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Kinder- und Jugendarbeit . update vom 25. 4. 2002 |
Vom Saulus zum PaulusDer langjährige Oberbefehlshaber der US-Atomstreitkräfte schildert seinen Wandel zum Atompazifisten bei einer Rede am 11. März 1999Ich möchte zu Beginn gerne denjenigen unter Ihnen meine Anerkennung aussprechen, die schon so viele Jahre in diesem Weinberg arbeiten. Die meisten von Ihnen tun das wohl, weil sie intuitiv das begriffen haben, wozu wir, die doch eigentlich die Experten in diesem Geschäft sein sollten, Jahre brauchten: dass nämlich, genau besehen, Kernwaffen der Feind der Menschheit sind. Ja, sie sind eigentlich gar keine Waffen. Sie sind eine Art biologischer Zeitbomben, deren Wirkungen Zeit und Raum überschreiten und die Erde wie auch ihre Bewohner auf Generationen hinaus vergiften. All denen von Ihnen, die in Nichtregierungsorganisationen mitarbeiten, möchte ich gleich zu Anfang sagen, dass ich das, was Sie all diese Jahre so unermüdlich getan haben, genau verfolge und Ermutigung daraus ziehe. Im gleichen Atemzug sage ich Ihnen aber auch, dass ich während fast meines ganzen Lebens, auf jeden Fall während meiner Jahre als Uniformträger, nicht ein einziges Mal von Nichtregierungsorganisationen gehört hatte — und jetzt bin ich wohl selbst eine! Dazu passend möchte
ich gleich zu Beginn meines Vortrags einen Kommentar aufgreifen, den ein
Mitglied der Reform-Partei gestern bei der Anhörung machte, als er
(ziemlich scharf, finde ich, aber das ist in Ordnung, wir sind eine Art
Blitzableiter für solche Ansichten) zu Beginn seines Kommentars bemerkte:
„Sagen Sie mal, haben Sie und McNamara nicht zu den Typen gehört,
die den ganzen Kram befürwortet haben, Abschreckung und all das?"
Ich glaube, Bob (Robert McNamara, ehemaliger US-Verteidigungsminister,
d.Ü.) würde mir zustimmen, dass wir schuldig sind im Sinne der
Anklage. Wir haben die Pflicht und Schuldigkeit, uns jetzt der Verantwortung
zu stellen und noch einmal ernsthaft nachzudenken, ohne die überhitzten
Gefühle des Kalten Krieges und mit besserem Zugang zu den Entscheidungsträgern
und den Archiven aus dieser Zeit. Wir können uns nicht davor drücken,
unsere Position zu überdenken. Und ganz gewiss sind wir auch verpflichtet,
vorbehaltlos die Lehren, die wir aus unseren Erfahrungen ziehen, zu verstehen
und darzulegen.
Ich bin zu der Überzeugung gelangt, dass vieles von dem, woran ich glaubte, entweder falsch, höchst vereinfacht, außerordentlich brüchig oder einfach moralisch untragbar war. Ich bin zu der Überzeugung gekommen, dass die Anhäufung des Kernwaffenarsenals in einem geradezu grotesken Ausmaß, wie wir das in den 50 Jahren des Kalten Krieges zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion erlebten, ebenso sehr das Ergebnis von Furcht, Ignoranz und Gier, von Egoismus und Machtstreben, von Glücksspiel und Profitsucht war wie die Folge der scheinbar so eleganten Abschreckungstheorien. Ich möchte versuchen, Ihnen in aller Kürze ein Gefühl dafür zu vermitteln, was es bedeutet, Oberbefehlshaber der Nuklearstreitkräfte zu sein, Oberbefehlshaber der land- und seegestützten Raketen und Flugzeuge, die die Kernsprengköpfe über große Entfernungen zum Einsatzziel tragen. Zum einen war ich verantwortlich für den Alltagsbetrieb, für die Disziplin und Ausbildung von mehreren zehntausend Angehörigen der Streitkräfte, für die Systeme, die sie betrieben, und für die Kernsprengköpfe, die diese Systeme transportieren sollten. Es waren insgesamt etwa zehntausend strategische Kernsprengköpfe. Mir wurde viel mehr als zuvor, mehr selbst als