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update vom
23. 7. 2002

Gegen den Krieg in Tschetschenien!

ein Kriegsgegner aus Moskau berichtet

Etwa 40 Interessierte kamen am 7. April im DGB-Haus in Karlsruhe zusammen, um sich aus erster Hand über die Situation des Krieges in Tschetschenien zu informieren. Eingeladen hatte der DGB, das Karlsruher Friedensbündnis und die Arbeitsstelle Frieden. Gastreferent war der deutschsprechende Politikwissenschaftler Dr. Vadim Damier aus Moskau. Der Abend in Karlsruhe war für ihn gleichzeitig der Abschluß einer 14-tägigen Rundreise durch Frankreich und Deutschland, die von Connection e.V. und der Deutschen Friedensgesellschaft-Vereinigte KriegsgegnerInnen (DFG-VK) organisiert wurde.

Für die, die kamen, hat sich der Abend gelohnt, denn Dr. Damier verstand es, die komplexen Hintergründe des Tschetschenienkrieges interessant und überzeugend darzustellen. Interessant, weil er als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Zeitgeschichte der Moskauer Akademie der Wissenschaften in der Materie offensichtlich "zu Hause" ist. Überzeugend, weil er sich in der Moskauer Antikriegsbewegung engagiert und deshalb "mit dem Herzen" präsent war. Das einzig Negative war der Anlass seines Besuches: der Krieg in Tschetschenien. Dieser Krieg, so Damier, wird keinerlei Beitrag zur Lösung der Probleme in Rußland oder Tschetschenien bringen, und doch deute vieles darauf hin, dass er noch lange dauern wird. Auch wenn er in offiziellen Erklärungen aller Beteiligten immer wieder verurteilt wird, profitieren die unterschiedlichsten Interessengruppen vom Fortgang der Kampfhandlungen, während die aktiven Kriegsgegner in beiden Ländern zu einer kleinen Minderheit zusammenschrumpfen.  Insbesondere Neoliberalismus und Nationalismus sieht Damier als Nährboden des Krieges. Da geht es einerseits um das "schwarze Gold", die Kontrolle über Ölquellen, kleine Raffinerien sowie Pipelines durch Tschetschenien. Da geht es andererseits um nationale Gefühle oder auch ganz banal darum, die Parlamentswahlen in Russland zu gewinnen (Putins Wahlaussichten stiegen mit seiner Entschlossenheit im Tschetschenienkrieg). 
Durch die nationalistische Färbung des Konfliktes sieht Damier auch für den Westen wenig Möglichkeiten, auf ein Ende des Krieges hinzuwirken. Der Nato-Einsatz im Jugoslawienkrieg lieferte den russischen Nationalisten die schlagkräftigsten Argumente. Daß damit der Westen sein wahres Gesicht gezeigt habe, glaubt nach Damier nicht mehr nur eine kleine Minderheit, sondern die breite Mehrheit. Viele setzen auf das "Modell Pinochet" und erhoffen sich unter einer starken Führung mit einem möglichst liberalen Wirtschaftssystem eine bessere Zukunft. Für ihn selbst käme diese "Vision" eher einer Katastrophe gleich, während eine hoffnungsvolle Vision für Russland derzeit nicht in Sicht ist. Kleine Zeichen der  Hoffnung sieht er in  vertrauensbildenden Massnahmen, z.B. gegenseitigen Besuchen zwischen Menschen im Westen und Osten, um damit dem Nationalismus ein wenig den Nährboden zu entziehen. Mit seinem Besuch hat er einen Anfang gemacht. 

Das folgende Interview mit Dr. Damier führte Karl Grobe* für die Frankfurter Rundschau während seinem Aufenthalt in Frankfurt:
Es ist verzweifelt schwer, in Russland gegen den Vernichtungskrieg in Tschetschenien anzukämpfen. Nur einige hundert Leute, erläutert Vadim Damier im Gespräch mit der FR, beteiligen sich in Moskau an Aktivitäten gegen den Krieg. 
Dr. Damier, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Allgemeine Geschichte der russischen Akademie der Wissenschaften, zitiert Umfragen, nach denen 80 Prozent der Befragten den Krieg für richtig halten und 49 Prozent sich nur eine "militärische Lösung" vorstellen können. Damier sieht das zwar unter Vorbehalt - "Kann man Umfragen vertrauen?". Doch die Tendenz sei wohl richtig abgebildet. 

