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Der Kosovo-Krieg als Kontext friedensethischer ÜberlegungenReferat
von Dr. Wilhelm Wille, gehalten bei der Tagung des Forum Friedensethik
in der evangelischen Landeskirche Baden am 1.7.2000, im Anschluss an ein
friedensethisches Grundsatzreferat von Dr. Albert Schäfer (für
Veröffentlichung überarbeitet 3.8.00)
Bonhoeffer
schrieb aus der Gefängniszelle in Tegel zur Taufe seines Patensohnes:
„Wir haben zu stark in Gedanken gelebt und gemeint, es sei möglich,
jede Tat vorher durch das Bedenken ihrer Möglichkeiten so zu sichern,
dass sie dann ganz von selbst geschieht. Etwas zu spät haben wir gelernt,
daß nicht der Gedanke, sondern die Verantwortungsbereitschaft der
Ursprung der Tat sei. Denken und Handeln wird für Euch in ein neues
Verhältnis treten. Ihr werdet nur das denken, was Ihr handelnd zu
verantworten habt. Bei uns war das Denken vielfach der Luxus des Zuschauers,
bei Euch wird es ganz im Dienste des Tuns stehen …“[1]
Ich
setze voraus, daß wir hier in dieser Perspektive arbeiten wollen.
Ein kritischer Rückblick auf den Kosovo-Krieg muß dann erster
Schritt einer Reflexion theologischer Friedensethik sein. Die theologischen
Begriffe und die christliche Überlieferung sind ständig auf diesen
historischen Kontext zu beziehen, in dem wir handeln oder nicht handeln,
aber auf jeden Fall verantwortlich sind.
Dieter
Lutz, Direktor des Institutes für Friedens- und Konfliktforschung,
Hamburg, sagte bei einer Veranstaltung zum Kosovo-Krieg während der
ökumenischen Friedensdekade 1999 in Freiburg - in Gegenwart von Gernot
Erler (MdB, SPD), der nicht widersprach: Ich bin nicht blauäugig,
aber dass wir so von unserer Regierung belogen worden sind, wie wir belogen
wurden, hätte ich nicht für möglich gehalten. Eine gewichtige
Stimme, nicht die einzige, welche die besonders schwerwiegende Irreführung
der Öffentlichkeit bei der Information über Gründe und Ziele
des Kosovo-Krieges unterstreichen wollte!
Die
offizielle Version der NATO von der Vorgeschichte und den Zielen des Kosovo-Krieges
läßt sich wie folgt zusammenfassen:
Was ist tatsächlich im Kosovo geschehen?Es
gab Unterdrückung und Verletzung der Menschenrechte. Der Vergleich
mit der Apartheid gehört aber schon in die parteiische Sprache der
Kriegspropaganda. In Südafrika hatten Schwarze nie Weiße unterdrückt.
Weiße Demagogen konnten an keine entsprechenden Erfahrungen appellieren.
Im Kosovo gab es auf beiden Seiten traumatische Erfahrungen aus persönlich
erlebter Geschichte[2].
Kosovo-Albaner waren nie so vollständig aus dem gesellschaftlichem
und politischen Prozeß ausgeschlossen wie schwarze Südafrikaner.
Die
Unterdrückung der Kosovo-Albaner war vergleichbar mit der der Palästinenser
in den von Israel besetzten Gebieten, der Osttimoresen, der Kurden oder
von Menschen in Saudi-Arabien[3].
Innenminister Kanther hat noch 1996 mit Milosevic ein Abkommen zur Rücknahme
von 140000 albanischen Asylbewerbern ausgehandelt, das in enger Zusammenarbeit
mit der serbischen Polizei umgesetzt wurde. Dies Abkommen setzt auch eine
Lagebeurteilung voraus, die nicht zu der von Apartheid und beginnendem
Genozid paßt.