in meiner Zeit als Kommandant von B 52-Bombereinheiten, bewusst, welches unglaubliche Risiko es bedeutet, mit diesen Waffen täglich auf die unterschiedlichste Weise umzugehen, sie zu warten und zu verlegen. Ich arbeite mich durch die Geschichte der Unfälle des Atomzeitalters, zumindest durch die Aufzeichnungen, die in den Vereinigten Staaten gemacht worden waren. Erst langsam beginne ich zu begreifen, was das alles in der ehemaligen Sowjetunion bedeutete, und das ist beängstigender, als Sie es sich vorstellen können. Das meiste davon ist gar nicht öffentlich bekannt, obwohl es inzwischen öffentlich zugänglich ist. Raketen, die in ihren Silos explodierten und die Kernsprengköpfe aus den Silos herausschleuderten. B 52-Bomber, die mit Tankflugzeugen zusammenstießen und die Kernwaffen entlang der spanischen Küste und ins Meer verstreuten. Ein mit Kernwaffen beladener B 52-Bomber, der in North Carolina abstürzte, und bei der Untersuchung wurde festgestellt, dass beim Absturz an einer der Waffen sechs der sieben Sicherungsvorrichtungen, die eine Kernwaffenexplosion verhindern sollen, ausfielen. Es gibt dutzende Beispiele für solche Unfälle. Mit Nuklearraketen bestückte U-Boote, auf denen sich schreckliche Unfälle ereigneten und die nun auf dem Meeresboden ruhen. Daneben war ich auch der oberste Berater des US-amerikanischen Präsidenten für Kernwaffenfragen. Das bedeutete für mich, Tag und Nacht, sieben Tage die Woche, 365 Tage im Jahr, nach dem dritten Klingeln den Telefonhörer abzunehmen, um im Ernstfall die folgende Frage des Präsidenten beantworten zu können: „General, unser Land wird mit Kernwaffen angegriffen. Ich muss innerhalb weniger Minuten entscheiden, wie wir darauf reagieren. Welche Gegenmaßnahmen sollen wir ihrer Meinung nach ergreifen?" In den 36 Monaten als oberster Kernwaffenberater des Präsidenten nahm ich jeden Monat an einer Übung teil, die unter dem Namen „Raketenbedrohungskonferenz" bekannt wurde. Buchstäblich! ohne Ausnahme begann die Bedrohungskonferenz mit einem Szenario, das von einem Angriff auf die Vereinigten Staaten mit einem, mehreren, Dutzenden, dann Hunderten und schließlich Tausenden von Thermonuklearsprengköpfen ausging. War der Angriff ausgewertet und bewertet und standen angesichts der Situation genügend Informationen für eine Entscheidung zur Verfügung, blieben dem Präsidenten maximal zwölf Minuten, um eine Entscheidung zu treffen. Zwölf Minuten für eine Entscheidung, die - zusammen mit der Entscheidung eines Menschen auf der anderen Seite der Erdkugel, der vielleicht einen solchen Angriff angeordnet hatte - nicht nur das Überleben der Kriegsgegner aufs Spiel setzte, sondern das Schicksal der gesamten Menschheit mit der Aussicht, dass innerhalb weniger Stunden etwa 20000 Thermonuklearwaffen explodierten. Traurig zu sagen, dass die abgeklärten Praktiker der nuklearen Kunst nie die umfassenden Folgen eines solchen Angriffs verstanden - und das tun sie bis heute nicht. Ich habe das alles
nicht begriffen, bis ich mich in meinen dritten Verantwortungsbereich eingearbeitet
hatte, und das war die nukleare Kriegsplanung der Vereinigten Staaten.
Der Plan definierte
12500 Ziele in den Staaten des ehemaligen Warschauer Paktes, die von ca.
10000 Kernwaffen angegriffen werden sollten, im schlimmsten Fall - und
davon gingen wir immer aus - alle gleichzeitig. Ich setzte mir in den Kopf,
jedes einzelne dieser Ziele etwas genauer zu untersuchen. Ich glaube kaum,
dass das je zuvor jemand getan hatte. Der Kriegsplan war in mehrere Bereiche
unterteilt, und für jeden Bereich war ein anderes Team zuständig.