Denn werden Flugblätter gegen den Krieg verteilt, etwa vom Komitee der Soldatenmütter, oder Plakate von Kriegsgegnern geklebt, dann verschwinden sie bald. Manchmal werden sie mit Anmerkungen versehen. Dann "findet ein Dialog auf ihnen statt", jedoch kein erfreulicher: Die Vernichtung aller Tschetschenen werde da etwa gefordert. Die "Bekämpfung des Terrorismus" sei allgemeine Doktrin, sagt Damier, der einem starken Staat aus Grundsatz misstraut. Folglich glaubt er auch den amtlichen Statistiken über Kriegsverluste auf russischer Seite nicht. Das Komitee der Soldatenmütter - Damier räumt ein, dass auch dessen Zahlen wohl nicht vollständig sind - habe weit höhere Zahlen als die Regierung vorgelegt. Dem Komitee zufolge kamen bisher mehr als 3500 Soldaten ums Leben, mehr als 6500 wurden verwundet und rund 500 gelten als vermisst. In Gefechten wurden demnach auch rund zwei Dutzend Angehörige der gefürchteten russischen Omon-Sondertruppe getötet. 

Unter den Wehrpflichtigen, "die in diesem Krieg verheizt werden", kann Damier kaum eine entschiedene Dienstverweigerung wegen Moskaus hartem Vorgehen gegen Tschetschenien feststellen. Junge Russen suchen sich vielmehr dem Dienst zu entziehen, weil die allgemeinen Verhältnisse in der Armee - Rekrutenschinderei übelster Art - sich noch immer nicht verändert haben, seit vor zehn Jahren das Magazin Ogonjok am Ende der Sowjetzeit über Hunderte Fälle von Totschlag und Selbstmord berichtet hatte.

Gewiss, es gebe verfassungsmäßig das Recht auf Ersatzdienst; faktisch aber gibt es Ersatzdienst nicht. Juristisch Beschlagene kommen mit dem Hinweis auf ihren Rechtsanspruch manchmal durch. Verbreiteter sei die Methode, den Musterungs- oder Gestellungsbefehl nicht, wie vorgeschrieben, persönlich entgegenzunehmen, sondern "sich unsichtbar zu machen". Andere machten sich vorsätzlich krank oder kauften sich für 1000 Dollar frei. Vor einigen Jahren seien 70 Prozent eines Jahrgangs nicht zur Armee gegangen. Aber das ist kein pazifistischer Hoffnungsschimmer. Verweigerung ist nur bei Intellektuellen in den Großstädten häufig. Nicht aber in der Provinz, wo Militärdienst noch als Ehrendienst gilt. 

Den zum propagandistischen Hauptfeind aufgebauten Gegner, den "Wahhabismus", habe Russlands Militäreinsatz selbst geschaffen, so Damier. Neue Clans und Kommandanten, die im Gegensatz zu den gewählten Präsidenten Dschochar Dudajew und Aslan Maschadow jeden Kompromiss mit Moskau ablehnten, hätten einen radikaleren Islam als ein Nation stiftendes Mittel eingesetzt. 

Doch man solle nicht verkennen, dass außer der Scharia, dem islamischen Gesetz, auch Gewohnheitsrecht (Adat) das tschetschenische Leben bestimme. Im Volk seien die radikalen Islamisten, "darunter sind auch Wahhabis", nicht verankert. Das böse Resultat des Krieges ist Damier zufolge die Radikalisierung des tschetschenischen Volkes, Hass gegen Russland auch im tschetschenischen Norden, der bis 1993 eher russlandfreundlich war, und das Aufkommen militanter warlords. Partisanenkrieg werde folgen, "der Kriegsverlauf folgt dem Drehbuch der Tschetschenen". Dann könnte die Stimmung in Russland umschlagen. Doch das ist nur eine Hoffnung, keine Gewissheit. 

Einen genaueren Einblick in die Hintergründe des Tschetschenien-Konfliktes gibt das im Hersbt 2001 veröffentlichte Tschetschenine-Buch von Dr. Karl Grobe. Die Friedenskooperative dokumentiert auf ihrer Homepage Auszüge aus diesem Buch.

Copyright des Interviews: © Frankfurter Rundschau 2000 
Erscheinungsdatum 30.03.2000


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