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update
vom
4.
12. 2002
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Wie man
einen Krieg verkauft
Unsere Wut ist grenzenlos:
Über den Antiamerikanismus als Ideologie
Von Arundhati Roy
*
Jene, die in den letzten Wochen Kritik
an der amerikanischen Regierung geübt haben, wurden des Antiamerikanismus
bezichtigt. Dieser Begriff erhält gegenwärtig die Weihen einer
Ideologie. Gewöhnlich verwendet das amerikanische Establishment diese
Bezeichnung, um seine Kritiker zu diskreditieren und ihnen ein (nicht völlig
falsches, eher: ungenaues) Etikett zu verpassen. Sobald jemand als Antiamerikaner
abgestempelt ist, kann der Betreffende damit rechnen, umstandslos verurteilt
zu werden, und sein Argument wird im Aufschrei eines verletzten Nationalstolzes
untergehen. Was bedeutet Antiamerikanismus? Dass man nicht gern Jazz hört?
Dass man gegen Meinungsfreiheit ist? Dass man nicht für Toni Morrison
oder John Updike schwärmt? Bedeutet es, dass man die Hunderttausende
von Amerikanern nicht bewundert, die gegen Atomwaffen demonstriert haben?
Oder die Tausende von Kriegsdienstverweigerern, die ihre Regierung zwangen,
sich aus Vietnam zurückzuziehen? Bedeutet es, dass man alle Amerikaner
haßt?
Diese raffinierte Vermengung von amerikanischer
Musik, Literatur, der atemberaubenden Schönheit des Landes, den einfachen
Vergnügungen der einfachen Leute mit der Kritik an der Außenpolitik
der amerikanischen Regierung ist eine bewußte und außerordentlich
wirkungsvolle Methode. Es erinnert an eine zurückweichende Truppe,
die in einer dichtbevölkerten Stadt Unterschlupf sucht, in der Hoffnung,
der Feind werde aus Sorge vor zivilen Opfern von einem Beschuß absehen.
Viele Amerikaner wären verärgert,
wenn man sie mit der Politik ihrer Regierung identifizierte. Die nachdenklichsten,
schärfsten, bissigsten und geistreichsten Kommentare über die
Heuchelei und die Widersprüche der amerikanischen Politik stammen
ja gerade von den Amerikanern selbst. (Auch in Indien wären Millionen
Menschen beschämt und beleidigt, wenn sie mit der faschistischen Politik
der gegenwärtigen Regierung identifiziert würden.) Jemandem Antiamerikanismus
vorzuwerfen ist Ausdruck eines Mangels an Phantasie, der Unfähigkeit,
die Welt anders zu sehen als in der vom Establishment vorgegebenen Weise:
Wer nicht gut ist, ist böse. Wer nicht für uns ist, ist für
die Terroristen.
Auch ich habe im letzten Jahr nach dem
11. September den Fehler gemacht, über diese Rhetorik zu spotten,
sie als töricht und arrogant abzutun (F.A.Z. vom 28. September 2001).
Mir ist klargeworden, dass das nicht zutrifft. Tatsächlich handelt
es sich um eine raffinierte Werbekampagne für einen irrigen, gefährlichen
Krieg. Immer wieder stelle ich erstaunt fest, wie verbreitet die Ansicht
ist, dass man den Krieg in Afghanistan nicht kritisieren dürfe, weil
das einer Unterstützung des Terrorismus gleichkäme. Nachdem das
ursprüngliche Kriegsziel - Bin Ladin gefangenzunehmen - fehlgeschlagen
ist, wird nun von anderen Absichten gesprochen. Jetzt heißt es, der
Krieg sei geführt worden, um das Taliban-Regime zu stürzen und
die afghanischen Frauen von der Burqa zu befreien. Wir sollen also glauben,
dass die amerikanischen Soldaten in feministischer Mission unterwegs sind.
(Wird ihr nächster Einsatz sie dann nach Saudi-Arabien führen,
dem militärischen Verbündeten Amerikas?) In Indien gibt es ziemlich
üble soziale Verhaltensweisen - gegenüber den "Unberührbaren",
gegenüber Christen und Muslimen, gegenüber Frauen. In Pakistan
und Bangladesch werden Minderheiten und Frauen noch schlimmer behandelt.
Sollten diese Länder deshalb bombardiert werden?
Der Horror des 11. September verfolgt die
Menschen natürlich, vor allem in Amerika. Schmerz und Wut sind noch
immer groß. Trotzdem wissen alle, die einen Angehörigen verloren
haben, dass kein Akt der Vergeltung ihren Schmerz lindern oder ihre Toten
zurückbringen kann. Krieg kann die Toten nicht rächen. Krieg
ist nur eine brutale Entweihung des Gedenkens. Denn einen neuen Krieg (gegen
den Irak) zu entfachen, indem man die Trauer manipuliert , sie für
Fernsehsondersendungen zurechtmacht, die von Waschmittel- oder Sportschuhherstellern
gesponsert werden, heißt, diese Trauer zu entwerten. Es zeigt, dass
die intimsten Gefühle der Menschen rücksichtslos für politische
Zwecke geplündert werden.
