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Der Kosovo-Konflikt - Wie geht es weiter?Eine Einschätzung von Christine Schweitzer (19. 1. 99)Gliederung 2. Konfliktbeschreibung 2.2 Einstellungen zum Konflikt 2.3 Konfliktverhalten 2.4 Ursachen des Konfliktes und seiner Eskalation 3.2 Lag die Eskalation im Interesse des Westens? 3.3 Die Rolle der internationalen Gemeinschaft aus Sicht der Betroffenen 3.4 Zum Umgang der Friedensbewegung mit dem Kosovo(1) -Konflikt 5. Was außerdem getan werden sollte Die gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen serbischen Polizeieinheiten und jugoslawischem Militär auf der einen Seite und der kosovo-albanischen Befreiungsarmee "UCK" auf der anderen Seite wurden Mitte Oktober 1998 vorläufig durch ein Abkommen zwischen Jugoslawien und der OSZE beendet. Dieses Abkommen, das die jugoslawische Regierung unter Präsident Milosevic wohl nur unter der Drohung der NATO, militärisch zu intervenieren, unterzeichnete, sieht als Kernpunkt die Stationierung von mindestens 2.000 zivilen(2)Beobachtern der OSZE vor und stellt ein Interimsabkommen zum Status des Kosovo in Aussicht. Bei dessen Implementierung sollen die OSZE-Beobachter behilflich sein; außerdem sollen sie die Einhaltung des Waffenstillstandes, die Rückkehr der Flüchtlinge und Vertriebenen und die ungehinderte Abwicklung humanitärer Hilfe überwachen. Ihr Beitrag zur Menschenrechtsfrage besteht allein darin, 'Berichte der Behörden bezüglich eventueller Vorwürfe von Übergriffe durch Militär- oder Polizeipersonal... entgegenzunehmen'. Doch es ist sehr fraglich, ob dieses Abkommen mehr als eine Atempause in dem Konflikt ermöglicht hat: * Die Verhandlungen über eine politische Zwischenlösung des Konfliktes kommen anscheinend nicht recht voran; es werden immer neue Vertragsentwürfe produziert, die regelmäßig von der einen oder der anderen Seite abgelehnt werden. Auch wenn man sich anscheinend über den Grundgedanken - eine weitgehende Autonomie des Kosovo ohne die Verbindungen zu Serbien zu zerschneiden - geeinigt hat, ist wenigstens für außenstehende Beobachter wie uns unklar, wie bald und ob überhaupt dieses Abkommen zustande kommt. * Im Kosovo sind praktisch alle Menschen überzeugt, daß es im Frühjahr zum Wiederaufflammen der Kämpfe kommen wird. Selbst ohne den Effekt der "self-fullfilling prophecy" zu berücksichtigen, muß dies als ernste Warnung genommen werden. Wenn bis ca. März 1999 keine Lösung gefunden wird, die alle relevanten politischen Kräfte im Kosovo (wozu auch die UCK gehört) zufriedenstellt, ist es äußerst wahrscheinlich, daß es wieder zum Krieg kommt. Das Wiederaufflammen der Kämpfe über Weihnachten 1998 war hier eine deutliche Warnung. Und was dann geschehen
wird, kann man sich ausmalen: Abzug der OSZE-Beobachter bzw ihre "Rettung"
durch die NATO, neue Drohungen und vielleicht auch Einsätze der NATO,
mögliche weitere Eskalation bis hin zum Übergreifen des Konfliktes
auf die Nachbarregionen und Staaten. Die Gefahr ist groß, daß
genau das eintritt, was man zu verhindern suchte: einen Balkankrieg, der
Makedonien und Albanien mit einbezieht.
Der Konflikt kann gut anhand des Galtung'schen Konfliktdreiecks (Konfliktinhalte - Einstellung -Verhalten) beschrieben werden: Die serbische Gegenposition
lautet, daß der Kosovo als historisches Zentrum Serbiens unveränderlich
ein Teil Serbiens bleiben muß. Dabei wird auch auf den Schutz der
verbliebenen rund 10% Serbinnen und Serben im Kosovo und auf die serbisch-orthodoxen
Klöster verwiesen.
