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9. 11. 2001

Die Herausforderung des Terrors

Ein Reise-Essay  von J. P. Lederach, geschrieben am 16. September 2001 

Hier bin ich also, steckengeblieben zwischen Kolumbien, Guatemala und Harrisonburg, sollte seit einer Woche zu Hause sein, als sich unsere Welt änderte. Die Bilder verfolgen mich bis in den Schlaf. Das Herz Amerikas ist gebrochen. Der Ruf nach Rache und nach dem ersten Krieg in diesem Jahrhundert ist zwar normal. Es scheint aber, als hätten wir es hier eher mit sozialen und psychologischen Abläufen zu tun, durch welche nach Wegen gesucht wird, tiefe emotionale Qual, ein Gefühl der Machtlosigkeit und unseren kollektiven Verlust loszuwerden, als mit einem Plan, der danach sucht, Unrecht gut zu machen, Veränderung zu fördern und zu verhindern, dass solch ein Unglück noch einmal geschehen kann. 

Während ich dies schreibe, bleibe ich immer wieder auf einem anderen Flughafen stecken. Dies ist die Realität eines globalen Systems, das vorübergehend jegliches Grundvertrauen verloren hat. Mir wurden heute meine Duracell-Batterien und die Nagelschere weggenommen, was mir die Gelegenheit gab, nachzudenken. In den letzten Tagen hatte ich viele solche Gelegenheiten. Das Leben war nicht mehr wie früher. 

Ich teile diese Gedanken mit als eine spontane Reaktion und gebe zu, dass es immer sehr einfach ist, unsere Verantwortlichen von den hinteren Reihen aus zu kritisieren und es besser zu wissen als sie, während wir nicht direkt damit konfrontiert sind, schwere Entscheidungen zu treffen. Andererseits arbeite ich seit beinahe 20 Jahren als Vermittler und Befürworter gewaltfreier Veränderung in Situationen auf der ganzen Welt, wo sich Spiralen von tiefsitzender Gewalt in Teufelskreisen immer weiter drehen. Ich habe da mit Menschen und Bewegungen zu tun, die im Kern ihrer Identität Wege finden, ihren Teil in dieser Gewaltspirale zu anerkennen. Daher fühle ich mich verantwortlich, Ideen in die Suche nach Lösungen einzubringen. So möchte ich einige Beobachtungen weitergeben, was ich durch meine Erfahrungen gelernt habe, und was daraus für Schlüsse für die aktuelle Situation gezogen werden könnten. 

Ich denke ich beginne damit, einige der wichtigsten Herausforderungen aufzuzählen, um dann in einem zweiten Schritt zu fragen, wie eine kreative Antwort aussehen könnte, welche die erwähnten Herausforderungen ernst nimmt und eine echte, dauerhafte und friedliche Veränderung sucht. 

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Einige Lektionen über die Art unserer Herausforderung 

Versuche immer die Wurzel des Zorns zu verstehen. 
Die erste und wichtigste Frage, die wir uns stellen müssen, ist relativ einfach, sie ist jedoch schwierig zu beantworten: Wie können Menschen auf diese Stufe von Zorn, Hass und Frustration kommen? Erklärungen, wonach sie einer Gehirnwäsche ihres perversen Leiters unterzogen worden seien, der über eine Art magische Kraft verfügt, sind eine ausweichende Vereinfachung. Sie führen uns unweigerlich zu Antworten, welche in die falsche Richtung führen. Zorn dieser Art, den wir generationen- und identitätsbezogenen Zorn nennen können, wird während einer andauernden Zeitspanne aufgebaut durch eine Kombination von historischen Ereignissen, einem starken Gefühl der Bedrohung eigener Identität, sowie konkreten Erfahrungen anhaltenden Ausgeschlossenseins. Dies zu verstehen ist sehr wichtig, denn, wie ich immer und immer wieder betonen werde, hängt es vollkommen von unserer Antwort auf die aktuellen Geschehnisse ab, ob wir den Boden, den Samen und die Nährstoffe liefern und bestärken für zukünftige Spiralen der Rache und der Gewalt, oder ob es eine Änderung geben wird. 

