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Kinder- und Jugendarbeit |
Kein Friede im Kosovo ohne Verständnis für die Staatsräson JugoslawiensAnalysieren statt moralisierenTheodor Ebert, Politikwissenschaftler in Berlin Dr. Wolfgang Huber, der
Bischof der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg, hat die militärische
Intervention der NATO in Jugoslawien als ,,aller äußerstes Mittel"
damit gerechtfertigt, daß sie zu unterlassen bedeutet hätte,
,,an Tausenden Menschen im Kosovo" schuldig zu werden. Der Gebrauch militärischer
Mittel wird als das geringere Übel bezeichnet gegenüber der passiven
Hinnahme der Unterdrückungs- und Vertreibungspolitik der serbischen
Regierung in Belgrad. Es wird darauf hingewiesen, daß Verfolgung,
Flucht und Vertreibung der Kosovo-Albaner bereits vor den Luftangriffen
der NATO begonnen hätten. Pazifisten könnten ihre Hände
nicht in Unschuld waschen. Was auch immer man tue, man werde mehr oder
weniger schuldig. So argumentierte auch mein früherer Mitsynodale
in der EKD, Dr. Erhard Eppler, auf dem SPD-Parteitag am 12. April in seinem
Schlußwort:
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Unterschiedliche
Maßstäbe bei Menschenrechtsverletzungen
Ich halte das beharrliche Anmahnen von Menschenrechtsverletzungen bei gleichzeitiger wirtschaftlicher Kooperation für eine vernünftige Chinapolitik. Doch dann muß man auch fragen, warum gegenüber Jugoslawien Boykottmaßnahmen und die Androhung einer militärischen Intervention das richtige und angemessene ,,aller äußerste Mittel" sein sollen? Die Politik verfährt gegenüber der türkischen und der chinesischen Regierung bei Menschenrechtsverletzungen anders als gegenüber Jugoslawien, weil es ganz offensichtlich inopportun wäre, auf einen NATO-Partner oder eine Großmacht massiven wirtschaftlichen oder gar militärischen Druck ausüben zu wollen. Gegenüber Jugoslawien meinte man jedoch, sich eine big stick policy leisten zu können. Gegenüber Luftschlägen ist Jugoslawien so hilflos wie ein ungezogenes Kind gegenüber den Prügeln seiner Eltern, welche diese austeilen, weil sie nicht verstehen, warum ihr Kind seine jüngeren Geschwister quält. So meinte man, Jugoslawien zum Akzeptieren der von der NATO ausgedachten Lösung des Kosovo-Problems zwingen zu können. Menschenrechtspädagogik nach der Parole: Entweder du parierst oder ich schlag dich zum Krüppel! Da die NATO kein materielles Interesse am Kosovo hat, gewissermaßen selbstlos und nur im Interesse der unterdrückten und von Vertreibung bedrohten Kosovo-Albaner zu handeln scheint, ist es der Bevölkerung in den meisten Mitgliedstaaten der NATO unverständlich, daß die jugoslawische Regierung sich diesem wohlwollenden und ausdauernd vorgetragenen Diktat demokratischer Regierungen nicht beugt, sondern die eigene Bevölkerung zur wehrlosen Hinnahme von Bombenangriffen verurteilt. Das kann eigentlich nur an der Bosheit und Machtbesessenheit des schrecklichen Diktators Slobodan Milosevic liegen. Zur Rechtfertigung der Strafaktion wird auf dessen zahlreiche Vertragsbrüche und seine direkte, persönliche Verantwortung für ,,ethnische Säuberungen" und Massaker verwiesen. Er wird mit Hitler verglichen, es wird an Auschwitz erinnert und in deutschen Gazetten wird im Feuilleton über den Tyrannenmord räsoniert. Darüber wurde und wird versäumt, nach dem serbischen Verständnis dieses Konfliktes zu fragen. Es gab in der deutschen Öffentlichkeit vor Beginn des Luftkrieges kein audiatar et altera pars. Unser Verteidigungsminister; der in der NATO nicht viel zu melden hat und dem auch nicht alles gemeldet wird, mutierte in seiner faktischen Bedeutungslosigkeit über Nacht zum Propagandaminister; der uns von angeblich sogar Gras fressenden