* Die Frage historischer Rechte auf das Territorium (wer lebt seit wann im Kosovo). * Vertreibung und Genozid im Lauf der Geschichte (es gab seit dem Mittelalter mehrere Phasen von Flucht und Vertreibung serbischer Bevölkerungsteile aus dem Kosovo; die hohe Geburtenrate bei den AlbanerInnen wird oft angeführt; in den fünfziger Jahren kam es zu massiver Unterdrückung aller nationaler albanischer Äußerungen und zu Massenverhaftungen usw.). * Gegenseitige Vorwürfe, ein "Großserbien" bzw. ein "Großalbanien" schaffen zu wollen. * Religiöse Elemente (Serben sind in ihrer überwiegenden Mehrheit orthodox bzw. haben zumindest einen orthodoxen kulturellen Hintergrund; die Kosovo-Albaner sind in ihrer Mehrheit muslimisch, die Minderheit römisch-katholisch). * Rassistische Elemente
(Albaner standen nicht nur bei Serben, sondern von allen Nationalitäten
des ehemaligen Jugoslawiens ganz unten auf einer "Rangliste" des Ansehens;
nur die Roma sind noch "unter" ihnen.)
Hier würde eigentlich
auch eine Darstellung des gewaltfreien Widerstandes hingehören, mit
dem die Kosovarer von 1989/90 bis 1998 versuchten, der serbischen Gleichschaltung
zu entgehen und ihr Ziel der Unabhängigkeit des Kosovo durchzusetzen.
Dieser Widerstand, der sich auf die Schaffung paralleler Institutionen
(Bildungssystem, Gesundheitswesen, politische Strukturen) konzentrierte
und dabei allerdings Formen aktiverer Gewaltlosigkeit vernachlässigte,
wurde von praktisch der gesamten Bevölkerung mitgetragen. Trotz seines
letztendlichen Mißerfolges (zumindest soweit man dies heute sagen
kann), ist er ein beeindruckendes Beispiel dafür, über welch
langen Zeitraum eine gewaltlose Strategie aufrechterhalten werden kann.
(Für nähere Informationen zu dem Widerstand siehe z.B. den Artikel
von Howard Clark in der Gewaltfreien Aktion 117/118; 3-4/1998.)
2. Bis Ende der 80er Jahre wuchs das ökonomische Gefälle des Kosovo zu den anderen jugoslawischen Republiken, obwohl viel Wirtschaftshilfe in die Region gesteckt wurde. (Dabei wurden allerdings nur Energiewirtschaft und Schwerindustrie gefördert anstelle arbeitsintensiver Industrien; die Arbeitslosigkeit war 1985 dreimal höher als im jugoslawischen Durchschnitt.) 3. Die außenpolitischen Beziehungen zwischen dem sozialistisch-blockfreien Jugoslawien und dem chinaorientierten Albanien waren immer schwierig und wirkten sich auf die Politik gegenüber dem Kosovo aus. 4. Die Struktur Jugoslawiens selbst mit seinen national definierten Republiken legte nahe, alles national zu legitimieren und zu denken. Daraus resultierende Argumentationen waren z.B. auf der Seite der Kosovo-Albaner die Forderung, als staatsbildende Nation anerkannt zu werden. Während von serbischer Seite die Position vertreten wurde, daß Albaner im Unterschied zu den anderen sechs jugoslawischen Nationen einen eigenen Staat außerhalb der Grenzen Jugoslawiens besaßen und deshalb die Albaner im Kosovo nur nationale Minderheit sein konnten. 5. Die lange konfliktreiche Geschichte und gegenseitige Ängste und Mißtrauen machten jede konstruktive Konfliktbearbeitung von Anfang an sehr schwierig (s. oben zu Einstellungen). 6. Nach dem Tode Titos begann ein Kampf um die Macht in Jugoslawien, der zum Großwerden mehrerer mit nationalistischen Argumenten operierender Politiker führte. Aus dieser Sicht handelt es bei den Konflikten im südslawischen Raum im Kern nicht um ethnische Konflikte sondern um das Machtstreben und den Machterhalt politischer Cliquen und Persönlichkeiten wie Milosevic (und Tudjman etc.). 7. Die kriegerischen Auseinandersetzungen in Slowenien im Juli 1991, in Kroatien im Sommer 1991-Winter 1991/92 und dann in Bosnien-Herzegowina ab April 1992 zeigten: Wer - notfalls auch gewaltsam - die nationale Eigenständigkeit durchsetzt, kann auf Unterstützung der "internationalen Gemeinschaft" (sprich: UN oder NATO) rechnen kann. Dies war zum einen sicherlich ein Grund, weshalb die Kosovarer Führung so lange fest an die Unterstützung des Westens glaubte; zum anderen gibt es deutliche Hinweise, daß die UCK den Konflikt Anfang 1998 bewußt durch Terrorakte eskalieren ließ, um damit ein Eingreifen der NATO zu provozieren. 8. Das Umschlagen des