Wir müssen sorgfaltig darauf achten, nur ein Ziel als strategischen Leitposten unserer Antwort zu verfolgen: Vermeide, das zu tun, was sie erwarten. 
Sie erwarten von uns, dass wir wild um uns Schlagen, gegen die Schwachen; viele gegen wenige. Dies wird sie in ihrem sorgfältig gepflegten Mythos bestärken: Dass sie bedroht sind und gegen ein irrationales, verrücktes System kämpfen, welches sie noch nie ernst genommen hat und welches sie und ihr Volk zerstören will. Was wir zerstören müssen, ist ihren Mythos und nicht ihr Volk. 

Versuche immer, das Wesen der Organisation zu verstehen. 
Wahrend Jahren meiner Arbeit für dauerhaften Frieden, in Situationen von anhaltender Gewalt, habe ich eine übereinstimmende Absicht entdeckt bei Bewegungen und Organisationen, die Gewalt anwenden: Erhalte dich aufrecht. Dies wird mit verschiedenen Methoden versucht, aber allgemein durch die Dezentralisierung von Macht und Struktur, Geheimhaltung, Autonomie zur Handlung durch Einheiten und die Verweigerung, den Konflikt auf der Ebene der Kraft und der Möglichkeiten des Feindes anzugehen. 
Eine der faszinierendsten Metaphern, die ich in den letzten Tagen gehört habe, war, dass dieser Feind der Vereinigten Staaten in seinen Löchern aufgespurt und ausgeräuchert wird, und wenn er aus seinen Löchern rennt und sichtbar wird, wird er vernichtet. Das mag funktionieren bei Ratten, in Schützengraben- und vielleicht sogar Guerillakämpfen, aber es ist keine nützliche Metapher für diese Situation. Ebenso wenig wie diejenige, wonach wir die Stadt vernichten müssen um sie zu retten. Nach dieser Idee ist die Bevölkerung, die unseren Feinden Zuflucht gibt, der Zusammenarbeit mit Terroristen schuldig und deshalb legitime Zielscheibe. In beiden Fallen ist die Metapher, die uns leitet, irreführend, weil sie nichts mit der Realität zu tun hat. Klarer ausgedrückt ist dies kein Kampf, den man sich geografisch oder als physische Stelle oder Ort vorstellen muss, der, wenn er einmal geortet ist, zerstört werden kann und wir dadurch das Problem los sind. Ehrlich gesagt sind unsere größten und sichtbarsten Waffen größtenteils nutzlos. Wir brauchen eine neue Metapher, und obwohl ich normalerweise medizinische Metaphern nicht mag, um Konflikte zu umschreiben, kommt mir das Bild eines Virus in den Sinn, weil dieser die Fähigkeit hat unbeachtet ins System reinzukommen und es von innen zu befallen. Das ist die Genialität von Menschen wie Osama bin Laden. Er hat die Macht eines freien und offenen Systems erkannt und hat es zu seinem Vorteil ausgenutzt. Der Feind hält sich nicht in einem bestimmten Gebiet auf. Er ist in unser System eingedrungen. Und diese Art von Feind kann man nicht bekämpfen, indem man auf ihn schießt. Man antwortet darauf, indem man die Kapazität des Systems stärkt, den Virus zu verhindern und indem man seine Immunität stärkt. Es ist eine ironische Tatsache, dass unsere größte Bedrohung nicht in Afghanistan ist, sondern in unserem eigenen Hinterhof. Wir werden sicher nicht die Firma Travelohcity, die Hertz-Autovermietung oder eine Fliegerschule in Florida bombardieren. Wir müssen die Metaphern ändern und über die Reaktion hinauswachsen, wonach wir das Übel loswerden indem wir die bösen Buben ausschalten. Andernfalls riskieren wir, ein Umfeld zu kreieren, welches den Virus, den wir auslöschen möchten, am Leben bleibt und sich reproduziert. 

