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18. 1. 2003

Und hier wird darüber diskutiert, was ein Panzer ist?

Rede Thomas Krahe bei der EUCOM-Aktion am 08.12.02 

Ich war eine Woche lang mit einer Delegation aus 4 verschiedenen Ländern im Irak. Am letzten Mittwoch kam ich zurück. Wenn ich die Reise in einem Satz zusammenfassen kann, dann ist es dieser:

Ich habe eine Familie im Irak.

Als ich wieder in Deutschland war, war ich entsetzt darüber, dass hier Diskussionen darüber geführt werden, ob Fuchs-Truppentransport-Panzer jetzt als Panzer zu bezeichnen sind oder nicht.
Ich bin entsetzt, denn was ich im Irak gehört, gesehen und erlebt habe, spottet jeder Beschreibung. Im Irak kämpft ein ganzes Volk ums Überleben.

Am ersten Tag in Bagdad wurde ich schon angebettelt. „Please help, I need money for medicine.“ Menschen laufen durch die Strassen mit leeren Medikamentenverpackungen in der Hoffnung, dass sie irgendjemanden finden, der es hat oder ihnen Geld dafür gibt. Denn aufgrund der Sanktionen dürfen viele Medikamente gar nicht ins Land oder sie kommen in zu geringen Mengen, weil nicht mehr importiert werden dürfen.

Und hier wird darüber diskutiert, was ein Panzer ist?

Im Kinderkrankenhaus von Baghdad sahen wir die Krebsstation. Seit dem Golfkrieg steigen Krebskrankheiten rapide an. Denn damals wurden 300 Tonnen uranhaltige Munition abgeschossen.

Ich möchte euch von Warood, einem Mädchen erzählen. Warood hat seit 3 Jahren Leukämie. Die Krankheit wurde frühzeitig entdeckt und Warood im Krankenhaus behandelt. Sie wurde entlassen, weil es ihr besser ging. Sie kam regelmäßig für jeweils 10 Tage ins Krankenhaus. Dort sollte sie weiter medikamentös behandelt werden. Doch es waren keine Medikamente mehr da. Jetzt geht es ihr schlechter als vor 3 Jahren. Und sie wird sterben, weil Medikamente einem Embargo unterliegen, das die Waffenproduktion verhindern soll. „This Children will die, we can not do anything for this Child.“ Diese Worte des Arztes werde ich nie vergessen, als er von Bett zu Bett ging. Krebs im Irak ist ein Todesurteil.

Und hier wird darüber diskutiert, was ein Panzer ist?

Die Iraker verhungern im Moment nicht, weil sie jeden Monat eine Essensration bekommen. In der Ration sind keinerlei Vitamine, Obst, Gemüse oder Fleisch enthalten. Die Rationen reichen ca ¾ des Monats. Und dann? Dann muss improvisiert werden.
Was aber passiert, wenn jemand krank wird oder die Arbeit verliert? Die Hälfte der Haushalte auf dem Land hat keine Möbel mehr, weil sie verkauft wurden, um Medikamente zu kaufen. Mittlerweile verkaufen die Menschen schon ihre Essenrationen.
Zur Erinnerung: Vor 1991 war der Irak in der gesamten Region Vorbild für die Gesundheitsversorgung, Schulbildung und Lebensstandard.

Laut aktuellen UNO-Berichten des UN-EntwicklungsProgramms (UNDP) · verdienen 49% der Familien nicht genug Geld, um für ihre Grundbedürfnisse aufzukommen · sind im Februar 2002 23.1% aller Kinder unter 5 Jahren chronisch mangelernährt · starben 1999 131 von 1 000 Kindern unter 5 Jahren, die lebend zur Welt kommen. Aus dem Oil for Food Programm stehen pro Kopf und Jahr im Irak 174 US-Dollar zur Verfügung. Die UN gibt im gleichen Zeitraum 400 US-Dollar für Futter von Minensuchhunden im Irak aus.

Und hier wird darüber diskutiert, was ein Panzer ist?