gewaltfreien Widerstandes im Kosovo in Gewalt kann im wesentlichen auf
die scheinbare Erfolglosigkeit dieses Widerstandes zurückgeführt
werden. Trotz seiner bewundernswerten Leistungen auf den Gebieten des Aufbaus
paralleler Institutionen gelang es dem Widerstand nicht, politische Veränderungen
herbeizuführen. Gleichzeitig verschlechterte sich das Alltagsleben
der Kosovarer ständig (Armut, Zunahme an Krankheiten, Perspektivlosigkeit
der Jugend, die 4/5 der Bevölkerung ausmacht) und führte zu einem
Gefühl der Hoffnungslosigkeit, dem die kosovarer Regierung nichts
entgegenzusetzen wußte. Es verstärkte sich, als nach Dayton
klar wurde, daß die "internationale Gemeinschaft" das Streben nach
Unabhängigkeit nicht unterstützte. Die brutalen Aktionen der
serbischen Polizei und des jugoslawischen Militärs seit Februar 1998
(Drenica) führten dann dazu, daß aus Sicht der Kosovarer der
"Verteidigungsfall" eingetreten war. Praktisch über Nacht fand die
UCK die Zustimmung und Unterstützung der allergrößten Mehrheit
der Kosovarer.
Zur Rolle der internationalen Gemeinschaft, die selbst durchaus auch als
eine Konfliktursache angesprochen werden kann, soll im nächsten Abschnitt
Stellung bezogen werden.
Im Bezug auf den Kosovo-Konflikt spielte die internationale Gemeinschaft eine ähnlich unglückliche Rolle bei den vorhergehenden Kriegen im ehemaligen Jugoslawien. Bis Dayton ließ man den im Kosovo vorherrschenden Eindruck, daß man eine eventuelle Unabhängigkeit des Kosovo stützen werde, öffentlich unwidersprochen. Dies, obwohl alle westlichen Staaten die Position vertraten (dies konnte man z.B. von VertreterInnen beliebiger Botschaften in Belgrad hören), daß eine Unabhängigkeit des Kosovo nicht in Frage käme, weil dies eine Destabilisierung bis hin zum Krieg in den anderen Ländern und Republiken mit albanischem Bevölkerungsanteil führen würde (vorrangig betroffen sind Makedonien und Montenegro). Hätte man von Anfang an diese Position gegenüber der kosovarer Führung deutlich gemacht, hätte dies vielleicht Einfluß auf ihre Strategie gehabt. (Vielleicht fürchtete man auch genau das, nämlich ein Umschlagen in gewaltsamen Widerstand in dem Moment, wo deutlich wurde, daß der Kosovo keine politische Unterstützung erfahren werde.) Ein weiteres Grundproblem,
das wir schon Anfang der neunziger Jahre feststellen konnten, ist das weitverbreitete
Unverständnis gegenüber dem gewaltfreien Widerstand der Kosovarer.
Gewaltfreier Widerstand als eigenständige Kategorie der Konfliktaustragung
ist bei Politikern weitgehend unbekannt. Sie kennen nur formal-demokratische
Willensäußerungen auf der einen und Gewalt auf der anderen Seite.
Zum Beispiel wurde nicht verstanden, warum die Kosovarer serbische Institutionen
(inkl. serbischer Gerichte) lieber boykottierten als vor ihnen Recht zu
suchen. Ein Verstehen und Ernstnehmen des gewaltfreien Widerstandes hätte
vielleicht die optimistischen Annahmen, daß 'im Kosovo ja noch alles
friedlich sei' verhindert und zu einer systematischeren Einbeziehung des
Kosovo-Konfliktes in die internationalen diplomatischen Bemühungen
geführt.
