Mit der Wehrpflicht
wackelt der Zivildienst -
viele offene Fragen zur Bundewehrreform
Fällt
sie oder fällt sie nicht? Nicht nur Jugendliche im wehrpflichtigen
Alter haben sich seit geraumer Zeit diese Frage gespannt gestellt, ebenso
manche Einrichtungen der Diakonie oder im Bereich der Jugendarbeit, die
Einsatzstellen für Zivildienstleistende bereit stellen. Gerade in
den letzten Wochen war die Frage jedoch spannender als je zuvor: Fällt
sie also oder fällt sie nicht?
Mittlerweile
liegen die ersten "harten Fakten" vor, die deutlich die "Marschrichtung"
einer erneuerten Bundeswehr aufzeigen. Gemeint ist der Kabinettsbeschluss
vom 14.Juni diesen Jahres. An diesem Tag beschloss die rot-grüne Regierungsmannschaft,
Verteidigungsminister Scharpings Reformkonzept für die Bundeswehr
zu unterstützen. Drei Wochen nach Veröffentlichung des Berichtes
der Wehrstrukturkommission hatte Scharping seine "Eckpfeiler für eine
Erneuerung von Grund auf" beschrieben. Und die Anwort auf die Frage, fällt
sie oder fällt sie nicht, ist bekannt: Die Wehrpflicht bleibt erhalten,
wird aber auf sechs bis neun Monate verkürzt.
Also bleibt,
so scheint es auf den ersten Blick, mit ein paar Modifizierungen alles
beim Alten. Die Evangangesliche Jugend muss jetzt nicht in Hektik verfallen
und kann sich Zeit lassen, um an einem sinnvollen Konzept der künftigen
Freiwilligenarbeit weiterzubasteln. Kein Grund zur Beunruhigung also. Schließlich
bleibt auch der Zivildienst erhalten, was man der Diakonie und den anderen
Wohlfahrtsverbänden zunächst auch gerne gönnt.
Aber schauen
wir genauer hin, was heißt denn diese "Erneuerung von Grund auf"?
Für eine Reduzierung der Wehrpflicht von 10 auf sechs bis neun Monate
muss doch keine Wehrstrukturkommission 13 Monate arbeiten. Und es ist so:
Die wirklich grundsätzliche Erneuerung bezieht sich nicht auf die
Frage der Wehrpflicht, sondern auf die Sinnfrage der Bundeswehr. Wozu brauchen
wir noch eine Bundeswehr in solch großem Umfang, wenn der ursprüngliche
"Feind" machtlos am Boden liegt und die östlichen Nachbarn inzwischen
zu Verbündeten geworden sind? Müssen wir uns noch auf den Verteidigungsfall
einstellen?
Aller Wahrscheinlichkeit
nicht. So sehen es weitgehend alle Friedensforscher und so sieht es auch
die Bundesregierung. Aber statt den kostengünstigen und logischen
Schritt in Richtung Abrüstung zu gehen, will die Regierung die Einsatzfähigkeit
der Bundeswehr für Kriegseinsätze fern der Heimat ausbauen. 150
000 Soldaten sollen hierfür geschult, neue Waffensysteme angeschafft
werden. Zur Finanzierung des Ganzen wird die Bundeswehr verkleinert und
ein Teil der "Verteidigungswaffen" verkauft. Ausgebaut werden die Transportkapazitäten
und die Präzisionswaffen; ein Satellitenprogramm wird eingeführt.
Deutschland soll als europäische "Lead Nation" auch militärisch
eine Führungsrolle übernehmen.
Kein Grund
zur Beunruhigung? Ich denke doch. Aber nicht wegen der Wehrpflicht. Eher
deshalb, weil eine grundsätzliche Veränderung deutscher Sicherheitspolitik
durchgeführt werden soll. Die öffentliche Diskussion hierüber
hat noch nicht stattgefunden, auch nicht in der Kirche. Manche Gemeinden
werden dies im November im Rahmen der Friedensdekade nachholen. Kann die
Lehre aus dem Krieg im Kosovo nur sein, dass die Einsatzfähigkeit
der Bundeswehr gestärkt werden muss? Kann es sein, dass unsere Lehre
aus dem 2. Weltkrieg ganz vergessen wird. Diese Lehre bescherte uns eine
Verteidigungsarmee. Müßten wir nicht viel eher alternative Konfliktlösungsmodelle
investieren? Viele offene Fragen, wir müssen sie stellen und diskutieren
in der Gesellschaft und in der Kirche. Mischen auch Sie sich ein.
Susanne
Schneider-Riede, Landesjugendpfarrerin