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Kinder- und
Jugendarbeit

Auf dem Weg zu einer Definition - 
drei Dimensionen der Gütekraft 
von Martin Arnold und Reinhard Egel-Völp 
Erfahrungen mit der Gütekraft
Gütekraft gab es zu allen Zeiten und in verschiedenen Kulturen, längst bevor Mohandas Karamchand Gandhi den Begriff satyagraha dafür prägte. Auch heute ist sie in den verschiedensten Zusammenhängen zu beobachten. 
Es gibt viele Beispiele spontaner (nicht methodisch durchdachter) gütekräftiger Handlungen. Gandhi entwickelte diese Vorgehensweise seit 1893 für persönliche, gesellschaftliche und politische Auseinandersetzungen praktisch und theoretisch und gestaltete sie methodisch aus. 


Jean Goss und Hildegard Goss-Mayr, Lanza del Vasto und die von ihm (im Geiste Gandhis) gegründete Arche sowie Martin Luther King machten in ihren jeweiligen Kontexten vergleichbare Erfahrungen und deuteten sie. Vorwiegend Gandhis Erfahrungen und Deutungen sowie die der genannten Personen und Traditionen liegen der vorliegenden Darstellung zugrunde.

Gütekräftig vorgegangen wurde häufig in asymmetrischen Konfliktsituationen, in denen die äußeren Machtmittel der Konfliktpartner ungleich sind, z.B. in Situationen von Unterdrückung oder Unrecht. In diesen wurde die gütekräftige Handlungsweise entwickelt. Eine solche Lage bringt Besonderheiten der Beziehungen und der Kommunikation mit sich; so ist oft nicht einmal die einfache Voraussetzung für einen Dialog gegeben, dass beide Seiten einander als Gesprächspartner ernstnehmen. Mit Worten allein gelingt es in solchen Fällen nur selten, die Beziehung zu ändern. 

Für die Dynamik von Konflikten spielt häufig der Grad der Befangenheit der Konfliktpartner in ihrer Position und ihrem Interesse, eben in ihrer Teilsicht der Wahrheit, eine Schlüsselrolle. Oft kann ein Dritter, der nicht direkt am Konflikt beteiligt ist, als Mediator für die Konfliktbearbeitung hilfreich sein. Die angegebenen Konzepte des gütekräftigen Vorgehens sind allerdings aus der Rolle des unmittelbar am Konflikt Beteiligten heraus entwickelt und in dieser Rolle auch verwirklicht worden. Wegen der persönlichen Betroffenheit bedarf die innere Haltung dabei besonderer Aufmerksamkeit. (Die in den Traditionen der Gütekraft entwickelten und beschriebenen Haltungen haben ebenfalls für die Mediation wie auch für die Psychotherapie, teilweise auch für die Pädagogik, große Bedeutung und umgekehrt, da jeweils verwandte Befreiungsprozesse angestrebt werden.) 

In größeren, politischen Auseinandersetzungen kam oft die Gütekraft über einen Um­­­weg zur Wirkung: Auch wenn Verantwortliche nicht überzeugt wurden, konnte Unrecht fallen, wenn ihm die Unterstützung durch gesellschaftliche Gruppen oder Institutionen (öffentlich) entzogen wurde oder das Handeln Dritter (z.B. höherer In­s­tan­zen) zum Abbau von Unrecht beitrug, so mehrfach in der Bürgerrechtsbewe­gung in den USA: Eine Verfassungs­gerichtsentscheidung beendete den Bus­streit 1955; in einer späteren Phase wur­de der Härte zeigende Polizeichef Con­nor nicht überzeugt, aber abgelöst. Konfliktregelungen, die mit Hilfe staatlicher In­sti­tu­ti­o­nen durchgesetzt werden, bedeuten allerdings keinen völligen Abbau von Gewalt.) 