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Erinnere dich immer daran, dass Realitäten konstruiert sind. 
Konflikte sind, nebst anderen Dingen, Prozesse des Aufbauens und Aufrechterhaltens von sehr verschiedenen Wahrnehmungen und Interpretationen der Wirklichkeit. Dies bedeutet, dass von den Konfliktparteien gleichzeitig mehrere Realitäten als solche definiert werden. Nach solch schrecklicher und unverdienter Gewalt, wie wir sie gerade erlebt haben, mag dies esoterisch klingen. Aber wir müssen daran denken, dass dieser fundamentale Prozess uns dazu führt, andere Menschen als Fanatiker, Spinner und Irrationale darzustellen. Im Verlauf der Schuldzuweisung verlieren wir die kritische Fähigkeit zu verstehen, dass ihnen beim Aufbauen ihrer Ansichten nichts als verrückter Wahnsinn oder Fanatismus erscheint. Alles geht ineinander über und macht Sinn. Wenn dies verbunden wird mit einer langen Folge von tatsächlichen Erfahrungen, durch welche ihre Sicht der Tatsachen bestärkt wird (zum Beispiel jahrelanger Kampf einer Supermacht, die sie ausgenutzt oder ausgeschlossen hat, aufgezwungene westliche Werte, welche nach ihrer religiösen Interpretation als unmoralisch gelten, oder das Bild eines Feindes, der überwältigende Macht hat und diese Macht gebraucht, um Bombenangriffe durchzuführen und dabei immer zu gewinnen scheint), dann ist es nicht schwierig, eine Weltanschauung eines heldenhaften Kampfes gegen das Böse zu konstruieren. Sie machen es gleich wie wir. 

Achte auf die Worte, die wir gebrauchen, um unsere Handlungen und Reaktionen zu rechtfertigen. 
Und dann höre auf die Worte, die sie gebrauchen. Die Frage, wer gewinnen wird, oder wer stärker ist, unterbricht diesen Teufelskreis nicht. Das Gegenteil ist der Fall. Wer immer auch verliert, seien es taktische Kämpfe oder den Krieg selber, findet im Verlieren den Samen, aus dem die Rechtfertigung für einen erneuten Kampf wächst. Eine solche Spirale der gerechtfertigten Gewalt kann man nur stoppen, indem man aus ihr ausbricht. Vorerst gilt es zu begreifen, dass scharfe Worte am Fernsehen über Verrückte und Böse, keine gute Grundlage der Politik sind. Den größten Einfluss auf ihr Feindbild von uns als die Bösen hätten wir, wenn wir ihre Wahrnehmung über uns ändern würden, indem wir strategisch auf unerwartete Weise reagieren.  Das würde enormen Mut verlangen und eine mutige Führung, welche fähig ist, grundlegende Veränderung ins Auge zu fassen. 

