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Veröffentlichung
11. Mai 1999

Militärpolitische Fachidiotie oder: 
Aus Löwen werden keine Vegetarier

Gastbeitrag: Zu schlichter Gewalt, dem verführerischsten aller Mittel, gibt es immer Alternativen / Von Ekkehart Krippendorf

Auf absehbare Zeit wird es - hoffentlich - keinen so unzweideutigen Beweis wieder geben, wie wir ihn gegenwärtig vorgeführt bekommen, für die völlige Untauglichkeit militärischer Gewaltanwendung zur Lösung politischer Konflikte. Wenn pazifistische Haltungen je auf furchtbare Weise dramatisch gerechtfertigt wurden, dann durch die Tragödie, deren Zeugen wir seit dem 24. März sind.
Nicht einmal die Kriegsbefürworter behaupten noch, daß die Bombardierungen auch nur einem Kosovobewohner oder -flüchtling geholfen hätten. Die große und offensichtlich seit langem geplante Massenvetreibung mittels Mordkommandos, Niederbrennen von Dörfern und Zwangsdeportationen hat bekanntlich erst nach den Bombenangriffen eingesetzt.

In Deutschland wird ständig für das NIE WIEDER der Name Auschwitz beschworen. Wenn es hier eine "Lehre" gibt, dann ist es die: Auschwitz war nur möglich im Kriege. Bis 1939/40 hatte die NS-Regierung alles getan, um die deutschen Juden zur Auswanderung zu zwingen, d. h. sie zu vertreiben - übrigens ohne, daß sie dafür diplomatisch oder politisch verurteilt oder geächtet wurde - erst der Krieg, als das Regime international ohnehin nichts mehr zu verlieren hatte, machte die Mordmaschine möglich.

Wer sich auf den Pazifismus beruft, darf zu den organisierten Staatsverbrechen der Belgrader Regierung nicht schweigen - aber auch, wer ohne sich zur unbedingten Gewaltfreiheit zu bekennen gegen die Nato-Kriegsführung protestiert, muß wenigstens ansatzweise Antworten haben auf die Frage: Was denn sonst? Wer keine konstruktive Antwort hat auf die Kosovo-Gretchenfrage, der bekräftigt nur die Position derer, die eben eine Antwort haben und sie auch umsetzen - die einen mit gutem, die anderen mit ungutem Gefühl, aber geschossen wird.

Das betrifft besonders die nachträglichen Besserwisser, die selbsternannten oder professionellen kritischen Experten für Außenpolitik und Internationales. Was sie heute klug schreiben über "die Nato müßte" und "die UN sollte" und dieser oder jener "wäre gut beraten", das bewegt sich so selbstgerecht wie belanglos in den Bahnen konventionellen Räsonnierens, ist in der Regel ebenso vernünftig und richtig wie steril. Wenn der Außenpolitik-Experte E. O. Czempiel zum Beispiel mit der Attitüde des abgeklärten "elder statesman" seiner Disziplin so viel Richtiges sagt, zweifelt man doch am tatsächlichen Sachverständnis solcher Analyse, wenn er gleichzeitig freimütig zugesteht, er habe es "nicht geglaubt", daß die Nato tatsächlich den Krieg eröffnen würde; wo hat der Mann denn eigentlich Geschichte und Politik studiert?

Werden denn Waffentechnologien nur entwickelt, um die Rüstungsindustrie zu bedienen? Werden Soldaten an diesen Waffen nur ausgebildet, um den Männlichkeitswahn von Gesellschaften zu befriedigen? Brauchen die politischen Klassen jeder Couleur ihr Militär nur, um damit angeben und allenfalls sich gegen innere Gegner wehren zu können?

Aber da Außenpolitik ein Spiel auf so hoher Abstraktionsebene ist, kann da jeder, der gelernt hat, mit Worten und Begriffen umzugehen, etwas Plausibles und innerhalb der Sach- und Begriffslogik von Außenpolitik "Vernünftiges" sagen.

Von Politik verstehen paradoxerweise diejenigen, die sie machen, am wenigsten: also in diesem Falle die Leute in Brüssel. Das heißt sie verstehen natürlich etwas von Politik, aber nur von der Politik, die sie selber machen und so wie sie sie machen. Sie haben gelernt, wie man "Druck" ausübt und was Militär- und Verhandlungsdiplomatie ist. Manchmal verkalkuliert man sich dabei - wie im Falle Jugoslawien/Milosevic - das kommt vor.

Aber man hat sein Regime logischerweise jahrelang als ganz normalen Partner der internationalen Geschäftsbeziehungen behandelt (wie vor 1989 Saddam Hussein auch - und wie ja übrigens auch den vielgeschmähten Hitler bis 1939).