Drei Dimensionen der Gütekraft

Gütekräftiges Vorgehen hat zum Ziel, dass der Konfliktpartner Verhalten und Strukturen in einem Prozess der beiderseitigen Befreiung dauerhaft ändert und damit soziale Verhältnisse verbessert werden. Dieses Ziel liegt bereits untrennbar begründet in der Qualität der Haltung, die die gütekräftig Handelnden entwickeln, in den Methoden, die sie ausschließlich anwenden, und in der besonderen Beziehung, die dabei entsteht. Diese drei Dimensionen gehören also bei der Gütekraft zusammen: bestimmte innere Haltungen, eine befreiende Beziehung und bestimmte Verhaltensweisen
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Innere Haltungen: 


Bei gütekräftigem Handeln wird von grundsätzlicher Zusammengehörigkeit der aktuellen Kontrahenten (evtl. aller Menschen) ausgegangen. Daher ist es auch für primär Beteiligte bei diesem Vorgehen möglich, Konflikte nicht nur unter Interessen­gesichtspunkten zu betrachten, sondern sie leben aus der Gemeinsamkeit heraus in einem weiteren Horizont und können so Werte repräsentieren und zur Geltung bringen, die den antagonistischen Charakter (oder solche Anteile) von Konflikten überwinden. (Eine solche Haltung ist vielerorts zu finden in familiären, persönlichen und gesellschaftlichen ebenso wie in politischen Konflikten.) Mit Acht­samkeit und Einfühlung kann so die Zielsetzung transformiert werden von der Durch­setzung von Eigeninteressen hin zur Verbesserung des Gemeinwohls. Es geht um Befreiung beider Seiten aus einem unwürdigen, verbesserungswürdigen Zustand. 

Solange nur auf der Ebene der Eigeninteressen der Beteiligten agiert wird, kommt die Gütekraft nicht ins Spiel. Die handlungsleitenden Prinzipien sind, wenn die Gütekraft Bedeutung gewinnt, aus den für positive Entwicklungen von Gemeinschaften oder Gesellschaften wichtigen Werten abzuleiten. (D.h. gütekräftiges Vorgehen kann auch den Streit darum einschließen, welche Werte der Fortentwicklung der Gemeinschaft wirklich dienen.) Gütekräftig Handelnde gehen davon aus, dass für diese Ziele Solidarisierung möglich ist. 

Aus diesem Bewusstsein heraus werden Konfliktgegner in ihrer Würde und ihren Menschenrechten geachtet. Daher (nicht aus taktischen Gründen) wird die Verletzung oder Schädigung von Menschen ausgeschlossen, und zwar nicht nur in der Form direkter oder offener Gewalt, sondern auch psychische und andere indirekte Formen von Gewalt, einschließlich Beleidigungen oder Verleumdungen. Der Abbau von Gewalt in jeglicher Form und an beliebigem Ort gehört (wie die Menschenrechte unteilbar sind) zu gütekräftiger Einsatzbereitschaft. 

Damit ist die Bereitschaft verbunden, selbst einen Beitrag zur Überwindung von Unrecht zu leisten, auch dann, wenn er persönlich etwas kostet. Ein Gedanke dahinter ist der, dass auch das Hinnehmen von Unrecht, das Schweigen, das Nicht­widerstehen, eine Beteiligung am Unrecht bedeutet und insofern auch die güte­kräf­tig Handelnden bislang nicht ohne eigenen Anteil am Unrecht sind, wenn die­ses schon eine Weile geschieht. Weiterhin ist es einleuchtender, wenn von ande­ren nicht mehr erwartet wird als das, wozu man selbst auch bereit ist. Und ein eige­ner Beitrag kann die gewünschte Zielsetzung klarer und plausibler machen, wenn sie bereits teilweise realisiert wird. Außerdem kann durch eigene beispielhafte Beiträge ein Katalysatoreffekt entstehen, der weitere Schritte bei anderen zur Folge hat. Oft hat sich gütekräftiges Handeln wie Lachen geradezu als “ansteckend” erwiesen. 