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Verstehe immer die Möglichkeit der Rekrutierung. 
Die größte Macht des Terrorismus ist, dass er sich selbst erneuern kann. Was wir  von diesem Konflikt und von einem Veränderungsprozess zu einer friedlicheren Welt verstehen müssen, ist die Art der Rekrutierung. Aus all meinen Erfahrungen mit tiefliegenden Konflikten fallt eines besonders auf: Die politischen Führer möchten die Gewalt beenden indem sie die Täter übertrumpfen und auslöschen. Dies mag die richtige Erkenntnis vieler Jahrhunderte vor uns gewesen sein. Aber es ist nicht die richtige Erkenntnis aus den letzten 30 Jahren. Sie ist einfach: Wenn Menschen ein starkes Gefühl der Bedrohung, des Ausschlusses und allgemeine Erfahrungen direkter Gewalt erleben, richten sich all ihre Bemuhungen aufs Überleben aus. Immer wieder ist in diesen Bewegungen eine außergewöhnliche Fähigkeit vorhanden, ausgewählte Mythen und erneuerten Kampf zu reproduzieren. Ein Aspekt der gegenwärtigen US-Regierung, der im Zusammenhang und in Übereinstimmung mit den letzten 30 Jahren der langwierigen Konfliktlösungen steht, ist die Aussage, dass es ein langer Kampf sein wird. Übersehen wird dabei allerdings, dass der Schwerpunkt darauf gelegt werden sollte, die Quellen zu beseitigen, welche die Rekrutierung in die Aktivitäten ermöglichen und aufrechterhalten. 
Was ich an den aktuellen Geschehnissen bemerkenswert finde, ist die Tatsache, dass keiner der Täter über 40 Jahre alt war. Viele waren sogar nur halb so alt. Dies ist die Realität, der wir begegnen müssen: Die Rekrutierung geschieht auf einer anhaltenden Basis. Sie wird nicht aufhören, wenn man militärische Macht anwendet. In der Tat wird offene Kriegsführung den Boden bilden, auf dem sie genährt wird und wächst. Die Anwendung militärischer Macht, um Terror zu zerstören, vor allem wenn bedeutende, schon verletzliche Teile von Zivilbevölkerungen davon betroffen sind, ist wie eine Pusteblume mit einem Golfschläger zu treffen. Der Mythos, weshalb wir im Westen böse seien, wird aufrechterhalten, und wir werden eine neue Generation von Rekruten sicherstellen. 
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Erkenne Komplexität, aber verstehe immer die Kraft der Einfachheit. 
Letztlich müssen wir das Prinzip der Einfachheit verstehen. Ich spreche mit meinen Studenten oft über die Notwendigkeit, Komplexität genau zu studieren (was ich in den vorangehenden Punkten angefangen habe, zu erforschen). Jedoch der Schlüssel zu unserer aktuellen Situation, welche wir noch nicht ganz begreifen, liegt in der Einfachheit. Aus der Sicht der Täter lag die Wirksamkeit ihrer Handlungen darin, einfache Wege zu finden, das System zu gebrauchen, um es zu zerstören. Ich glaube, unsere größte Aufgabe ist es, gleichsam kreative, wie einfache Werkzeuge zu finden. 

Vorschläge 

In Anlehnung an den letzten Punkt möchte ich versuchen, einfach zu sein. Ich glaube, drei Dinge sind möglich zu tun und würden eine viel größere Wirkung auf diese Herausforderungen haben, als Rechenschaft durch Rache zu suchen: 

Energische Anstrebung eines andauernden Friedensprozesses zwischen den Israeli und Palästinensern. 
Das muss jetzt geschehen. Die Vereinigten Staaten konnten viel tun, um diesen Prozess zu unterstützen und in Gang zu bringen. Sie könnten die Kraft der Überzeugung einbringen, die Kraft, Menschen auf allen Seiten anzuregen zur gegenseitigen Anerkennung und das gegenwärtige zerstörerische Muster von Gewaltausbrüchen zu stoppen, und die Kraft, die Betroffenen ausgleichend in den Prozess einzuschließen, um historische Ängste und Grundbedürfnisse anzusprechen. Wenn wir die selbe Energie aufbringen würden, internationale Koalitionen für den Frieden in diesem Konflikt einzugehen, wie wir dies getan haben, um internationale Kriegs-Koalitionen, vor allem im Nahen Osten, zu gründen, und wenn wir bedeutende finanzielle, moralische und ausgeglichene Unterstützung an alle Parteien leisten würden, so glaube ich, wäre der richtige Moment gekommen und der Hintergrund gegeben, um einen neuen und qualitativen Schritt vorwärts zu machen. Klingt das nach Ablenkung von unserer aktuellen Situation des Terrors?  Ich glaube, das Gegenteil ist der Fall. Diese Art des Handelns ist genau das, was gebraucht wird, um eine neue Sicht zu schaffen über uns, und wofür wir als Nation stehen. Anstatt Terror mit militärischer Macht zu bekämpfen, dringen wir in ihr System ein und nehmen ihnen eines ihrer wichtigsten Elemente: Den Boden auf dem Generationenkonflikte als Ungerechtigkeit wahrgenommen und dazu benutzt wurden, Hass und Rekrutierung zu erwirken. 
Ich glaube, dass monumentale Zeiten wie diese die Bedingungen schaffen für monumentale Veränderungen. Diese Annäherung würde unsere Beziehungen mit einer stattlichen Reihe zugleich von Verbündeten und Feinden im Nahen Osten und in Zentralasien stärken und würde den Terror schlagartig eindämmen. Den größten Schaden, den wir dem Terror zufügen können ist, ihn unbedeutend zu machen. Das Schlimmste, was wir tun können ist, ihn unabsichtlich zu nähren, indem wir ihn und seine Anführer zum Zentrum unserer Handlungen machen. Wählen wir Demokratie und Wiedergutmachung anstelle von Rache und Zerstörung. Tun wir genau das, was sie nicht von uns erwarten und zeigen ihnen, dass es funktionieren kann. 