Flüchtlingen berichtet, statt aufzuklären, was die UCK im Kosovo treibt und was aus den Männern geworden ist, die von ihren Frauen und Kindern getrennt wurden. Die Verhinderung eines neuen Auschwitz ist für mich - anders als für Außenminister Fischer - keine Alternative zum Pazifismus, sondern immer auch die Mahnung an den Umstand, daß im Zweiten Weltkrieg den Alliierten die Vernichtung deutscher Städte wichtiger war als das Unterbinden der Vernichtungstransporte in die Gaskammern. Nun fängt man an, darüber zu spekulieren, was aus den kosovo-albanischen Männern, die von ihren Familien getrennt wurden, wohl geworden ist. Die amerikanische Regierung hält es für möglich, daß bis zu hunderttausend von ihnen ermordet wurden. Gibt es denn etwas Wichtigeres, als dies aufzuklären? |
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Gewaltloser
Widerstand wurde nicht unterstützt
Statt sich über Dynamik von Guerilla- und Anti-Guerillakampf zu informieren und sich mit den psychischen Folgen von Bombenangriffen für die Be- und tatsächlich Getroffenen zu befassen, erinnert man sich in deutschen Zeitungen, wenn es um die Erklärung serbischen Verhaltens geht, nur an die sentimentalische Bindung der Serben an das Amselfeld und an den Anfang des verhängnisvollen Prozesses im Kosovo, der 1989 mit der Aberkennung der weitgehenden kulturellen Autonomie des Kosovo durch die groß-serbischen Bestrebungen von Milosevic begann. Doch man unterläßt es, die Entwicklung innerhalb des Kosovo in den letzten zehn Jahren zu untersuchen. Hätte man dies getan, dann wäre den jetzt gegen Jugoslawien kriegführenden Staaten aufgefallen, daß sie es versäumt hatten, den Kosovo-Albanern in ihrem gewaltlosen Kampf auch nur einen winzigen Bruchteil der Unterstützung zukommen zu lassen, die sie nun in militärische Mittel investieren und die sie nun notgedrungen aufbringen müssen, um mit der Flüchtlingsbewegung der Kosovo-Albaner zurandezukommen. Es war nicht nur so, daß die westlichen Demokratien die gewaltlosen Kampagnen im Kosovo nicht unterstützt haben; auch die gewaltfreien Bewegungen und Organisationen in Europa haben fast nichts unternommen, um den gewaltfreien Kampf im Kosovo zu fördern. Erst als die UCK sich bereits durchgesetzt hatte, hat zum Beispiel die gewaltfreie Aktion eine ausführliche Darstellung des gewaltlosen Kampfes aus der Feder des amerikanischen Friedensforschers Howard Clark in der Übersetzung von Christine Schweitzer veröffentlicht. Wenn wir geahnt hätten, daß der gewaltfreie Aufstand im Kosovo in einen Guerillakrieg umschlagen könnte, hätten wir wahrscheinlich anders disponiert. Doch Gandhi hat immer betont, daß für den Erfolg gewaltfreier Kampagnen die einheimischen Kräfte verantwortlich sind und internationale Aufmerksamkeit nur ein unterstützender Faktor sein kann. Der gewaltfreie Kampf Indiens wurde1930 an den Salzpfannen und in den Gefängnissen ausgefochten und nicht in den Zeitungen Europas und Amerikas, so wichtig der Bericht eines Webb Miller über den Angriff auf die Dharasana-Salzpfannen auch gewesen ist. Leider war der gewaltfreie Kampf im Kosovo nicht so druckvoll wie der indische und Rugova nicht derselbe ,,Dämon an Tatkraft" (1. Nehru) wie das politische Genie Gandhi, der merkwürdigerweise immer wieder die Initiative an sich gerissen, die politische Phantasie der Inder in seinen Bann gezogen und sich offensiv und ohne jedes Zugeständnis mit den Vertretern des bewaffneten Kampfes, die auch in Indien sehr populär waren, auseinandergesetzt hat. Aus der Distanz ist es sehr schwer zu beurteilen, welche Faktoren insgesamt zusammenwirkten, um der gewaltfreien Strategie im Kosovo ihren bestimmenden Einfluß zu nehmen. Zwei Ereignisse, welche die