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Die Bundeswehr im Umbruch

 
Am 23. Mai 2000 legte die Wehrstrukturkommission unter Leitung von Bundespräsident a.D. Richard von Weizsäcker ihren Bericht „gemeinsame Sicherheit und Zukunft der Bundeswehr“ der Bundesregierung und auch der Öffentlichkeit vor. Am gleichen Tag präsentierte der Generalinspekteur der Bundeswehr, General Hans Peter von Kirchbach, seine „Abschlussarbeit“[1]: „Eckwerte für die konzeptionelle und planerische Weiterentwicklung der Streitkräfte“. Nur drei Wochen ließ sich daraufhin Verteidigungsminister Scharping Zeit, um aus den beiden Papieren eine Kabinettsvorlage zu entwerfen. Bereits am 14. Juni verabschiedete die Regierungsmannschaft die von ihm vorgelegten „Eckpfeiler für eine Erneuerung von Grund auf“. Was sind die wesentlichen Inhalte, welche Veränderungen werden angeregt und wie sind die Berichte insgesamt zu werten? Ein kleiner Einblick kann Augen öffnen und hoffentlich auch zur vertieften Auseinandersetzung mit der Frage der Sicherheitspolitik anregen. Beides wäre notwendig.
(Download der kompletten Berichte siehe unten)

Die Wehrstrukturkommission

Richard von Weizsäcker wurde von Verteidigungsminister Rudolf Scharping vor gut einem Jahr mit der Bildung und Führung einer Wehrstrukturkommission beauftragt, um die Bundesregierung bei ihrer Planung für die Sicherheitspolitik zu beraten. Mit 21 Mitgliedern und einer mehrfachen Anzahl von Gästen und Mitarbeitenden aus den Bereichen Wirtschaft (von Daimler Chrysler über Telekom bis Mc Kinsey), Politik (z.B. Altkanzler Helmut Schmidt) und Bundeswehr (insbes. Sanitätsdienst und Führungsstäbe der Streitkräfte) war die Kommission hochrangig besetzt. Am 3. Mai 1999 nahm sie offiziell ihre Tätigkeit auf. Drei Arbeitsgruppen wurden gebildet und zusätzlich acht Gutachten eingeholt. Ein halbes Jahr früher als gefordert, Anfang März 2000, lagen die Ergebnisse der Gutachten und auch der Arbeitsgruppen vor und wurden bis zum 23. Mai 2000 in einem 180 DIN A4 – Seiten umfassenden Bericht zusammengefasst. „Es ist eine Erneuerung der Bundeswehr von Grund auf, die die Kommission auf der Basis ihrer Erkenntnisse über unsere sicherheitspolitische Lage empfiehlt.“[2]

Der Bericht des Generalinspekteurs

Ebenfalls am 23. Mai 2000 veröffentlichte Hans Peter von Kirchbach als Generalinspekteur der Bundeswehr sein Reformkonzept für die Bundeswehr. Die gleichzeitige Präsentation ohne ausdrücklichen Bezug deuten auf einen Konflikt hin. Der „Rücktritt“ Kirchbachs als Generalinspekteur wenige Tage danach unterstreicht diese Vermutung. Dennoch: in den Kernaussagen (s.U.) decken sich beide Papiere und auch Scharping zitiert in seiner Kabinettsvorlage aus beiden Quellen.[3] Unterschiede fallen insbesondere in der Bewertung der Wehrpflicht[4] auf. Insgesamt kommt bei Kirchbach das „Neue“ nicht so stark zum tragen. Einigkeit besteht in der sicherheitspolitischen Grundannahme, dass Deutschland nur von Bündnispartnern und befreundeten Nationen umgeben ist und dadurch das Maß an Bedrohung für unser Land auf historisch niedrigstem Niveau liegt.[5] Den daraus als logisch erscheinenden Schluss, die Abschaffung der Bundeswehr oder zumindest die radikale Reduzierung des Verteidigungsetats zu Gunsten anderer Aufgaben, ziehen alle drei Autorengruppen hingegen nicht. Im Gegenteil. Es herrscht Aufbruchstimmung, eine „neue Bundeswehr“ mit neuen Aufgaben wird entworfen.