Beim Eintreten für die Verbesserung der Lage wurde in der Politik häufig die Erfahrung gemacht, dass die andere Seite, wenn sie nicht positiv reagierte, nach einer Phase des Ignorierens der gütekräftigen Aktivitäten mit Lächerlichmachen begann und, wenn dies nicht zur Aufgabe der Aktivitäten führte, fortfuhr mit Verleumdungen, gefolgt von Einschüchterungen, und dass sie, evtl. nach Scheinangeboten des Entgegenkommens, schließlich Unterdrückungs­maßnahmen ergriff, die je nach gesellschaftlichem Zusammenhang hoch eskalieren konnten; wenn auch dann die gütekräftig Aktiven nicht aufgaben, gab es plötzlich die Anerkennung. Entschiedenheit, Beständigkeit, Festigkeit, Beharrlichkeit, Entschlossenheit im Engagement gehören zur inneren Haltung der Gütekraft, sie bedürfen bei den meisten Menschen in politischen Auseinandersetzungen der tragenden Gruppe und der inneren Zurüstung, damit sie nicht starr wird. 

Beziehung:
Die gütekräftig Handelnden können (nach eigener Vorstellung) den Erfolg ihrer Aktivitäten nicht selbst herbeiführen; vielmehr gibt es in der gütekräftigen Kommunikation (wie wohl in allen menschlichen Beziehungen) Elemente der Unverfügbarkeit. Die Betroffenen sehen hier als wesentlichen Faktor in dem gesamten Geschehen eine unverfügbare Kraft oder Macht. Dies ist einerseits auch den inneren Haltungen zuzurechnen. Andererseits gehört es zur allgemeinen Erfahrung menschlicher Freiheit und menschlicher Beziehungen (es wäre nicht angemessen, dies allein als “subjektiven Faktor” anzusehen). Es gibt kommunikative Kräfte, deren Wirkung nicht von den einzelnen Beteiligten herbeigeführt werden kann (z.B. Liebe), sondern die aus der besonderen Beschaffenheit der Kommunikationssituation zutage treten. 

Gütekräftig Tätige schreiben den Erfolg ihrer Aktivitäten einer solchen Dynamik zu. Darin kommt einerseits zum Ausdruck, dass der Vorgang, bei dem ja kein Zwang ausgeübt wird, nicht mechanistisch gedeutet, sondern die Tatsache gesehen wird, dass es sich um zwischenmenschliche Kommunikation mit den ihr eigenen Unwägbarkeiten handelt. Andererseits ist dieses nichtmechanistische Deutungsmuster für das passende Verhalten im Konflikt selbst konstitutiv: Sobald von den Betroffenen selbst ein Element des Zwanges (oder die Drohung damit) angewandt würde, würde die Auseinandersetzungsebene verlassen, auf der das Geschehen stattfindet, nämlich die der Werte, und die Chancen zur Besserung würden geschwächt. 

Am Wichtigsten in diesem Zusammenhang ist jedoch: Ähnlich wie bei der Meditation ist der Weg der Gütekraft nicht zu finden, wenn er nicht in einer Haltung des Loslassens und des Vertrauens auf die wie auch immer benannte Kraft beschritten wird, d.h. die gütekräftig Aktiven sind bereit, sich auch selbst davon beeinflussen zu lassen, sich selbst in der Auseinandersetzung mit verändern zu lassen in eine anfangs noch unbekannte Richtung. Sie erweist sich so bei ihnen selbst zuerst als wirksam, als erfahrbar und prägend.

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Verhalten:


Die Betroffenen verhalten sich so, dass die andere Seite eine Botschaft vernehmen kann und sie ihr Verhalten dann aus eigener Entscheidung dauerhaft ändert. Das gütekräftige Verhalten kann je nach Situation sehr unterschiedlich sein, vorwiegend wird es aus kommunikativen und demonstrativen Handlungen bestehen, die die eigene Dialogbereitschaft über die Verwirklichung eines für beide besseren Rechts klarmachen und die Situation und deren Bewertung durch die gütekräftig Handelnden deutlich machen. Eine breite Palette von Aktionsmethoden, die aus konstruktiven Aktionen und aus Widerstandshandlungen bestehen, ist bis heute in politischen Auseinandersetzungen entwickelt worden. Sie schließen Möglichkeiten der Eskalation ein, die auch z.B. politischen Druck erzeugen können. 