Im Jahresbericht 2000-2001 von Caritas Irak ist zu lesen: „Einen Menschen im Wald zu töten, ist nach dem Gesetz ein unverzeihliches Verbrechen. Eine Nation umzubringen ist, so scheint es, eine Frage von Diskussion und Ansichtssache.“
Das muss endlich ein Ende haben. Die Lügner müssen Lügner und die Mörder müssen Mörder genannt werden, auch die die Beihilfe zum Mord leisten. Nach unseren Erlebnissen im Irak erklärt unsere Delegation deutlich und in aller Öffentlichkeit, dass nicht nur atomare, biologische und chemische, sondern auch die wirtschaftlichen Massenvernichtungswaffen geächtet gehören – und zwar in allen Ländern.

Im Irak wird seit 12 Jahren ein Massenmord durchgeführt. 1,5 Millionen Menschen sind an den Folgen des Golfkrieges und der Sanktionen gestorben.

Und hier wird darüber diskutiert, was ein Panzer ist?

Ja, sind wir denn noch normal? Ist das etwa ein zivilisiertes Verhalten, auf das man stolz sein kann? Die einzige Frage, die hier relevant zu sein scheint, und die mir immer wieder gestellt wird, ist, ob denn nun das Regime im Irak eine Diktatur sei oder nicht.
Als wenn man damit rechtfertigen könnte, genau die Menschen langsam umzubringen, deren Menschenrechte von dem Regime verletzt werden. Das ist so absurd, wie wenn man einen Vater, der seine Familie misshandelt dadurch stoppen will, indem man seine Familie einsperrt, ihnen sauberes Wasser, ausreichend Nahrung, medizinische Behandlung, den Schulbesuche etc, verweigert und zusieht, wie sie langsam sterben.

Und dann wird noch ein zusätzlicher Angriffskrieg auf den Irak forciert, der wieder die einfachen Menschen treffen wird.
All das ist Realität. All das erleben die Menschen im Irak täglich. Für all das gibt es Verantwortliche und die Menschen wissen auch, wer das ist.

Und trotzdem ist uns niemand feindlich entgegen getreten. Ganz im Gegenteil. Die Menschen sind auf uns zugegangen, haben uns von der Strasse weg zu sich nach Hause eingeladen. Sie waren so froh, dass sich jemand für sie interessiert.
Wir haben viel mit den Menschen gelacht. Wir haben Geschenke ausgetauscht. Wir haben zusammen Gottesdienste gefeiert, und ich habe noch nie zuvor Menschen so inbrünstig beten und singen gesehen. Für Muslime und Christen im Irak ist es eine Selbstverständlichkeit, dass sie gemeinsam in der selben Kirche miteinander beten.

Könnt ihr euch so was in Deutschland vorstellen?
Könnt ihr euch vorstellen, das die Menschen hier neugierig und offen auf Muslime zugehen, obwohl sie sich nach dem 11.September von ihnen bedroht fühlen? Die Menschen im Irak ein Feind? Nein. Ganz im Gegenteil. Ich weiß jetzt, wie viel wir voneinander lernen könnten. Und ich will mein menschenmögliches tun, damit wir das auch tun können. Edward Eshu, der Leiter des Mittelöstlichen Rates der Kirchen im Irak, über den wir eingeladen wurden und der unser Programm organisierte sagte uns 2 Sätze, die ich euch mitgeben möchte. Als wir in Bagdad ankamen sagte er uns:
„Jetzt seid ihr Teil der Kirche, weil ihr endlich  gekommen seid.“

Und zum Abschied sagte er uns:
„Macht es nicht wie die anderen Delegationen, die kommen und uns wieder vergessen. Wir sind kein Thema, sondern Menschen. Bitte lasst uns nicht allein. Denn das bedeutet christlicher Glaube.“

Ich habe Familie im Irak, denn ich habe Brüder und Schwestern vorgefunden. Und ich habe nicht vor, sie allein zu lassen.
Ich bitte euch: Begnügt euch nicht damit, eine Meinung zu haben. Sondern handelt so entschieden und ausdauernd, wie wenn eure Familie in Gefahr wäre.

Lasst uns gemeinsam heute auf die Polizisten und amerikanischen Soldaten zugehen und sie als Brüder und Schwestern in unsere Familie holen.

Für die Irakmission des Internationalen Versöhnungsbundes, Deutscher Zweig vom 27.11.-4.12.02


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