Die internationale Konstellation um diesen Konflikt herum, mit Rußland und China eher auf Seiten Serbiens, konnte darüber hinaus zum zweiten genutzt werden, um das vorzuexerzieren, wohin man in der NATO will: nämlich nicht auf ein Mandat des UN-Sicherheitsrates angewiesen zu sein. Sollte dies zur Politik werden, dann kann wohl auf lange Zeit alle Hoffnung auf eine Verrechtlichung internationaler Politik - das heißt die Schaffung von Verbindlichkeit im Völkerrecht - aufgegeben werden. Außerdem könnte die Gewaltsamwerdung des Konfliktes dazu beitragen, daß die Einheit der Kosovo-Albaner zerstört und weitere Brüche zu den sowieso eine andere politische Linie vertretenden Albanern in den Nachbarländern eintreten. All dies würde es in den kommenden Jahrzehnten gemäß des Prinzips des "teile und herrsche" leichter machen für den Westen, die Region zu kontrollieren (so Jan Obert, Leiter des TFF in Oslo). Es könnte sogar noch ein Punkt angeführt werden: Sofern die Vorhersagen stimmen, daß der Krieg im kommenden Frühjahr wieder ausbricht, würde auch gleichsam als Nebenprodukt ein Versagen der zivilen OSZE-Mission festgestellt werden können, was sowohl ein Schlag für die sowieso geschwächte OSZE wie für die Befürworter ziviler Interventionen darstellen würde. Ist all das Verfolgungswahn oder Tatsache? Es gibt einige Hinweise, die für diese Interpretationen sprechen: Berichte, daß der deutsche Geheimdienst die UCK aufgerüstet habe (obwohl dem widerspricht, daß gemäß des gleichen Berichtes die CIA dagegen war); das systematische Ignorieren aller Warnungen aus dem Kosovo; die zeitliche Parallele zum Schreiben des neuen Grundsatzpapieres der NATO. Auf der anderen Seite
gibt es unserer Ansicht nach keine wirklich bedeutsamen wirtschaftlichen
Interessen des Westens in der Region, wie oft behauptet wird. Auch die
strategische Bedeutung dürfte nicht so groß sein angesichts
der Tatsache, daß mit Ungarn und Griechenland in Zukunft die Region
im Norden und Süden von zwei NATO-Staaten umgeben sein wird. Und zum
dritten paßt die beinahe panische Angst vor allem der Westeuropäer
vor einer neuen Flüchtlingswelle, die von Politikern aller Parteien
immer wieder beschworen wird, nicht dazu. Deshalb muß vor der Überinterpretation
der vorliegenden Daten gewarnt werden. Es scheint klar, daß die NATO-Staaten
den Konflikt gut nutzen konnten, um die NATO-Reform und die Entmachtung
der UNO voranzubringen. Aber zwischen dem und einem bewußten Schüren
des Konfliktes zu diesem Zweck besteht ein Unterschied, und das letztere
zu behaupten, dazu fehlt (noch) die Grundlage(5).
Der Kosovo bzw. die Albaner im Balkan allgemein zeigten in der Geschichte immer wieder die Tendenz, sich an äußere Mächte anzulehnen. (Wobei oft der Verlierer gewählt wurde.) Dies begann mit der Unterstützung des osmanischen Reiches und ging über Östereich-Ungarn als Protektor direkt zur Anbindung an die Achsenmächte im 2. Weltkrieg. In der Zeit des gewaltfreien Widerstandes seit 1989 stellte die vielleicht größte Schwäche dieses Widerstandes dar, daß er keine wirklichen Perspektiven zur Veränderung der Situation zum eigenen Gunsten enthielt, sondern auf eine Intervention des Westens (UNO oder NATO) gehofft wurde. Sie sollten dem Kosovo die Unabhängigkeit geben und Truppen zur Grenzsicherung entsenden. Wie oben dargestellt, war die Erkenntnis, daß genau dies nicht eintreten werde, weil die internationale Gemeinschaft die Unabhängigkeit des Kosovo nicht unterstützte, einer der wesentlichen Gründe beim Umschlagen des Widerstandes in Gewalt. Das heißt nicht,
daß der internationalen Gemeinschaft jetzt keine Funktion mehr zugeschrieben
würde. Gegenüber der OSZE-Mission mag man auf kosovo-albanischer
Seite skeptisch sein (warum auch nicht, die Regierung des Kosovo unter
Präsident Ibrahim Rugova ist kein offizieller Vertragspartner dieses
Abkommens, auch wenn ein Rat aus allen relevanten kosovo-albanischen Kräften
bei den Verhandlungen zur Findung dieses Abkommens mit einbezogen war),
aber da ist ja noch die NATO... Man kann sich an fünf Fingern abzählen,
daß ein Wiederaufflammen der Kämpfe vielleicht doch zur erhofften
NATO-Intervention führen würde. Daß diese nicht mit einer
Unabhängigkeit des Kosovo gleichkommt, dafür fehlt im Kosovo
immer noch weitgehend das Verständnis. (Oder vielleicht hofft man
aber auch nur auf eine gewaltsame Gegenreaktion aus Belgrad, die schließlich
dem Westen keine andere Möglichkeit läßt, als diese Unabhängigkeit
doch zu gewähren.)