Deshalb glaubten sie, alles richtig zu machen - und sie haben auch innerhalb der Parameter ihrer Politik-Logik alles (mehr oder weniger - "weniger" z. B. in der mangelnden Professionalität von Rambouillet) richtig gemacht. Ihnen weiteres Verhandeln aufzutragen hieße, aus Löwen Vegetarier machen zu wollen.

Die Tragik der Situation liegt darin, daß sie alle, wir alle, letztlich noch immer in den historisch begrenzten und bornierten Kategorien gewaltgestützter Macht als Politik denken. Darum das hilflose Anrufen der UN oder die Ratschläge an "die Nato" oder wie auch immer sich diese traditionelle Zuschauermentalität artikuliert.

Oben wird "die Politik" gemacht, und unten wird sie kritisch kommentiert. Wir sind Spielbeobachter und rufen den Spielern diesen oder jenen Rat, diese oder jene Kritik zu - aber wir sehen sie nur auf dem Fernsehbildschirm, und unsere Rufe erreichen sie nicht.

Die spezifische Tragik des Außenministers Joschka Fischer (der, hätte er das "Grüne Projekt" ernster genommen als sich selbst, gar nicht Außenminister hätte werden können) liegt darin, daß er sich anscheinend völlig auf die "Leute von Brüssel" als seine Bezugsgruppe eingelassen hat - und gegen deren Sachlogik vermag er als einzelner nicht zu bestehen: Sie haben ihn offensichtlich von der Alternativlosigkeit ihrer Problemlösung überzeugt.

Wäre es Fischer ernsthaft um eine - sagen wir es vorsichtig: militärkritische - qualitativ andere Linie seiner bzw. der deutschen Außenpolitik gegangen, dann hätte er sich von Anbeginn, sicher aber während des langen Vorlaufs der Kosovo-Entscheidung mit einem an der Gewaltfreiheit orientierten Berater- und Expertengremium umgeben können und dem die klare Frage vorlegen müssen: Was tun, um die drohende mörderische Vertreibungspolitik der jugoslawischen Führung ohne militärische Intervention zu verhindern und Milosevic zu entmachten? Sein Kollege Jürgen Trittin hat schließlich auch den von der Atomlobby besetzten alten wissenschaftlichen Beirat ausgewechselt.

Fischer hätte sich - statt sich von Brüssel beraten zu lassen - einen eben solchen wissenschaftlichen Beirat, z. B. aus den Reihen der deutschen (und internationalen) Friedensforscher bilden können. Das hätte bedeutet, einen ganz anderen als den fachidiotisch Nato-technokratischen politischen Sachverstand, nämlich die kreative friedenspolitische Vernunft zu mobilisieren - oder jedenfalls zu prüfen, was in ihr steckt, was sie präventiv-interventionistisch zu sagen hat; und das wäre sicherlich mehr gewesen als die Gebetsmühle "weiterverhandeln". Zur Gewalt, der primitivsten und in ihrer Schlichtheit auch verführerischsten Methode, gibt es immer Alternativen.

Der Verf. macht sich anheischig, mit friedensforscherlichen Experten und Kennern der Region in einem gut vorbereiteten langen Klausur-Wochenende - nicht als Kolumnen-Schnellschuß eines einzelnen - konkrete, realistische und gewaltfreie Strategien und dazugehörige praktische politische Schritte auszuarbeiten als Diskussionsvorlage für die Teile der politischen Klasse, die sich nicht auf die Brüsseler Nato-Logik einlassen wollen, auch wenn das teilweise darin bestehen müßte, auf versäumte Alternativen vor dem blindwütigen Zuschlagen zurückzugehen.

Es handelte sich um die Arbeit kreativen politischen Denkens, die ein nicht-bestehender wissenschaftlicher Beirat im Aussenministerium hätte leisten müssen - und leisten können. Solches überhaupt nicht in Erwägung gezogen zu haben, ist Fischers selbstbewußt verblendete Arroganz der Macht.

Es gibt in der Bundesrepublik zwei größere Friedensforschungsinstitute und ein kleineres, und es gibt einen Berufsverband der Friedensforscher. Jetzt haben wir einen echten Krieg - und qua Institution schweigen sie alle über die Sache, um die es ihnen geht und geben bestenfalls die üblichen taktischen Ratschläge an die Nato. Wahrscheinlich weil sie an eine solche Möglichkeit "nicht geglaubt" haben. Aber es gibt auch die, die demgegenüber realistisch gewußt haben, daß, wo es Militär gibt, der Krieg nie ganz weit weg ist.

Ekkehart Krippendorf, Jahrgang 1934, ist Professor für Politikwissenschaften an der Freien Universität Berlin. 

Diesen Artikel dokumentieren wir mit freundlicher Genehmigung der  Frankfurter Rundschau  Erscheinungsdatum 11.05.1999


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