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Finanzinvestitionen in Entwicklung, Bildung und ein breites soziales Programm in den Ländern um Afghanistan, statt die Taliban auf der Suche nach Bin Laden zu zerstören. 
Der größte Druck auf bin Laden wäre, ihm die Quellen seiner Rechtfertigungen und Bündnisse wegzunehmen. Länder wie Pakistan, Tadschikistan, Iran und Syrien müssen ins Blickfeld des Westens und der Vereinigten Staaten kommen mit einer Frage von strategischer Wichtigkeit: Wie können wir euch helfen, die Grundbedürfnisse eurer Bevölkerung zu befriedigen? Die strategische Veränderung der Reproduktion des Terrors, dessen Zeugen wir vorige Woche wurden, liegt in der Qualität der Beziehungen, die wir mit ganzen Regionen, Völkern und Weltanschauungen pflegen. So wie wir das Netz dieser Beziehungen stärken, schwächen und eliminieren wir vielleicht sogar den Boden auf dem der Terror entsteht. Von der aktuellen Offenheit, welche durch den Schrecken dieser Woche sogar bei denjenigen zu finden ist, die wir traditionsgemäß als Staatsfeinde betiteln, sollten wir profitieren. Hier wäre eine entschiedene Investition sofort machbar, und würde eine Menge von historischen Möglichkeiten in sich bergen. Tun wir doch das Unerwartete. Bilden wir ein neues Paket von strategischen Allianzen, die bisher undenkbar waren. 

Anstreben einer stillen diplomatischen, aber dynamischen und vitalen Unterstützung der Arabischen Liga, damit diese intern herauszufinden sucht, wie den Ursachen der Unzufriedenheit in vielen Regionen begegnet werden kann. 
Dies sollte einhergehen mit entschlossenem ökumenischen Engagement, nicht nur durch symbolische Leitfiguren, sondern von praktischem Erkunden eines ethischen Netzes für das neue Jahrtausend, das auf dem Herz und der Seele aller Traditionen beruht, und gleichzeitig für jeden die Fähigkeit entwickelt, die Wurzeln der Gewalt in seiner eigenen Tradition anzugehen. Unsere Herausforderung, wie ich sie sehe, besteht nicht darin, andere davon zu überzeugen, dass unsere Art zu leben, unsere Religion, oder unsere Struktur der Regierung besser, oder naher an der Wahrheit und der menschlichen Würde ist. Sie besteht darin, ehrlich zu sein über die Quellen von Gewalt in unserem eigenen Haus und andere dazu einzuladen, das selbe zu tun. Unsere globale Herausforderung besteht darin, echtes Engagement zu fördern und aufrechtzuerhalten, das Menschen innerhalb ihrer Kultur ermutigt das zu suchen, was den Wert und den Respekt des Lebens garantiert, was jede Religion als ein geerbtes Recht und eine geerbte Gabe des Göttlichen sieht und wie man organisiertes politisches und soziales Leben aufbaut, das auf die Grundbedürfnisse des Menschen eingeht. Ein solches Netz kann nur durch einen echten, ständigen Dialog und durch das Aufbauen von echten Beziehungen, auf religiöser und politischer Ebene der Interaktion und auf allen Stufen der Gesellschaft, aufgebaut werden.  Warum sollten wir nicht das Unerwartete tun und zeigen, dass lebensbejahende Ethik im Herzen aller Völker vorhanden ist, indem wir uns mit einer Strategie des echten Dialogs und echten Beziehungen beschäftigen? Ein solches Netz der Ethik, politisch und religiös, wird für die Generation unserer Kindeskinder einen viel größeren Einfluss auf die Wurzeln des Terrors haben, als jegliches Ausmaß an militärischer Aktion. Die aktuelle Situation bietet eine nie zuvor da gewesene Möglichkeit, dass dies geschehen könnte, stärker, als wir es je zuvor in unserer globalen Gemeinschaft erlebt haben. 