gewaltfreien Akteure nicht zu verantworten hatten, spielten den Befürwortern des bewaffneten Unabhängigkeitskampfes in die Hände. Erstens suggerierten das Dayton-Abkommen und das vorangehende militärische Engagement seiner Betreibei; daß mit militärischen Mitteln innerhalb kurzer Zeit von außen interne Konflikte geschlichtet, jedenfalls die weitere Verfolgung und Vertreibung von Ethnien verhindert werden könnten. Zweitens hatte der unvorhersehbare zeitweise Verlust des staatlichen Gewaltmonopols im Nachbarstaat Albanien zur Folge, daß die Kosovo Albaner sich kostenlos bewaffnen und die UCK aufbauen konnten. Im übrigen hatte die UCK Grund zur Annahme, die NATO für sich instrumentalisieren zu können, wenn sie die serbische Regierung durch ihren Kampf zu den Maßnahmen provozieren könnte, die ihrem Image in Europa entsprachen. |
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Vom
gewaltfreien Aufstand zum Sezessionskrieg
Das Auftreten der UCK als bewaffnete Befreiungsarmee mit dem Anspruch auf einen selbständigen Staat Kosovo beziehungsweise auf ein größeres Albanien hat die Lage für die jugoslawische Regierung im Kosovo grundlegend verändert. Zwar waren die Ziele der gewaltlosen Autonomiebewegung auch nicht ganz klar und waren in den Köpfen einiger über den Status quo ante 1989 nicht hinausgegangen, aber solange im Kosovo mit gewaltlosen Mitteln gekämpft wurde, war es wahrscheinlich, daß es deutlich unterhalb der Sezession des Kosovo als selbständigem Staat zu einem Arrangement zwischen den Serben und den Kosovo-Albanern kommen könnte. Obwohl die UCK am Anfang nur über eine geringe militärische Schlagkraft verfügte, veränderte ihr bloßes Auftreten die Lage für die jugoslawische Regierung doch grundlegend. Eine Regierung muß das Gewaltmonopol innerhalb der Grenzen ihres Staates unbedingt ausüben. Sie darf es nicht zulassen, daß eine bewaffnete Organisation wie die UCK in Teilen des Landes die Kontrolle ausübt und zum Beispiel auch Steuern eintreibt und ihr mißliebige Personen bestraft, Geiseln nimmt und politische Gegner tötet. Die jugoslawische Regierung sprach im Blick auf die UCK von Terroristen, ähnlich wie die deutsche Regierung dies im Blick auf die RAF getan hat. Durch das Auftreten der UCK und ihren Anspruch auf eine nationale Unabhängigkeit des Kosovo beziehungsweise auf ein größeres Albanien wurde aus einem gewaltfreien Aufstand, für den auch die Person Rugovas stand und vielleicht auch noch steht, ein Sezessionskrieg. Die Qualität dieser Veränderung in der Konfliktlage kann man sich als Nachkriegsdeutscher vielleicht am besten klar machen, wenn man sich an das Auftauchen der ,,Roten Armee Fraktion~ zu APO-Zeiten erinnert. Selbstverständlich mußte die Bundesregierung auf die RAF anders reagieren als auf eine unbewaffnete APO Demonstration, auf der einige Hitzkopfe mit dem Begriff der Revolution bramarbasierten und rote Fahnen schwenkten. Heinrich Böll empfand damals die deutsche Reaktion auf die wenigen bewaffneten Mitglieder der RAF einigermaßen hysterisch und er versuchte mit einem Artikel im Spiegel vom 10. Januar 1972 frühzeitig zu deeskalieren. Ohne jeden Erfolg. Wehe dem, der in den Ruf geriet, ein Sympathisant von Terroristen zu sein! |
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Guerilla
und Konterguerilla-Strategie