Der
gewaltfreie Widerstand der Kosovo-Albaner gegen serbische Repression ist
von den späteren Kriegsgegnern Serbiens im Lager der NATO kaum zur
Kenntnis genommen, geschweige denn unterstützt worden, so daß
sie auch für die dann einsetzende Eskalation mit verantwortlich sind.
Seit 1996 ist die Guerillabewegung der UCK auf dem Plan[4],
nach einiger Zeit personell und logistisch so gut ausgestattet, daß
sie die serbischen Ordnungskräfte in großen Teilen des Kosovo
zunächst in die Defensive drängen kann (zeitweise kontrolliert
die UCK mehr als 40% des Territoriums). Aber diese schlagen hart zurück.
Zeitweise irren an die 300000 Kosovo-Albanern als Flüchtlinge im Land
umher[5]
Allerdings
ist gegenüber dem Propagandabild der NATO zu differenzieren. So heißt
es etwa noch kurz vor Beginn der NATO-Luftoffensive im Bericht eines Sonderstabes
des Auswärtigen Amtes: „Von Flucht , Vertreibung und Zerstörung
im Kosovo sind alle dort lebenden Bevölkerungsgruppen gleichermaßen
betroffen. Etwa 90 ehemals von Serben bewohnte Dörfer sind inzwischen
verlassen[6].“
Aufs Ganze gesehen wird man sagen müssen, daß die serbischen
Sicherheitskräfte in der letzten Phase des Konfliktes Krieg gegen
eine Guerilla-Bewegung führten und dabei ähnlich vorgingen wie
z.B. die Amerikaner in Vietnam gegen den Vietcong. Mit offenen Augen hätte
man im Kosovo Zeuge eines barbarischen modernen Anti-Guerilla-Krieges sein
können, die Ereignisse sind aber kein Beleg für atavistische
serbische Barbarei.
Es
ist auch daran zu erinnern, daß sich nach dem Holbrooke-Abkommen
vom 13.10.1998 serbische Armee und Sonderpolizei , wie vereinbart, weitgehend
aus der Provinz zurückgezogen hatten. NATO und OSZE überwachten
die Einhaltung des Abkommens, selbst Herr Solana bestätigte die Einhaltung
der Bestimmungen durch die Serben [7].
Sanktionen sah das Abkommen allerdings nur für die Serben vor, so
daß die UCK schnell in die geräumten Gebiete einrückte,
den Konflikt eskalieren ließ mit dem Ziel , ein Eingreifen der NATO
zu provozieren. General Naumann mußte später zugeben, daß
die UCK „uns den Erfolg des Holbrooke-Abkommens kaputt gemacht hat. Sie
stieß in das Vakuum vor, das der Abzug der Serben hinterlassen hatte,
und breitete sich in einer Weise aus, die vermutlich niemand in irgendeinem
unserer Staaten akzeptiert hätte. Ich kann mir nicht vorstellen, daß
in Deutschland akzeptiert wird, wenn da irgend jemand, der meint , sich
gegen den Staat auflehnen zu können, Straßensperren, Grenzposten
errichtet, anfängt Uniformen zu tragen und Waffen zu schwenken.“[8]
Reinhard Mutz schreibt in seinem Beitrag im „Friedensgutachten 2000“: „Die
westliche Öffentlichkeit empfing beständig das Zerrbild einseitiger
Vergehen unprovozierter Täter an passiven Opfern. Es wurde wider besseres
Wissen vermittelt.“[9]
Zur Begründung dieser schwerwiegenden Kritik beruft er sich auf den
Lagebericht des Verteidigungsministeriums vom Vorabend der ersten Luftangriffe:
„Das Anlaufen einer koordinierten Großoffensive der serbisch-jugoslawischen
Kräfte gegen die UCK im Kosovo kann bislang nicht bestätigt werden
… Die UCK ihrerseits wird wahrscheinlich weiter versuchen durch die bekannten
Hit-and-Run-Aktionen die serbisch-jugoslawischen Kräfte zu massiven
Reaktionen zu provozieren in der Hoffnung, daß diese in ihren Ergebnissen