Aber in dem Moment, als
die NATO drohte zu intervenieren, stand das Telefon nicht mehr still. Aufforderungen
zu protestieren oder Vorträge über die Lage zu halten gingen
bei den Friedensorganisationen tagtäglich ein. Auch sah man mehr als
einen Aufruf und ein Flugblatt mit dem Titel "Stoppt den Krieg im Kosovo"
oder ähnliches. Um kein Mißverständnis aufkommen zu lassen:
Eine NATO-Intervention wäre nicht nur ethisch zu verurteilen gewesen,
sondern hätte auch politisch eine Katastrophe dargestellt. Aber der
Krieg begann nicht mit der NATO-Intervention, sondern spätestens mit
der Offensive serbischer Polizeieinheiten in Drenica.
* Beibehaltung des Status Quo (die serbische Position von SPS und Milosevic). Daß dies undenkbar ist, wurde seit der Eskalierung des Konfliktes wohl allen Seiten klar. * Teilung des Kosovo in einen serbischen und einen kosovo-albanischen Teil (z.B. von Cosic vorgeschlagen und als Ziel der serbischen Militärstrategie vermutet). Dies würde massive Vertreibung von Albanern und vermutlich später den Anschluß des Rest-Kosovos an Albanien bedeuten. * Wiederherstellung irgendeiner Form von Autonomie innerhalb Serbiens (entweder nur kultureller Autonomie oder auch Gewährung von politischen Rechten). Dies ist scheinbar für die serbische/jugoslawische Regierung eine denkbare Option; von Seiten des Kosovos wird sie vehement abgelehnt. * Unabhängigkeit des Kosovo, die Forderung der gemäßigteren kosovarer Kräfte. Dies wird von jugoslawischer Seite ebenso abgelehnt wie von der "internationalen Gemeinschaft", die einen Erdrutscheffekt bei den albanischen Minderheiten in Makedonien und Montenegro fürchtet. * Anschluß des Kosovo an Albanien (Forderung von Teilen der UCK, aus deren Kreisen auch zu hören ist "Wo Albaner leben, ist Albanien"), für den die gleichen Einwände gelten wie für den vorgenannten Vorschlag. * "Balkan-Konföderation". Dieser ursprünglich im Kosovo entwickelte Vorschlag wurde jüngst von deutschen FriedensforscherInnen aufgegriffen und in einer Erklärung "Nur eine zivile Politik mit Perspektive kann den Frieden in Kosovo langfristig sichern" des Netzwerks Friedenskooperative im Oktober publiziert. Von diesen ergebnisorientierten Szenarien, die alle einen möglichen endgültigen Status im Auge haben, lassen sich andere Vorschläge unterscheiden, die eher prozeßorientiert sind und Zwischenlösungen vorschlagen auf dem Weg zu einer endgültigen Einigung über einen Status des Kosovo. Wir halten diese Vorschläge, die sich teilweise miteinander kombinieren ließen, für wesentlich vielversprechender als der Versuch, innerhalb kürzester Frist eine endgültige Lösung zu finden. Hier wurden und werden vorgeschlagen: * Institutionelle Dauerkonferenz, die die Aufgabe hätte, den Rahmen für eine gemeinsame Entwicklung der Region zu erarbeiten, die dann in einer Balkan-Föderation münden und durch einen "Balkan-Marshall-Plan" möglich gemacht werden sollte. (s.oben genannte Erklärung des Netzwerk Friedenskooperative). * "Albanischer Rat". Dieser Vorschlag des ehemaligen deutschen Botschafters in Belgrad, Horst Grabert, beeinhaltet die Schaffung eines internationalen Rates, dem die Republik Jugoslawien, Albanien, Makedonien sowie Vertreter der Albaner im Kosovo, in Makedonien und in Montenegro angehören würden. (Ein ähnlicher Rat wurde in Nordirland gerade eingerichtet.) * Errichtung eines Internationalen Protektorates. Dieser Vorschlag kommt von dem norwegischen Friedensforschungsinstut TFF (Transnational Foundation for Peace and Future Research, Direktor Jan Oberg) und wurde auch von Präsident Rugova immer wieder vorgebracht. Das TFF hatte vorgeschlagen, daß die UN für drei Jahre die Kontrolle übernehmen solle, während gleichzeitig Verhandlungen über den zukünftigen Status stattfinden.) * Aberkennung