Wenn schon die deutsche Bundesregierung sehr heftig, doch einigermaßen rechtsstaatlich auf die RAF reagierte und anläßlich der Schleyer-Entführung meinte, auch um den Preis der wahrscheinlichen Ermordung Schleyers und trotz des Abscheus der Deutschen vor den Methoden der RAF nicht nachgeben zu dürfen, wie sollte da eine in ethnischen Säuberungen blutrünstig ertüchtigte Regierung Milosevic auf die UCK und ihre zahlreichen Sympathisanten und aktiven Unterstützer nachgiebig reagieren? Die jugoslawische Regierung - und ich meine, daß man an diesem Punkt auch von der Person Milosevic absehen kann - mußte annehmen, daß die UCK sich in der albanischen Bevölkerung des Kosovo bewegen könne ,- wie Fische im Wasser -, um Maos Bild der Guerilla-Strategie zu gebrauchen. Diese Einsicht in die serbische Interpretation der Konfliktlage habe ich bei den meisten deutschen Kommentaren zum Krieg ~m Kosovo vermißt. Zwar fordert der deutsche Außenminister Joschka Fischer in seinem Friedensplan neben dem vollständigen Abzug der regulären Truppen, der serbischen Polizei und den irregulären und besonders brutalen serbischen Milizen auch die Entwaffnung der UCK, aber diese Forderung ist weniger kontrollierbar als der Abzug einer regulären Armee und Polizei. Die jugoslawische Regierung hatte zur Zeit der Überwachung des Kosovo durch die OSZE-Beobachter, die ihre geringe Sollstärke von 2000 Personen nie erreichte, um die Jahreswende 1998/99 die Erfahrung gemacht, daß die UCK ihre Kontrolle auf große Teile des Landes ausdehnte und dort auch militärisch beziehungsweise terroristisch agierte. Man muß davon ausgehen, daß die jugoslawische Regierung aus dieser Erfahrung die Schlußfolgerung gezogen hat, nur noch durch militärische Dauerpräsenz die Sezession des Kosovo vermeiden zu können. Aus der Sicht der jugoslawischen Regierung war es eine notwendige Maßnahme der Konterguerillastrategie, daß sie zu Beginn des Jahres 1999 wieder mit starken Militär- und Polizeikräften in den Kosovo einrückte und die von der UCK zeitweise kontrollierten Gebiete zurückeroberte. Sie hat dabei Dörfer beschossen und zerstört, die sie in der Hand der UCK glaubte. Das ist dasselbe Verfahren, das in Vietnam auch angewandt wurde und zum Beispiel zu dem Massaker von My lai führte. Da es sich bei der Guerilla um 1eine irreguläre Kriegführung handelt, bei der zwischen Kombattanten und Zivilbevölkerung nicht klar unterschieden werden kann, besteht immer die Tendenz, alle diejenigen, die sich im Einflußbereich der Guerilla befunden haben, des Parteigängertums und potentiell der aktiven Unterstützung der Guerilla zu verdächtigen. Der Antiguerillakampf ist ein grausames Verfahren. Wer einen Guerillakrieg beginnt, muß nach den vorliegenden Erfahrungen damit rechnen, daß etwa zehn bis zwanzig Prozent der Bevölkerung im Laufe der Kriegshandlungen getötet werden. Kriegsverbrechen
auf allen Seiten
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Ein
Übermaß an Grausamkeit
Daß die Vertreibung der Kosovo-Albaner und die Zerstörung ihrer Wohnsitze und das Ausplündern der Flüchtlinge das gegenwärtige Ausmaß angenommen haben, ist mit einer Antiguerillastrategie allein nicht zu erklären. Hier gibt es einen Überschuß an Grausamkeit, der Züge ethnischer Verfolgung aufweist. Das ist die spezifische Schuld der Regierung Milosevic: Sie ist für dieses Übermaß an Grausamkeit im Antiguerillakampf verantwortlich. Statt den Terror im Antiguerillakampf zu unterbinden und auf Disziplin zu achten, hat sie den übelsten Typen freie Hand gelassen. Dennoch scheint mir der völkerrechtlich definierte Begriff des ,,Völkermords", der eine entsprechende Absicht der Regierenden, wie zum Beispiel die Wannseekonferenz im Blick auf den Völkermord an den Juden zeigt, auf, die Situation im Kosovo nicht zu passen. Es ist anzunehmen, daß die Vertreibungen schon vor dem Beginn des Luftkrieges der NATO erwogen wurden und im Zuge des Antiguerillakampfes auch vor den Luftschlägen der NATO bereits angelaufen waren. Doch die Vertreibungs- und irregulären lokalen Vernichtungsaktionen waren leichter durchzusetzen, sobald und solange die Aufmerksamkeit der