hinsichtlich Zerstörungen und Flüchtlingen ein Ausmaß annehmen,
das sofortige Luftschläge der NATO heraufbeschwört.“[10]
Das
"Massaker von Racak" im Januar 1999, bei dem über vierzig albanische
Zivilisten von Serben umgebracht worden sein sollten, spielte bei der medialen
Vorbereitung des Krieges eine wichtige Rolle. Zwar wurde es noch vor Kriegsbeginn
von einer finnischen Juristin untersucht, ihr Bericht über den tatsächlichen
Ablauf der Ereignisse von R. wurde von der Bundesregierung zunächst
unter Verschluß gehalten und erst jetzt veröffentlicht. Laut
ARD-Abendnachrichten vom 23.3.00 fanden sich keine gerichtsmedizinische
Beweise für Schüsse aus nächster Nähe, die die von
der NATO verbreitete Behauptung eines unprovozierten Massenmordes an unschuldigen
albanischen Zivilisten bestätigt hätte. Ein Journalist von "Le
Figaro" erinnerte daran, daß am Tage betreffenden Tage ein Fernsehteam
am Orte filmte und nichts von einem Massaker bemerkt hatte. Also hat es
sich doch wohl im wesentlichen um die Leichen getöteter Guerilleros
gehandelt – so die Behauptung der Serben –, die von der UCK zusammengetragen
worden waren, um der NATO einen öffentlichkeitswirksamen Vorwand zum
kriegerischen Eingreifen zu liefern.[11]
Die
Bilder der albanischen Flüchtlingskolonnen, die dann wochenlang auf
unsern Fernsehschirmen erschienen, haben uns alle erschüttert. Dennoch
ist auch hier mit unsern Emotionen Politik gemacht worden; die Rückfrage
nach dem, was wirklich ablief, ist geboten. Zuerst ist festzuhalten, daß
die großflächigen Vertreibungen über die Grenzen des Kosovo
hinaus erst nach dem Beginn des NATO-Bombardements begannen.[12]
Es ist daran zu erinnern, daß es das erste proklamierte Kriegsziel
der NATO war, diese Vertreibungen zu verhindern. Es gibt bis heute keine
Beweise dafür, daß diese Vertreibungen von langer Hand vorbereitet
waren. Auch hier gab es von Anfang an signifikante Unterschiede in der
Darstellung des Sachverhaltes durch das Verteidigungsministerium und den
Minister. Sprach ersteres von einem Operationsplan zur „Neutralisierung
der UCK“ ging es bei letzterem um „die systematische Vorbereitung und Durchführung
von Mord und Vertreibung der Bevölkerung des Kosovo.“[13]
Auch die USA haben während des Vietnamkrieges Hunderttausende „umgesiedelt“,
um den Vietcong zu isolieren und besser bekämpfen zu können.
Die Serben bereiteten sich ihrerseits auf einen Angriff von feindlichen
Bodentruppen vor, die sie als Alliierte albanischer Sezessionisten wahrnehmen
mussten. Das entschuldigt kein serbisches Kriegsverbrechen, aber das eigentliche
ethische Problem ist auch hier der moderne Krieg, nicht die Bosheit entmenschter
Serben, gegen die als ultima ratio nur der Krieg helfen konnte.
Angeblich
war der NATO-Angriff auf Jugoslawien ja gerechtfertigt, weil im Kosovo
ein Völkermord im Gange war. Kritische Beobachter entdeckten aber
bald eine „Makabre Mathematik“ in den Zahlenspielen westlicher Medien.
In den ersten Tagen nach Beginn der Luftangriffe rechnete das US-State
Department mit 500000 Ermordeten. Anderswo vermutete man 350000 tote Kosovo-Albaner
(„vielleicht 50 Srebrenicas“). Später wird mit 100000 Ermordeten gerechnet,
dann mit 10000 – eine Zahl die prompt vom Haager Tribunal dementiert wird[14].