Lehren aus dem Kosovo-Krieg

Während in kirchlichen- und friedensbewegten Kreisen aus dem Kosovo-Krieg der Schluss gezogen wurde, dass militärische Gewalt (insbesondere, wenn sie aus großer Distanz eingesetzt wird) als Konfliktlösungsinstrument weitgehend unbrauchbar ist, schimmert in den am 23. Mai 2000 vorgelegten Papieren eine ganz andere Lehre hindurch, die sich auch als Ziel der angestrebten Umstrukturierung beschreiben lässt: „Wenn wir Europäer militärisch enger zusammen rücken und jede LEAD NATION ihre Kompetenz und Finanzkraft einbringt, können wir uns von Amerika unabhängiger machen und als eigenständige (Welt-) Macht auftreten.“[6]„Die Europäer sollten den gemeinsamen, wahrscheinlich über viele Jahre erforderlichen Einsatz auf dem Balkan nutzen, um ihre Möglichkeiten wirksamere Zusammenarbeit auszuweiten.“[7]

Aufbruchstimmung 

Weizsäcker, von Kirchbach und auch Scharping schlagen vor, die Gunst der Stunde zu nutzen, um als „Lead Nation“[8]im europäischen Kontext mit Frankreich und Großbritannien nun auch militärisch gleich zu ziehen[9] und die Bundeswehr auf ein gänzlich verändertes Aufgabenspektrum vorzubereiten: Der Wegfall einer unmittelbaren Bedrohung erlaubt die Reduktion der „Defensivwaffen“ und gibt dadurch Finanzmittel frei, um die Einsatzfähigkeiten der Bundeswehr fern der Heimat[10] zu verbessern. „Die Fähigkeit, im kompletten Einsatzspektrum bis hin zu Konflikten mit hoher Intensität[11] handeln zu können, muss künftig über große Entfernungen glaubhaft und dauerhaft sichergestellt werden. Diese Entwicklung markiert zugleich die Abkehr vom traditionellen Bild der Bundeswehr als Instrument eines rein auf territoriale Verteidigung orientierten Landes.[12] Ohne Änderung des Grundgesetzes, weitgehend ohne öffentliche Diskussion, wird die Bundeswehr von einer Verteidigungsarmee in eine Einsatztruppe umgewandelt. Der europäische Einigungsprozess ist hierbei die Triebfeder und liefert gleichzeitig die Begründung für die geplanten Umstrukturierungen. Diplomatisch „geschickt“ spricht die Weizsäcker-Kommission von der sich heute abzeichnenden Chance, die Vision von John F. Kennedy in die Tat umzusetzen, „das Atlantische Bündnis auf zwei Pfeiler zu stellen: einen starken europäischen Pfeiler neben der tragenden amerikanischen Säule.“[13] „Eine Allianz, in der die Europäer sich nicht länger bevormundet und die Amerikaner sich nicht länger ausgenutzt fühlen, bildet das bessere Fundament transatlantischer Partnerschaft.“[14]

Von „out of area“ über „Blauhelme“ zur GASP

Ganz neu waren diese Überlegungen nach dem Kosovo-Krieg nicht mehr, aber sie erhielten durch den Krieg neuen Rückenwind.[15] Das Ende der Blockkonfrontation führte bereits Anfang der 90er Jahre zu einer Sinnkrise der Bundeswehr und der NATO. Nachdem die Abschreckung mit dem Fall der Mauer an Bedeutung verloren hatte, suchten sich die militärischen Planer neue Aufgaben und fanden sie auch. Bundeswehrsoldaten waren zunächst nur bei humanitären „Blauhelm“-Einsätzen (Kambodscha, Somalia) beteiligt. Parallel zur Veränderung der Rolle der Bundeswehrsoldaten entwickelte sich ab 1993[16] eine gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik (GASP) innerhalb der EU. Aber erst nach dem Kosovo-Krieg gewinnt die „Europäische Sicherheits- und Vertreidigungsidentität“ (ESVI) ihr eigenes Profil. Unter der deutschen Präsidentschaft wurden Anfang 2000 die strukturellen Voraussetzungen geschaffen, um zukünftig sogenannte „Petersberg-Aufgaben“[17] wahrnehmen zu können. In diesem Zusammenhang besteht das Ziel, das die Union hierbei verfolgt, darin, autonom in der Lage zu sein, Beschlüsse zu fassen und in den Fällen, in denen die NATO als ganzes nicht einbezogen ist, als Reaktion auf internationale Krisen EU-geführte militärische Operationen einzuleiten und auch durchzuführen.[18]