serbischen Bevölkerung sich auf die persönliche Bedrohung durch die Bomben der NATO konzentrierte. Ich frage mich, was in Deutschland 1943 geschehen wäre, wenn die Alliierten ihre Bombardements deutscher Städte demonstrativ wochenlang ausgesetzt und nur noch Flugblätter über den Völkermord an den Juden, Roma und Sinti über Deutschland abgeworfen hätten? Ich kann mir vorstellen, daß dies wirksamer gewesen wäre als eine Atombombe. Ich erinnere mich noch lebhaft daran, was ich im Stuttgarter Westen (in der Nachbarschaft der Firma Bosch) im Luftschutzkeller empfunden habe und wie entsetzt ich war; als ich - dem Bombenhagel durch die Evakuierung auf die Schwäbische Alb entkommen - unmittelbar nach dem Kriege in den Schaufenstern eines Münsinger Kaufhauses die Photos von ~ Leichenbergen in Konzentrationslagern der Nazis sah. Solange auf serbische Städte Bomben fallen, denken die bedrohten Menschen nur an sich und nicht an die Flüchtlinge in Mazedonien und Albanien. Die
Siegespläne der NATO -eine politische Torheit
Unterstützung
der UCK beenden
Wechselseitige
Vorleistungen
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Von
der Moral zur Politik übergehen
Nach dem wochenlangen Bombardement Jugoslawiens scheint sich die jugoslawische Regierung darum zu bemühen, einseitige Signale, die zu einer gradualistischen Strategie der Konfliktbearbeitung passen, auszusenden. Diesen Signalen wird von Seiten der NATO mit äußerstem Mißtrauen begegnet. Das ist im Rahmen der Strategie des Gradualismus ein bekanntes Phänomen. Die einseitigen Schritte müssen darum fortgesetzt werden und sie müssen meßbarer; substantieller Natur sein. Die Schwierigkeit der NATO, nun ihrerseits eine gradualistische Strategie zu verfolgen, liegt darin, daß sie sich auf Sieg festgelegt hat und sie auf nichts weniger als die Kapitulation von Milosevic wartet, geht es ihr doch darum, vor der Weltöffentlichkeit zu beweisen, daß sie in Zukunft durch militärische Drohungen ihre Ordnungsvorstellungen durchzusetzen vermag. Es ist kennzeichnend für das Auftreten von Politikern de? NATO, daß sie immer wieder auf der moralischen Verurteilung von Slobodan Milosevic bestehen und ihn im Geiste vor ein Kriegsverbrechertribunal zerren. Darüber wird verkannt, daß Milosevic, so repressiv er gegenüber der serbischen Opposition auch agieren mag, doch in weitgehendem Maße nationale serbische Interessen vertritt und dies auch von vielen Serben so gesehen wird. Die in deutschen Medien geführte Diskussion über den Tyrannenmord ist abwegig. Würde Milosevic ermordet, würde er sofort durch einen anderen serbischen Politiker ersetzt und seine Ermordung würde wahrscheinlich zu weiteren Gewalttätgkeiten gegenüber derjenigen Gruppe führen, welcher der Mord zugerechnet wird. Man kann zwar die Auffassung vertreten, daß Milosevic als Staatsmann für eine Reihe von Verbrechen persönlich verantwortlich ist. Doch es ist töricht, ihm ständig mit einem Kriegsverbrecherprozeß zu drohen. Auch Verbrecher können, wenn sie mit dem Rücken zur Wand kämpfen, lange durchhalten, und bevor man sie niedergekämpft hat, können Millionen umkommen. Um den Zweiten Weltkrieg auch nur wenige Monate früher zu beenden und um eine Million Menschenleben und ganze Städte zu bewahren, hätte ich auch einen Hitler und einen Himmler bis an ihr trauriges Ende ,,in Paraguay Rinder züchten" lassen. Und wenn ein Pinochet gewußt hätte, daß man ihn vor ein Gericht stellen und für seine Verbrechen verantwortlich machen könnte, hätte er wahrscheinlich bis zum heutigen Tage an der Spitze seiner Militärdiktatur in Chile ausgehalten. Die
Gefahren der Eskalation
Professor Dr Theodor Fbert
aus: Junge Kirche 5/6
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