Am Ende wurden 2500 Tote gezählt – so der amerikanische Oberst a.D.
Timothy L.Thomas[15].
Das sind 2500 Tote zuviel, aber kann man da von Völkermord sprechen
? Die „Kollateralschäden“ der Bombenangriffe und die politischen Morde
im besetzten Kosovo, die jetzt von der NATO zu verantworten sind, bewegen
sich in dieser Größenordnung[16].
Beschämend
war in diesem Zusammenhang besonders das Verhalten einiger deutscher Politiker,
denen jedes Gerücht recht war, um Serben zu dämonisieren. Rudolf
Scharping bezichtigte die Serben des Kannibalismus und behauptete: „Schwangeren
Frauen wurden nach ihrer Ermordung die Bäuche aufgeschlitzt und die
Föten gegrillt[17].“
Neben Joschka Fischer tat er sich auch besonders hervor bei dem Versuch,
die kollektive Erinnerung an Auschwitz zu instrumentalisieren. Von ihm
konnte man hören:Von den Serben „werden Selektionen vorgenommen, und
ich sage bewusst Selektionen“. [18]
Der
Bundeskanzler sagte am 16.5.99 in Phoenix TV auf die Frage nach Belegen
für die Existenz von Konzentrationslagern im Kosovo: „Es kommt darauf
an, was man dem Begriff Konzentrationslager unterlegt. Wir wissen das Menschen
zusammengefaßt werden, konzentriert. Das reicht, um zu handeln.“
An diesem maßlos übersteigerten Moralismus läßt sich
am besten ablesen, wie wenig die Akteure von der Moral ihres Handelns überzeugt
waren. Aus der Verantwortung für den damit einhergehenden Verfall
demokratisch-politischer Kultur in diesem Land sind damit nicht entlassen.
Und wir müssen diese Dinge festhalten, um uns auf die gezielte Wahrnehmungssteuerung
(„perception managment“im NATO-Jargon) vor künftigen Kriegen einzustellen.
Wurden wirklich alle nicht-militärischen Möglichkeiten zur Einhegung des Konfliktes versucht, wie die NATO zur Begründung des Griffes zur „ultima ratio“ vorgibt ?Fairerweise
wird man zugeben müssen, dass den Regierungen der NATO-Länder
schon längst eine wichtige Voraussetzung für politisch – diplomatische
Konfliktbearbeitung abhanden gekommen war: Sie konnten von den Serben nicht
mehr als neutrale Vermittler wahrgenommen werden. Und dies nicht nur wegen
ihrer politischen Manöver und ihrer Rhetorik! Im Laufe des Jahres
1998 verdichten sich die Informationen, dass die UCK in zunehmenden Maße
von westliche Geheimdiensten unterstützt wurde.[19]
Dass zunächst der Versuch unterblieb, im UN – Sicherheitsrat zusammen
mit Russland und China eine Lösung zu finden, passt ebenfalls nicht
zu der Behauptung, man hätte alles Mögliche getan, um den Griff
zu militärischer Gewalt zu vermeiden. Es ist unbewiesen, dass eine
Lösung mit den beiden östlichen Mitgliedern des Sicherheitsrates
nicht möglich gewesen wäre. China hatte sich in letzter Zeit
bei sensiblen politischen Entscheidungen im Sicherheitsrat in der Regel
der Stimme enthalten (mit einer Ausnahme: Mazedonien wurde mit einem Veto
bestraft, weil es Taiwan diplomatisch anerkannt hatte). Russland weigerte
sich verständlicherweise, wie im Irak – Krieg einen Vorratsbeschluss
zu fassen, der der NATO freie Hand gelassen hätte, Beginn und Ende
(!) von Kampfhandlungen zu bestimmen. Im Irak bomben die USA und Großbritannien
noch heute unter Berufung auf einen Sicherheitsratsbeschluss, der keine
verbindlichen Bedingungen für ein vom Sicherheitsrat kontrolliertes
Ende der Kampfhandlungen festgelegt hatte. Einen Russland gegenüber
fairen Beschluss herbeizuführen wurde nicht versucht.