Zur Erläuterung seien einige Beispiele aus den letzten Jahrzehnten genannt, geordnet nach der “Skala gewaltfreier Kampfmaßnahmen” (Ebert 1981, 37):

a) Funktionale Demonstration / Protest, z.B.:

- Flugblätter; Informationsschriften; Informationskampagne an die Öffentlichkeit
- Gesprächs-, Lehrveranstaltung, Runder Tisch; Gutachten
- Aufstellen von Symbolen (z.B. Kerzen, Kreuzen) oder Tafeln an öffentlichen Plätzen; 
- Straßenumbenennung
- Petition; Unterschriftensammlung / Brief-, Postkartenaktion
- Aufnäher tragen “Schwerter zu Pflugscharen”, Sticker “Atomkraft nein danke!”; 
- Mahnwache; Demonstration; Straßentheater; öffentliche Kundgebung
b) Legale Rolleninnovation / Legale Nichtzusammenarbeit, z.B.:
- Sühnezeichen-Arbeit; Friedensdienst, Ausbildung zum Friedensarbeiter
- Flüchtlingshilfe; Hilfe für Betroffene in Kriegsgebieten
- Gleichstellung von Frauen; Eine-Welt-Laden-Arbeit; Arbeit in Bürgerinitiativen
- einvernehmliches "Umfunktionieren" einer Lehrveranstaltung für aktuelle Thematik
- Geländekauf zur Behinderung von Enteignungen für Atomanlagen
- Kriegsdienstverweigerung; Früchte-, Bankenboykott; (evtl. Fasten) 
c) Zivile Usurpation / Ziviler Ungehorsam, z.B.:
- Kirchenasyl für politisch Verfolgte
- Steuerumleitung für Friedensdorf Oberhausen / Militärsteuerverweigerung 
- Selbstorganisierter Zivildienst/ Totalverweigerung 
- Aufnäher “Schwerter zu Pflugscharen” tragen (solange verboten: = Ziviler Ungehorsam)
- Verweigerung von Bausoldatendiensten für Militärzwecke
- Militäranlage besetzen; Weizen säen auf Militärgelände; Verkehrsblockade
- Zerstörung (Abrüstung) von Raketentransportern
Gewalt oder Zwang wird nicht angewendet, auch nicht damit gedroht. Dies hat seinen Grund auch darin, dass gütekräftig Handelnde sich selbst dem Erweis der Wahrheit unterstellen wollen, für die sie eintreten: Der verbesserte, neue Zustand soll nicht durch Zwangsmittel herbeigeführt werden, die dann auch für seine Sta­bi­lisierung wieder nötig wären, sondern aus seiner neuen Qualität heraus sich als stark erweisen, weil die Beteiligten die Verbesserung des Gemeinwohls wünschen. Im Laufe des Verständigungsprozesses kann sich erwei­sen, dass die gütekräftig Handelnden ihre anfänglichen Vorstellungen vom Ge­mein­wohl revidieren müssen. Das Ziel des Konflikts ist ja nicht, dass sich die gütekräftig Handelnden auf Kosten der anderen Seite durchsetzen, sondern dass, nachdem die Kontrahenten versöhnt sind, ein Zustand der Gemeinschaft oder Gesellschaft entsteht, der gegenüber vorher von höherer Qualität, von mehr “Güte” bestimmt ist. 

Literatur: Theodor Ebert: Gewaltfreier Aufstand. Waldkirch 1981

Martin Arnold und Reinhard Egel-Völp
 

Dieser Aufsatz wurde mit freundlicher Genehmigung durch den Herausgeber dem Buch: "Gütekraft erforschen" entnommen. Bei Interesse bitte online (Martin.Arnold@privat.post.de) bestellen. Es wird verschickt nach Eingang von 18.-DM auf dem Konto "Martin Arnold" Nr. 3020343027 bei der BKD Duisburg, Bankleitzahl 35060190. 

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