innerhalb von Staaten. Überwindung von
Gewalt als Ergebnis von Rassismus und ethnischem Hass.
Dies hängt direkt mit
dem erstgenannten zusammen. Kriege sind wieder führbar geworden. Vor
allem Bürgerkriege innerhalb eines Staates sind die Herausforderung
zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Die Suche nach Identität in pluralistischen
Gesellschaften, wirtschaftliche Machtinteressen und Diskriminierung lassen
Menschen Zuflucht ergreifen in unterschiedlichsten Formen des Fundamentalismus.
Zum Teil seit Jahrzehnten dauernde Bürgerkriege lassen jegliche Bemühung
um Entwicklung jämmerlich ins Leere laufen. Können Menschenrechtsverletzungen
tatsächlich "innere Angelegenheiten" eines Staates sein? Die Gemeinschaft
der Kirchen müsste die Gemeinschaft innerhalb eines Staates transzendieren.
Dazu ist es notwendig, dass Kirchen sich nicht zu Legitimationsinstanzen
einer Kriegsführung missbrauchen lassen, sondern ihrerseits nach Wegen
der Versöhnung suchen. Die Ökumene ist die Voraussetzung dafür!
Die Verbundenheit in der ökumenischen Gemeinschaft muss letztlich
stärker sein als die Loyalität zum Nationalstaat, die Einheit
der Kirchen stärker als die Feindschaft zwischen Ethnien.
c.
Überwindung von Gewalt als Ergebnis wirtschaftlicher und politischer
Zwangsmaßnahmen
Das Diktat einer globalisierten
Wirtschaftsform lässt heute ganze Länder ihr eigenes Grab schaufeln.
In wessen Interesse geschieht das eigentlich? Unbequeme Fragen werden wir
stellen, weil wir auf die Erfahrungen unserer Schwestern und Brüder
in anderen Teilen der Wellt hören. Aber wir werden uns davor hüten,
in veralteten Ideologie-Schablonen zu verharren.
d.
Überwindung von Gewalt innerhalb von Rechtsystemen
Gewalt verstößt
nicht nur gegen geltendes Recht, sondern wird durch dieses auch legitimiert.
Dass eine westliche Demokratie, scheinbar stark geprägt durch den
christlichen Glauben, im 3. Jahrtausend noch die Todesstrafe erlaubt, ist
ein Beispiel. Werden die USA bis zum Ende der DÜG dieser Unglaubwürdigkeit
ein Ende machen? Bei uns wird es sicherlich erneut um das kritische Befragen
einer Asylrechtspraxis gehen, die zur Kriminalisierung von Asylsuchenden
beiträgt. Das Kirchenasyl ist ein mutiges Zeugnis christlicher Widerstandskraft
und entspricht dem gesellschaftlichen und öffentlichen Auftrag der
Kirchen. Wohl dem Staat, der solche Kirchengemeinden hat.
e.
Überwindung von Gewalt in lokalen Gemeinschaften
Gibt es im eigenen lokalen
Umfeld Ausländer, Flüchtlinge, Asylsuchende, die Ziele von Gewalttaten
geworden sind? Gibt es hier Schulen, an denen die Gewalt zunimmt, Schüler
sich gar bewaffnen? Welche Aufgabe stellt sich für die Kirchengemeinden?
Welche Ansätze gibt es im lokalen Kontext, der eigenen Lähmung
zu entkommen? Wurde in der eigenen Gemeinde schon einmal ein Training für
gewaltfreie Konfliktlösung organisiert? Auch der Umgang innerhalb
der Gemeinde wird sich verändern.
f.
Überwindung von Gewalt zuhause und in der Familie und Überwindung
von sexueller Gewalt
Frauen, die zur Prostitution
gezwungen werden und Kindesmisshandlungen sind nur die krassen Spitzen
dieser Form von Gewalt. Wieviele Gewalttaten kommen niemals ans Licht?
Wieviele Frauen und Kinder sind Ziel der Aggression ihrer Ehemänner
oder Väter? Die DÜG will auch diesen Raum öffnen, behutsam
grausame Geheimnisse aus dem Dunkel der Verzweiflung holen. Es darf nicht
sein, dass die Opfer von Gewalt durch das Verdrängen und Schweigen
der Umgehung erneut zu Opfern werden, dass Schamgefühl und Erpressung
die Würde gänzlich zerstören. Könnten Gemeinden nicht
zum geschützten, zum heiligen Ort des Mutes werden, durch wahrhaftige
Seelsorge zur Heilung solcher Verletzungen beitragen?
g.
Überwindung von Gewalt unter Jugendlichen
Ich wünsche mir, dass
dies einer der großen Räume wird, die die Dekade öffnet.
Dabei muss es nicht nur um das Verbot gehen, Kinder zu Soldaten zu machen.