Meine Leute waren schockiert, als ich ihnen sagte, dass ich mir jedes einzelne
Ziel vornehmen wollte. Meine Überlegung war ganz einfach. Würde
es sich nur um ein einziges Ziel handeln, dann müsste ich doch sicherlich
alle greifbaren Details darüber wissen: Warum es ausgewählt wurde,
welche Waffe darauf gerichtet war, welche Folgen der Angriff haben würde.
Also war es für mich nur logisch: Warum sollte ich mich weniger darum
kümmern, nur weil es so viele Ziele gab? Ich wollte jedes einzelne
ansehen.
Die Quintessenz des
Ganzen war, dass ich kein einziges dieser 450-Milliarden-Dollar-Kernwaffenprogramme
unterstützte und dass sie alle abgesagt wurden. Ich drängte auf
die beschleunigte Unterzeichnung des START-I-Abkommens und darauf, die
Minuteman-2-Raketen schneller außer Dienst zu stellen. Ich sprach
die Empfehlung aus, zum ersten Mal seit 30 Jahren Bomber aus der Alarmbereitschaft
zu nehmen. Der Präsident genehmigte alle meine Vorschläge, und
am 25. September 1991 saß ich in meinem Befehlszentrum und gab meinen
Bombertruppen mit dem roten Telefon die Anordnung, die Einsatzbereitschaft
aufzuheben. Ich setzte 24 meiner 36 Basen auf die Schließungsliste.
Ich reduzierte die Anzahl der Ziele im nuklearen Kriegsplan um
Was für eine unerwartete Wendung! Ich hätte mir diese Entwicklung vor fünf Jahren nie und nimmer vorstellen können. Das ist eine Anklage! Die führenden Politiker der Kernwaffenstaaten laufen heute Gefahr, von künftigen Historikern als ihres Zeitalters unwürdig beurteilt zu werden, weil sie die Chancen, die unter großen Opfern und Kosten eröffnet wurden, nicht genutzt haben, weil sie das nukleare Wettrüsten auf der Erde wieder in Gang gesetzt haben, weil sie die Menschheit dazu verdammen, unter dem ständigen Damoklesschwert der Angst zu leben. Das ist kein der Menschheit würdiges Erbe. Das ist nicht die Welt, die ich meinen Kindern und Enkeln hinterlassen will. Das ist einfach untragbar. Das ist jenseits jeder Moral, und ich will für Sie ein Zitat wiederholen, das ich gestern dem gemeinsamen Ausschuss mit auf den Weg gab. Ich habe mir dieses Zitat schon vor vielen Jahren zu Herzen genommen. Es stammt von einem meiner Helden, einem meiner Berufshelden, von General Omar Bradley, der im Zweiten Weltkrieg eine führende Position innehatte und Zeuge der Folgen von Hiroshima und Nagasaki wurde. Er sagte anlässlich seiner Pensionierung: „Wir leben im Zeitalter der nuklearen Riesen und der ethischen Zwerge, in einer Welt, die Brillanz ohne Weisheit, Macht ohne Gewissen erreicht hat. Wir haben die Geheimnisse des Atoms entschleiert und die Lehren der Bergpredigt vergessen. Wir wissen mehr über den Krieg als über den Frieden und mehr über das Sterben als über das Leben." Wir haben eine unschätzbare Chance, die Messlatte für ein anständiges, zivilisiertes Verhalten höher zu hängen, die Reichweite des Rechts auszudehnen und zu lernen, auf diesem Planeten mit Respekt füreinander und in Würde zu leben. Diese Chance dürfen wir nicht verschenken. Meine Sorge ist so groß, dass ich die derzeitige Torheit nicht schweigend hinnehmen kann. Daher bin ich wieder in die Arena gestiegen, um meine Stimme mit Ihrer zu vereinigen, um gemeinsam mit Kollegen wie Bob McNamara und Botschafter Tom Graham, die diese Sorgen und Einschätzungen teilen, meine Dienste anzubieten. Ich danke Ihnen für
die Gelegenheit, heute bei Ihnen sein zu dürfen. Danke für die
Arbeit, die Sie all die Jahre geleistet haben. Es war mir eine Ehre, heute
zu Ihnen zu sprechen. Vielen Dank.
Generla Lee Butler hielt diese Rede am 11. März 1999 bei einer Veranstaltung des Canadian Network to Abolish Nuclear Weapons, übersetzt wurde sie von Regina Hagen. Copyright
© Frankfurter Rundschau
vom 1. September 1999
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