der serbisch-jugoslawischen Souveränität über den Kosovo (was nicht gleich einer Anerkennung des Kosovo ist) als Schritt, das serbische Vorgehen im Kosovo zu stoppen und den Weg für eine politische Lösung freizumachen. (Vorschlag der War Resisters' International vom September 1998). Ähnliches hat inzwischen die politisch einflußreiche International Crisis Group, die noch im Frühjahr 1998 sich für eine NATO-Intervention und Stationierung von Beobachtern einsetzte, also ungefähr dem, was jetzt tatsächlich geschehen ist, vorgeschlagen. Sie schlägt (in ihrem Papier vom 9. November 1998) eine "Interim-Souveränität" mit speziellen Bindungen an Jugoslawien für 3-5 Jahre vor, nach der dann ein Referendum und die völlige Unabhängigkeit folgen könnten. (zurück zum Inhaltsverzeichnis) Stattdessen sollen fünf eher konflikt-spezifische Punkte herausgehoben und zur Diskussion gestellt werden. Es handelt sich bei ihnen um Vorschläge an die Politik, sie enthalten aber auch viele Elemente, die Friedens- und Menschenrechtsorganisationen selbst in Angriff nehmen können. Dabei kann an Öffentlichkeitsarbeit gedacht werden, an die Aufnahme von Gespräch mit Albanerinnen und Albanern hier in Deutschland, an die (z.B. finanzielle) Unterstützung von Gruppen und Organisationen in Serbien und im Kosovo und natürlich an die ständige Mahnung an unsere PolitikerInnen (z.B. die Bundestagsabgeordneten aus der eigenen Gemeinde), im Sinne dieser Vorschläge aktiv zu werden. Der Hinweis auf mögliche Gefährdung ausgewiesener und zurückgeschobener Flüchtlinge aus dem Kosvoo ist berechtigt; eine konkrete Gefährdung in Form von Festnahme, Verhör und Mißhandlung durch die serbische Polizei ist gegeben. Daneben scheint uns aber ein zweiter Gesichtspunkt bedenkenswert: Viele Familien im Kosovo hängen finanziell von dem Geld ab, das ihnen oftmals ein einziges im Ausland arbeitendes Familienmitglied (gewöhnlich jüngere Männer) regelmäßig schickt. Deshalb würde ein (vielleicht befristetes) Bleiberecht für alle Kosovo-Albaner, die bislang keine gesicherte Aufenthaltserlaubnis besitzen, ein aktiver und ein (da die betreffenden Personen ja Arbeit haben) praktisch kostenfreier Beitrag zur humanitären Hilfe für die Bevölkerung im Kosovo darstellen. 2. Unterstützung derjenigen Kräfte im Kosovo, die offen für eine politische Lösung sind. Eine solche Unterstützung könnte z.B. in einem Dialog über unsere Wahrnehmung der internationalen Interessen und Konstellationen bestehen und in der Unterstützung der weiterhin bestehenden Elemente des gewaltfreien Widerstandes (Bildungswesen, Gesundheitswesen), solange keine politische Lösung die Normalisierung des Alltags ermöglicht. 3. Einbeziehung der Serben im Kosovo in Bemühungen um eine politische Lösung. Nachdem lange Zeit die lokalen Serbinnen und Serben eher Manövriermasse für Belgrad als eigenständige politische Kraft waren, zeichnen sich jetzt eine verstärkte politische Organisation und Willensbildung ab. Diese Gruppen sollten unbedingt in den Dialog mit einbezogen werden. 4. Richten der Aufmerksamkeit auf die politischen Entwicklungen in Serbien, besonders auf die seit der Drohung mit einem NATO-Angriff massiv gestiegene Unterdrückung der Opposition (oppositioneller Medien; Hochschulen; Drohungen gegen Friedens- und MenschenrechtsaktivistInnen). Serbien hält immer noch einen Schlüssel zur Lösung des Konfliktes in der Hand. Die Stärkung einer demokratischen Opposition könnte daher mittelfristig der beste Weg sein, zu einer Entspannung der Konfliktgemengelagen in der Region zu kommen. 5. Öffentlichkeit
und politischen Druck dafür schaffen, daß jetzt - nicht erst,
wenn der Konflikt dort zur Gewalt eskaliert ist - die Situation in Montenegro
und in Makedonien in den Mittelpunkt von Aufmerksamkeit gestellt wird.