Es geht um die Gewaltbereitschaft unter Jugendlichen generell. Machen wir
uns nichts vor: Jugendliche sind das Produkt der Eltern-Generation. Ich
kann manchen Entrüstungen wenig abgewinnen, die ihr Unverständnis
zum Ausdruck bringen über die Gewaltbereitschaft und die niedrige
Hemmschwelle der Auslebung von Aggressionen bei Jugendlichen. Wer keine
Zukunftsperspektive für sich, für seinen Platz in einer lebenswerten
Gesellschaft entdecken kann, der wird sich auch nicht scheuen, mit Gewalt
um Hilfe zu schreien. (Der Ausländerhass in Deutschland ist am größten
bei männlichen Jugendlichen mit geringem Bildungsstand in Ostdeutschland
... obwohl dort gar nicht viele Ausländer zu finden sind.) Das ist
nicht mit schärferen Waffengesetzen und Verboten von Videospielen
erledigt. Wer heute 15 ist, wird am Ende der Dekade zur Überwindung
von Gewalt 25 sein. Wird das das Leben mancher verändern können?
Welche Funktion kann Sport, Musik oder Kunst haben in der Gewaltüberwindung?
h.
Überwindung von Gewalt in der Kirche
Dies mag überraschen,
und doch ist Gewalt eine Realität auch in den Kirchen, subtiler und
versteckter vielleicht, aber deswegen nicht minder verletzend und zerstörerisch.
Die DÜG öffnet auch innerhalb der Kirchen einen Raum. Sie soll
dazu führen, dass wir unsere Strukturen, unser Verhalten, unsere Normen
und Moralcodices, ja unsere Dogmen und Liturgien auf versteckte Gewaltpotenziale
hin befragen. Ich fürchte, wir werden manch ungeahnte Entdeckung dabei
machen, die aber - wenn der neue ökumenische Raum genutzt wird - zu
heilsamen Prozessen führen können.
i.
Überwindung von Gewalt gegen die Schöpfung
Die Zerstörung unserer
Lebensgrundlagen ist Gewalt an der Natur. Könnte doch die Dekade zur
Überwindung auch von solcher Gewalt Räume öffnen: für
alternative Energiequellen, für den Schutz allen Lebens, für
die Erhaltung und Wiedergewinnung der Lebensgrundlagen für unsere
Kinder und Enkel. Völlig neue und z.T. noch ungeahnte Herausforderungen
kommen im Bereich der Genforschung und der medizinischen Ethik auf uns
zu. Wir werden dem nicht ausweichen dürfen, sondern uns eine gehörige
Portion Sachkompetenz zu nutze machen.
4. Eine Kultur
des Friedens in ökumenischer Gemeinschaft
Wir haben uns viel vorgenommen
mit dieser Dekade zur Überwindung von Gewalt. Aber wenn es uns tatsächlich
um eine Kultur des Friedens ernst ist, dann ist das mit weniger nicht getan.
Dann ist tatsächlich die Gemeinschaft der Kirchen und darüber
hinaus, die Gemeinschaft der Menschen guten Willens gefordert, sich dieser
vielfältigen Herausforderung zu stellen. Mit der ökumenischen
DÜG öffnet sich ein Raum vor uns, der all unsere Kreativität
herausfordert. Lassen wir uns nicht einschüchtern durch die scheinbar
unlösbaren Fragen, lassen wir uns nicht entmutigen durch die Ambivalenzen
der Gewalt. Sie zu erkennen und zu benennen ist der Anfang, sie zu überwinden
das Ziel. Nicht weniger. Lassen wir uns nicht gegenseitig allein, sondern
versuchen wir es in der weltweiten Gemeinschaft, in der jede und jeder
gebraucht wird. Es hängt von uns ab, wie wir diesen neuen Raum gestalten.
Im Januar 2001 soll die Ökumenische Dekade zur Überwindung von
Gewalt in Berlin international eröffnet werden. Das ist eine besondere
Chance für die Kirchen in Deutschland. Wir fangen nicht bei Null an,
sondern wollen zusammenführen, vernetzen, sichtbar machen, welche
Kraft in der Gewaltlosigkeit steckt, die sich aus der Nachfolge Jesu ergibt.
Es gibt das richtige Leben mitten im falschen. Es gibt ein Leben in Fülle
- inmitten all der Schuldverstrickung und Gewalt. Gott selbst öffnet
Räume, seine Liebe ermutigt uns zu Horizontüberschreitungen,
das Wagnis des Glaubens einzugehen.
Dr. Fernando Enns
Ökumenisches Institut,
Plankengasse 1-3
69117 Heidelberg.
Der Autor gehört der
Historischen Friedenskirche der Mennoniten an.
Der Beitrag wurde der Zeitschrift
"Oekumenischer Informationsdienst Nr. 62,
IV. Quartal /2000" entnommen und von der Redaktion gekürzt.
Einen
Rückblick über die bisherige Entwicklung der Dekade und eine
Beschreibung dessen, was in der Evangelischen Landeskirche Baden zum Thema
erarbeitet wird, bietet eine eigene Website.
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