Darüber müssten wir reden

Alle drei Papiere verzichten auf eine Diskussion über die veränderte politische Grundannahme; alle drei sparen die Frage aus, nach welchen Kriterien solche Einsätze stattfinden sollen; alle drei zeigen fast ausschließlich militärische Interventionsmöglichkeiten, ordnen zivile Bereiche dem Militärischen unter; alle drei halten – wie die NATO insgesamt - an der Atombewaffnung fest[19], obwohl die Streitkräfte nicht mehr primär abschrecken, sondern zur Kriegsführung umgerüstet werden sollen; alle drei vernachlässigen die Frage, welche politischen Konsequenzen aus der Re-Militarisierung deutscher und europäischer Außenpolitik erwachsen; ....Statt über diese wichtigen Fragen eine öffentliche Diskussion und Meinungsbildung anzustreben, scheint für die Bundesregierung und das Parlament „beschlossene Sache“, dass die Einsatzkräfte von derzeit 60 000 Mann auf 140 000[20] bis 157 000 Mann[21] aufzustocken sind; dass insbesondere bei Nachrichtengewinnung und Aufklärung, Führungsunterstützung, Verlegefähigkeit und Mobilität, sowie der Abstands- und Präzisionsfähigkeit der Bewaffnung ein großer Investitionsbedarf besteht, während beispielsweise bei den Panzern und bei der Zahl der Soldaten Einsparpotential vorhanden ist.[22] Dies ist in sich schlüssig und dennoch höchst gefährlich. Die geplanten Veränderungen bedeuten einen Einschnitt, der im Falle seiner Umsetzung für Europa ähnlich gefährlich sein könnte, wie die Entwicklung zur Blockkonfrontation nach dem 2. Weltkrieg, zumindest so bedeutsam wie die „Nachrüstung“ der 80er Jahre. Die mit den Papieren aufgeworfene Frage nach der Wehrpflicht scheint mir gegenüber der Grundsatzentscheidung marginal. Es ist höchste Zeit, dass sich die Menschen und Organisationen mit anderen sicherheitspolitischen Vorstellungen deutlich zu Wort melden, denn wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.
Martin Höfflin, Arbeitsstelle Frieden im Juli 2000