Die amerikanische Regierung sagt, Saddam
Hussein sei ein Kriegsverbrecher, ein brutaler Militärdiktator. Das
ist eine durchaus zutreffende Beschreibung des Mannes, der 1988 Hunderte
von nordirakischen Dörfern bombardieren und Tausende von Kurden
hinmetzeln ließ. Heute wissen wir, dass die amerikanische Regierung
ihm im selben Jahr fünfhundert Millionen Dollar zum Ankauf amerikanischer
Agrarprodukte zur Verfügung stellte. Ein Jahr später, n ach erfolgreich
abgeschlossenem Völkermord, erhöhte sie ihre Hilfe auf eine Milliarde.
Außerdem lieferte sie Anthrax-Erreger sowie Helikopter und Material,
das auch zur Produktion von chemischen und biologischen Waffen ei ngesetzt
werden konnte. Es stellt sich also heraus, dass in jener Zeit, in der Saddam
seine übelsten Massaker verübte, die amerikanische und die britische
Regierung seine engsten Verbündeten waren. Was hat sich seither geändert?
Im August 1990 überfiel Saddam Kuweit.
Seine Sünde war nicht so sehr, dass er eine kriegerische Handlung
unternommen, sondern dass er auf eigene Faust gehandelt hatte. Schon allein
diese Demonstration von Unabhängigkeit brachte das Gleichgewicht der
Kräfte am Golf durcheinander. Also beschloß man, Saddam zu beseitigen,
so wie man sich eines Haustiers entledigt, das man nicht mehr mag. Und
doch ist Saddam noch immer an der Macht. Nun, zwölf Jahre später,
kurbelt Bush jr. diese Rhetorik wieder an. Er fordert einen Krieg, dessen
Ziel ein Regimewechsel im Irak sein soll. Andrew H. Card jr., Stabschef
im Weißen Haus, hat beschrieben, wie die Regierung ihre Kriegspläne
für den Herbst verstärkt: "Aus Marketingerwägungen bringt
man ein neues Produkt nicht im August auf den Markt." Stichwort für
Washingtons "neues Produkt" ist diesmal nicht die Lage der Menschen in
Kuweit , sondern die Behauptung, der Irak verfüge über Massenvernichtungswaffen.
Von "dem zwecklosen Moralisieren der Friedenslobby" sollte man sich nicht
irritieren lassen, schrieb Sicherheitsberater Richard Perle. Notfalls würden
die Vereinigten Staaten einen Präventivschlag führen.
Die Waffeninspekteure berichten Widersprüchliches
über die Situation im Irak. Viele haben erklärt, dass die Massenvernichtungswaffen
zerstört seien und der Irak nicht über die Möglichkeiten
verfüge, neue zu bauen. Was aber , wenn der Irak tatsächlich
eine Atombombe besitzt? Würde dies einen Präventivschlag rechtfertigen?
Amerika hat das weltweit größte Atomwaffenarsenal, und es ist
das einzige Land der Welt, das Atomwaffen gegen eine Zivilbevölkerung
eingesetzt hat. Wenn es für sich das Recht beansprucht, einen Präventivschlag
gegen den Irak zu führen, so wäre jede Atommacht berechtigt,
einen Präventivschlag gegen eine andere zu führen. Indien könnte
Pakistan angreifen oder umgekehrt.
Unlängst haben die Vereinigten Staaten
erheblich dazu beigetragen, Indien und Pakistan von einem Krieg abzuhalten.
Fällt es den Amerikanern so schwer, den eigenen Rat selbst zu beherzigen?
Wer moralisiert hier eigentlich? Wer predigt Frieden und führt
gleichzeitig Krieg? Amerika, nach Präsident Bushs Worten die "friedfertigste
Nation der Welt", hat in jedem der letzten fünfzig Jahre gegen irgendein
Land Krieg geführt. Und Kriege werden nie aus altruistischen Motiven
geführt. Meist geht es um Hegemonie, um Geschäftsinteressen.
Tom Friedman schreibt in seinem Buch "The Lexus and the Olive Tree": "Die
verborgene Hand des Markts wird ohne verborgene Faust nicht funktionieren.
Ohne McDonnell Douglas kann McDonald's nicht erfolgreich sein. Die verborgene
Faust, die dafür sorgt, dass die High-Tech-Unternehmen von Silicon
Valley überall auf der Welt ungehindert florieren können, heißt
US Army, Air Force und Marine Corps." Vielleicht wurden diese Worte in
einem Moment großer Verunsicherung geschrieben, aber es ist die prägnanteste,
genaueste Beschreibung des Unternehmens Globalisierung, die ich je gelesen
habe.
Nach dem 11. September und dem Krieg gegen
den Terror sind verborgene Hand und Faust enttarnt. Deutlich können
wir nun sehen, wie Amerikas andere Waffe, der freie Markt, mit einem verbissenen
Lächeln über die Entwicklungsländer hereinbricht. "The Task
That Never Ends", die immerwährende Aufgabe also, ist Amerikas perfekter
Krieg, das Vehikel des unaufhörlich expandierenden amerikanischen
Imperialismus. Profit heißt auf Urdu "faida", und " Al-qaida" bedeutet:
Wort, Wort Gottes, Gesetz. Manche Inder bezeichnen den Krieg gegen den
Terror als Kampf zwischen Al Qaida und Al Faida. Wort gegen Profit. Im
Moment sieht es aus, als würdeAl Faida die Oberhand gewinnen.