Im
Vorfeld des Krieges war durchaus sichtbar geworden, daß OSZE-Beobachter
zur Deeskalation beitragen konnten. Aber der Westen war nicht in der Lage
, die vereinbarte- und von Milosevic zugestandene Zahl von 3000 Beobachtern
zusammenzubekommen. Dem Chef der OSZE-Mission, dem amerikanischen Diplomat
Walker, ging der Ruf voraus , eher ein Mann „schmutziger“ Geheimdienstaktionen
als glaubwürdiger Vertreter einer Alternative zu militärischen
und quasi-militärischen Lösungen zu sein. Er hat teilweise die
Akkreditierung von Beobachtern verschleppt[20].
Willy Wimmer, Vizepräsident der parlamentarischen Versammlung der
OSZE hat immer wieder öffentlich ausgesprochen, daß amerikanische
Politik darauf abzielte, einen Erfolg der OSZE-Mission zu verhindern[21].
Auch
der angeblich letzte Versuch einer diplomatischen Lösung des Konfliktes,
die Verhandlungen von Rambouillet im Februar 1999, sprechen eher dafür,
daß sie aufs Scheitern angelegt waren. Die amerikanische Außenministerin
sollgesagt haben: Wir legen die Latte so hoch, dass die Serben nicht springen
können. Hier geht es vor allem um die Bedeutung des von Andreas Zumach
zuerst in der taz veröffentlichten Anhang B zum dort verhandelten
Vertragsentwurf. In diesem Teil des Vertrages sollten sich die Serben dazu
verpflichten, nicht nur eine NATO-Militärpräsenz im Kosovo zu
akzeptieren, sondern praktisch einem Besatzungsstatut, das NATO-Truppen
praktisch unbegrenzte Handlungsfreiheit für ganz Jugoslawien zugestanden
hätte, zuzustimmen[22]
Daß
die serbische Regierung diesem Ansinnen nicht nachgeben wollte und konnte,
war vorherzusehen. Sicher hat die amerikanische Diplomatie nicht bewußt
auf einen Krieg hingearbeitet. Sie hat aber offensichtlich gehofft, eine
Situation herstellen zu können, in der Milosevic erst angesichts einer
unmittelbar bevorstehenden Militärintervention sich unterwirft. Auf
diese Weise wäre kurz vor der NATO-Tagung, die die neue Strategie
der NATO - Interventionen weltweit zur Durchsetzung politischer Ziele,
notfalls auch ohne UN-Mandat – in ihrer Wirksamkeit bestätigt worden,
was die Zustimmung zaudender Mitglieder im Militärbündnis erleichtert
hätte.
Was
für den gesamten Konflikt im ehemaligen Jugoslawien gilt, ist auch
im Blick auf die Behauptung, im Kosovo sei präventiv wirklich alles
versucht worden, zu sagen: Es gab keinen nennenswerten Versuch mittels
positiver Sanktionen präventiv den Konflikt aufzulösen. Die ökonomischen
Wurzeln der Kriege auf dem Balkan wurden auch in diesem Fall nicht beachtet. [23]
Der
Balkan-Stabilitätspakt, von der Friedensbewegung seit langem gefordert,
hätte schon vor Jahren entworfen und implementiert werden müssen.