Anmerkungen:
[1] Am Tag darauf legte er sein Amt als Generalinspekteur nieder
[2] Aus dem Vorwort des Kommissionsberichtes
[3] Sein Titel „die Bundeswehr, sicher ins 21. Jahrhundert - Eckpfeiler für eine Erneuerung von Grund auf“ fasst bereits die Leitsätze der beiden Dokumente zusammen.
[4] Für Kirchbach und Scharping unverzichtbar, für die Weizsäcker-Kommission auch als Auslaufmodell denkbar. 
[5] Die Weizsäcker-Kommission formuliert hier besonders klar: „Die Welt des Jahres 2000 unterscheidet sich grundlegend von der des Jahres 1990. Damals standen sich allein in Deutschland 1,5 Millionen Soldaten gegenüber. (...) Heute und auf absehbare Zeit ist die Gefahr eines Atomkrieges und die eines groß angelegten konventionellen Angriffs auf unser Territorium nicht zu erkennen. (...) Im Übrigen ließe sich eine neue Bedrohungskulisse nur langfristig aufbauen. Acht bis zehn Jahre rechnen die Fachleute dafür. Dies gäbe dem Westen ausreichend Warnzeit.“ (Weizsäcker, 15)
[6] „Durch ihre enge Verflechtung bilden die Mitgliedsstaaten der EU heute schon einen Sicherheitsraum. Es liegt im deutschen Interesse und entspricht den bereits eingegangenen Verpflichtungen, diesen Sicherheitsraum nachhaltig zu stärken.“ (Weizsäcker, 36)
[7] Weizsäcker, 52
[8] Der Begriff LEAD-NATION kommt bei Kirchbach (S. 14 und 18) und Weizsäcker (Abschnitte 73, 135 und 136) mehrfach vor. „Führungs-Nation“ hätte vielleicht zu sehr an die deutsche Vergangenheit erinnert. Scharping umschreibt das Thema, ohne den Begriff zu übernehmen: „Die Einheit Deutschlands, die Erweiterung der NATO und die Entwicklung der Europäischen Union rücken unser Land stärker in die Mitte des euro-atlantischen Raumes.“ (Scharping, 4)
[9] „Künftige Einsätze werden mehr als bisher geprägt sein durch Multinationalität und einen streitkräftegemeinsamen Ansatz. Daraus erwächst die doppelte Anforderung an die Bundeswehr, einerseits deutsche Kontingente in multinationalen Verbänden national und streitkräftegemeinsam zu führen, und auch als lead - nation die Einsatzführung multinationaler Kräfte zu übernehmen.“ (Weizsäcker, 73)
[10] z.B.: „Der Einsatz deutscher Landstreitkräfte außerhalb Deutschlands rückt in den Mittelpunkt der Überlegungen“. (Kirchbach, Seite 46)
[11] „Konflikt mit hoher Intensität“ ist die Umschreibung für „Intervention“ oder „Krieg jenseits der Landesgrenzen“. Die Wort-Neuschöpfungen in den drei Konzeptionen wäre eine eigene Untersuchung wert.
[12] Weizsäcker, 66
[13] „Aus dem two-pillar-Konzept Kennedys ist während des Kalten Krieges nichts geworden. (...) Wenn die Europäer sich jetzt mit 40 Jahren Verzug daran machen, jenen zweiten Pfeiler in der NATO zu errichten, von dem einst John F. Kennedy sprach, so tun sie das nicht, um das Bündnis zu schwächen, sondern um es zu stärken. Heute zeichnet sich die Chance ab, jene Vision zu verwirklichen.“ (Weizsäcker, 46 und 60)
[14] Weizsäcker, 60
[15] „Der Konflikt im Kosovo hat der EU dramatisch vor Augen geführt, wie dringend und unverzichtbar die Stärkung der europäischen Sicherheits- und Verteidigungspolitik für Europa ist. Nur wenn es der EU gelingt, auch auf diesem Gebiet ihre Kräfte zu bündeln und eigenständig handlungsfähig zu werden, wird Europa seine Werte und Interessen in vollem Umfang zur Geltung bringen können.“ („Ein neues Kapitel der GASP: die Europäische Sicherheits- und Verteidigungspolitik, Auswärtiges Amt, April 2000) 
[16] Mit dem Vertrag von Maastricht vom 1. November 1993, der am 2. Oktober 1997 in Amsterdam präzisiert wurde.
[17] So benannt nach dem Ort (Petersberg bei Bonn), an dem sie im Juni 1992 vom Ministerrat der WEU festgelegt wurden: EU-gemeinsame Aktionen von der Katastrophenhilfe bis zu Kampfeinsätzen
[18] „Bericht des Vorsitzes an den Europäischen Rat über die Stärkung der gemeinsamen Europäischen Sicherheits- und Verteidigungspolitik“, Auswärtiges Amt, Juli 2000 
[19]„Nukleare Streitkräfte werden weiterhin eine wesentliche Rolle spielen“ (Das strategische Konzept des Bündnisses, NATO-Presseerklärung vom 24. April 1999)
[20] Weizsäcker, Abschnitt 7
[21] Kirchbach, Seite 34
[22] Kirchbach, Seite 14ff, Weizsäcker, Abschnitt 191 ff


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