Dies stellte eine Antwort auf die - reale - Gefahr der Konfliktausweitung
auf diese Regionen dar, die wie oben dargelegt in unseren Augen unabhängig
davon besteht, ob dem Kosovo Souveränität zuerkennt wird oder
nicht. Es ist in der Zivilen Konfliktbearbeitung längst ein "alter
Hut", daß Prävention leichter als Intervention in gewaltsame
Konflikte ist. Dennoch fehlt es hier einmal wieder an "early action", sowohl
durch die "internationale Gemeinschaft" als auch durch uns als Friedensbewegung.
2) Zivil insofern als daß die OSZE eine zivile Einrichtung ist und die Beobachter keine militärischen Aufgaben haben. Allerdings findet die Mission unter NATO-Schutz statt (NATO-Extraction-Force, die in Makedonien stationiert wird), die Beobachter tragen anscheinend teilweise Handwaffen und etliche Länder, darunter Deutschland, stellten ihre Kontingente ausschließlich aus militärischem und diplomatischem Personal zusammen. (zurück) 3) Wir bevorzugen den im Deutschen noch uneingeführten Begriff "Kosovarer" anstelle des hier üblichen "Kosovo-Albaner", um die Gesamtheit der Bevölkerung des Kosovo zu beschreiben. Wenn "Kosovo-Albaner" gegen "Serben" gestellt werden, so ist dies insofern falsch, als daß im Kosovo eine Reihe weiterer ethnischer Minderheiten (Türken, Roma, Muslims, Kroaten) leben, die oftmals als Schicksal der Kosovo-Albaner in dem Konflikt teilen. (zurück) 4) Versöhnungsbund-Info 6, "Informationen zum Kosov@krieg" (zurück) 5) Die
Verbindung zum deutschen Auslands-Geheimdienst könnte auch auf kriminelle
Verbindungen, über die Geheimdienste und ihre Mitarbeiter nachweislich
immer wieder verfügt haben, zurückzuführen sein.
(zurück)
Balkan Peace Team, 6-month report of the mission in FRY, November 1998 Howard Clark, Der gewaltfreie Widerstand im Kosovo (Arbeitstitel), erscheint demnächst in: Gewaltfreie Aktion 116/117, 3-4 1998 International Crisis Group, Kosovo Spring, 24. März 1998 Hans-Georg Ehrhart/Matthias Z. Karádi, Brennt der Balkan? Plädoyer für eine komplexe Präventionspolitik im Kosovo-Konflikt, Hamburger Informationen zur Friedensforschung und Sicherheitspolitik Ausgabe 2/1998, Hamburg, März 1998 Karl-Heinz Kamp, Das neue strategische Konzept der NATO: Entwicklung und Probleme, Arbeitspapier der Konrad-Adenauer Stiftung, St. Augustin, August 1998 Christine von Kohl, Wolfgang Libal, Kosovo: gordischer Knoten des Balkan, Europaverlag Wien/Zürich 1992 TFF, PressInfo 42, 17.
August 1998: "The Kosovo War was no prevention failure, all had an interest
in it"
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