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Ein Ruf nach dem Unerwarteten 

Lassen Sie mich mit einfachen Ideen schließen. Um der Realität von gut organisiertem, dezentralisiertem, sich wiederholendem Terror zu begegnen, müssen wir anders über die Herausforderungen nachdenken. Wenn dies tatsachlich ein neuartiger Krieg ist, wird er nicht mit einer traditionellen Militärstrategie gewonnen werden. Der Schlüssel liegt nicht darin, Territorien, Lager, und noch weniger die zivile Bevölkerung, welche sie angeblich beherbergt, aufzuspüren und zu zerstören. Paradoxerweise wird dadurch  nur erreicht, dass das Phänomen genährt wird und dass es sicher in die neue Generation überlebt. Der Schlüssel liegt darin, darüber nachzudenken, wie ein kleiner Virus in einem System das Ganze befällt und wie man die Immunität des Systems verbessern kann. Enorme Vorsicht ist geboten, um die Bewegungen, über die wir uns beklagen, nicht mit unbegründetem Treibstoff für die Selbstregeneration zu versorgen. Wir wollen ihre Prophezeiungen nicht erfüllen, indem wir ihnen Märtyrer und Rechtfertigungen liefern. Die Macht ihrer Handlungen liegt in der Einfachheit, mit welcher sie den Kampf von globalem Ausmaß verfolgen. Sie haben die Macht der Machtlosen verstanden. Sie haben verstanden, dass man sich eine interne Basis schafft, indem man sich unter den Feind mischt. Sie haben den Feind nicht mit einem größeren Stock niedergeschlagen. Sie haben das Einflussreichere getan: Sie haben das Spiel geändert. Sie sind in unser Leben, unser Zuhause eingedrungen und haben unsere eigenen Instrumente zu unserer Zerstörung benutzt. Diesen Krieg für Gerechtigkeit, Frieden und Menschenwürde werden wir nicht mit den traditionellen Kriegswaffen gewinnen können. Wir müssen das Spiel noch einmal ändern. Lasst uns die praktischen Herausforderungen dieser Realität, die vielleicht am besten umschrieben ist in „The Cure of Troy“ (Die Kur von Troja), einem Heldengedicht von Seamus Heaney, für den die Macht der Spirale des Terrors kein Fremdwort war, in Angriff nehmen. Rufen wir doch das Unerwartete ins Leben. Hoffe auf einen Witterungsumschlag, jenseits von Rache. Glaube, dass ein weiter entfernter Strand von hier aus zu erreichen ist. Glaube an Wunder und Heilmittel und Heilquellen. 

J.P. Lederach 
übersetzt von Eva-Maria Willkomm vom Oekumenischen Dienst / Schalomdiakonat 


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