Das Gesamteinkommen der Welt ist in den
letzten zehn Jahren um durchschnittlich zweieinhalb Prozent jährlich
gestiegen, während die Zahl der Armen um hundert Millionen angewachsen
ist. 51 der hundert größten Wirtschaftsunternehmen sind Firmen,
nicht Länder. Das oberste Prozent der Weltbevölkerung verfügt
über ebenso viel Einkommen wie die untersten 57 Prozent. Unter dem
Dach des Anti-Terror-Kriegs wird dieser Prozeß vorangetrieben. Während
Bomben fallen, werden Verträge unterzeichnet, Ölpipelines gebaut,
Bodenschätze geplündert, Wasservorräte privatisiert und
Demokratien geschwächt.
Doch während der Gegensatz zwischen
Arm und Reich immer größer wird, hat die verborgene Faust des
freien Marktes viel zu tun. Multinationale Konzerne, stets auf Profitsuche,
sind in Entwicklungsländern auf die Mitwirkung des Staatsapparats
angewiesen, auf Polizei, Justizbehörden, mitunter sogar auf das Militär.
Die Globalisierung braucht einen internationalen Verbund von loyalen, korrupten,
vorzugsweise autoritären Regierungen in den arme n Ländern, damit
unpopuläre Reformen durchgesetzt werden können. Sie braucht eine
Presse, die so tut, als wäre sie frei. Sie braucht Gerichte, die so
tun, als sprächen sie Recht. Sie braucht Atombomben, Armeen, strenge
Einwanderungsgesetze und Grenzpolizisten, die dafür sorgen, dass nur
Kapital, Waren, Patente und Dienstleistungen globalisiert werden - nicht
die Reisefreiheit von Menschen, nicht die Einhaltung der Menschenrechte,
nicht die Abkommen über das Verbot von Rassendiskriminierung, von
chemischen oder atomaren Waffen, über Klimaschutz oder, Gott bewahre,
einen internationalen Strafgerichtshof.
Knapp ein Jahr nachdem der Krieg gegen
den Terror im zerstörten Afghanistan offiziell für beendet erklärt
wurde, gehen immer mehr Länder daran, Freiheiten im Namen der Freiheit
und zum Schutz der Demokratie einzuschränken oder aufzuheben. Jede
Art von Aufbegehren wird als "Terrorismus" bezeichnet. Der Krieg, darauf
hat Verteidigungsminister Rumsfeld hingewiesen, wird geführt, damit
die Amerikaner an ihrem way of life festhalten können. Wenn der König
wütend mit dem Fuß aufstampft, erzittern die Sklaven. Es fällt
mir schwer, das auszusprechen, aber der amerikanische way of life kann
nicht aufrechterhalten werden. Weil diese Lebensform nicht akzeptiert,
dass es außer Amerika noch eine andere Welt gibt.
Macht ist glücklicherweise nicht unbegrenzt
haltbar. Irgendwann wird dieses mächtige Imperium, wie andere vor
ihm, sich übernehmen und implodieren. Schon sind erste Risse zu erkennen.
Der Krieg gegen den Terror wirft seine Netze immer weiter aus, und das
Herz der amerikanischen Konzerne blutet. Eine Welt, die regiert wird von
einer Handvoll gieriger Banker und Unternehmenschefs, die niemand gewählt
hat, kann unmöglich Bestand haben.
Der sowjetische Kommunismus ist nicht gescheitert,
weil er grundsätzlich böse war, sondern weil er einen Fehler
hatte. Zu wenige Leute konnten zuviel Macht an sich reißen. Der amerikanische
Kapitalismus des einundzwanzigsten Jahrhunderts wird aus dem gleichen Grund
scheitern.
Aus dem Englischen von Matthias Fienbork.
Die indische Schriftstellerin und politische
Aktivistin Arundhati Roy, geboren 1960, gilt nicht nur wegen ihres weltbekannten
Romans "Der Gott der kleinen Dinge" als wichtigste Autorin des Subkontinents.
Immer wieder hat sie die Wut vieler Menschen im Atomgürtel Indien/Pakistan
auf die Vereinigten Staaten geschildert und die Taten und Qualen der Globalisierung
in ihrem Land angeprangert: Das macht sie zur soziologisch repräsentativen
Stimme. Vor einem Jahr hat Roy in einem aufsehenerregenden Beitrag für
die FAZ die Vereinigten Staaten wegen ihrer Reaktion auf die Attentate
vom 11. September scharf kritisiert. Heute glaubt sie, dass sie die amerikanische
Rhetorik damals noch unterschätzt hat: Tatsächlich handle es
sich dabei um eine raffinierte Werbekampagne für einen gefährlichen
Krieg.
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