Bei der Bewertung des Krieges müssen wir seine Folgen einbeziehenDie
Luftangriffe der NATO haben in ganz Jugoslawien erhebliche zivile Opfer
gefordert, die Lebensgrundlagen des serbischen Volke und die Umwelt des
mittleren Donauraums erheblich beschädigt. Ein Bericht der WHO geht
davon aus, daß bisher 40% der Minenopfer im Kosovo tatsächlich
Opfer sogenannter Cluster-Bombern der NATO geworden sind. Die Bundesregierung
hat auf Anfrage zugegeben, daß im Kosovo sogenannte DU-Munition,
d.h. uranummantelte Geschosse, deren stark toxische Wirkung nicht bestritten
wurde, eingesetzt worden ist.[24]
Es steht zu befürchten, daß die Angriffe auf zivile Objekte
nicht zufällig erfolgten oder in der Annahme, daß sie auch militärisch
genutzt würden, sondern daß bewußt nach anfänglichen
militärischen Mißerfolgen wiederum unter Verstoß gegen
das Kriegsvölkerrecht der Widerstandswille der serbischen Bevölkerung
gebrochen werden sollte. Bezeichnenderweise sagte der Oberbefehlshaber
der NATO-Streitkräfte General Clark nach Kriegsende in einem Fernsehinterview,
Milosevic habe noch rechtzeitig kapituliert, „sonst hätte die NATO
weitergebombt … seine Infrastruktur pulverisiert. Wir hätten die Nahrungsmittelindustrie
zerstört, die Heizkraftwerke. Wir hätten alles getan, was nötig
gewesen wäre.“[25]
Nun,
begonnen hatte die NATO bereits mit dem hier in schöner Offenheit
von ihrem obersten Militär angekündigten Kriegsverbrechen. In
diesem Zusammenhang muss daran erinnert werden, dass die NATO-Vormacht
USA das 1. Zusatzprotokoll zur Genfer Konvention zum Schutz der Zivilbevölkerung
bei Kriegshandlungen, nicht unterzeichnet hat. Auch der 1998 in Rom gegründete
Internationale Strafgerichtshof wird von den USA, die das Internationale
Tribunal für Verbrechen im früheren Jugoslawien als Vorläufer
einer gerechteren internationalen Ordnung vollmundig feiern, abgelehnt.
Einen
besonders schweren Schaden hat dieser Krieg dem Völkerrecht zugefügt
und der UNO, die ja gerade nach den Erfahrungen zweier Weltkriege mit dem
Ziel ,die „Völker von der Geißel des Krieges zu befreien“, gegründet
worden war. Natürlich hat sich der deutsche Außenminister im
Kriegsverlauf darum verdient gemacht, die UN und die Russen „wieder ins
Boot geholt“ und so zur Beendigung des Krieges beigetragen zu haben. Das
ändert aber nichts daran, daß die Bundesregierung mitverantwortlich
ist für Schwächung der UN , die jetzt das Chaos im Kosovo verwalten
darf. Berthold Meyer wies im Friedensgutachten 1999 darauf hin, daß
die NATO-Länder sich in Artikel 1 des Gründungsvertrages verpflichtet
haben, in Übereinstimmung mit der Charta der Vereinten Nationen zu
handeln, jeden internationalen Streitfall, an dem sie beteiligt sind, auf
friedlichem Wege zu regeln, den Frieden, die internationale Sicherheit
und die Gerechtigkeit nicht zu gefährden und sich in ihren internationalen
Beziehungen jeder Gewaltdrohung und Gewaltanwendung zu enthalten.“
Er
meinte dann: „Mit einem Federstrich hat das bewaffnete Vorgehen der NATO
auf dem Balkan jede einzelne der vier in Artikel 1 der Satzung niedergelegten
Selbstverpflichtungen zu Makulatur werden lassen.“[26]
Dem ist auch heute nichts hinzuzufügen. Mit einem „Nothilferecht“
der Völker zur Abwendung schwerster Menschenrechtsverletzungen wurde
der völkerrechtswidrige – in Deutschland auch verfassungswidrige –
Angriff der NATO gerechtfertigt. Jürgen Habermas hat in einem „Zeit“-Artikel
darüber hinaus postuliert, der NATO Krieg sei gerechtfertigt als Vorgriff
auf ein allgemeines Weltbürgerrecht, das einmal Grundlage der Einklagbarkeit
individueller Menschenrechte sein müsste. Mehr als unbefriedigend
bleibt bei dieser kühnen These, dass Habermas unhinterfragt voraussetzt:
„Die USA haben die Ordnungsaufgabe einer Supermacht übernommen. Dabei
fungieren Menschenrechte für die Bewertung politischer Ziele als moralische
Wertorientierungen...“Dem schwerwiegenden Einwand, dass die NATO dabei
ist, dass Faustrecht in den internationalen Beziehungen zu rehabilitieren,
hat Habermas nur entgegenzusetzen, dass der Kosovo – Krieg ohne UN-Mandat
keineswegs ein Präzedenzfall werden dürfe. Ist das nicht zu wenig
in einer Situation, in der die NATO offiziell eine Strategie beschließt
, die gegebenenfalls auch für die Zukunft die Selbstmandatierung am
UN-Sicherheitsrat vorbei vorsieht ?[27]
Der Tschetschenien-Krieg dürfte das erste Beispiel dafür sein,
wie die NATO das Faustrecht in den internationalen Beziehungen rehabilitiert
hat. Selbst der NATO-Generalsekretär Robertson hat zu Beginn des Krieges
– er wurde später zurückgepfiffen – offen zugegeben, daß
die Russen dort mit ähnlichem Rechtsbewußtsein agieren wie die
NATO im Kosovo[28].
Epd-Entwicklungspolitik
hat eine interessante Analyse asiatischer Reaktionen auf den Kosovo-Krieg
veröffentlicht. Mit Ausnahme von Stimmen aus Malaysia, wo man offensichtlich
im Kosovo muslimische Glaubensbrüder unterdrückt wähnte,
wird in allen Medien und politischen Verlautbarungen das Eingreifen der
NATO als Neuauflage der aus der Kolonialzeit bekannten Kanonenboot-Politik
des Westens gewertet [29].
Eine besonders bedenklich Konsequenz, welche die NATO zu verantworten hat,
ist darin zu sehen, daß man sich jetzt verstärkt darüber
Gedanken macht, daß nur der Besitz von Atomwaffen eine Chance eröffnet,
dem politischen oder militärischen Druck der NATO zu widerstehen.
Rebecca Johnson, der Direktorin des Londoner Acronym Institute sagte ein
chinesischer Botschafter: „Sehen Sie, was die NATO in Jugoslawien macht.
Wir brauchen daher Nuklearwaffen, um zu verhindern, daß der Westen
mit uns genauso verfährt.“[30]
Es ist klar, und das gehört in diesen Zusammenhang, daß die
nukleare Rüstungspolitik der USA und ihre auf Kriegsführungsfähigkeit
zielenden Einsatzpläne die Probleme verschärfen.
Inzwischen
sind zwar die albanischen Flüchtlingen aus den Nachbarländern
wieder größtenteils in ihre Heimat zurückgekehrt, aber
es geht dort unter der Ägide der NATO nach dem „Prinzip Hoffnungslosigkeit“
zu[31].
Ein umgekehrte ethnische Säuberung hat stattgefunden. 250000 Serben
und Roma wurden unter den Augen der KFOR vertrieben. Kosovo wird zu Spielfeld
der albanischen Mafia. Einzelheiten sind in den Berichten der OSZE nachzulesen[32].
Mittlerweile ist sogar Präsident Clinton „sehr besorgt“ und warnt
die Kosovo-Albaner vor einer Beeinträchtigung ihrer Chancen auf Selbstbestimmung
durch Angriffe auf Serben und andere Minderheiten (AP-Meldung vom25.6.2000).
Selbstkritische Kosovo-Albaner haben sogar schon von einem sich entwickelnden
albanischen Faschismus gesprochen[33].
Das Eingreifen der NATO als de facto-Alliierter einer Bürgerkriegspartei
begünstigt zumindest das Ausbrechen von Unruhen in den südwestlichen
Grenzgebieten Serbiens, die von Kosovo-Albanern bewohnt werden. Auch hier
agiert bereits ein Ableger der UCK[34].
Wenn es dort den Kosovo-Albanern gelänge, ein weiteres Stück
aus Serbien herauszubrechen, würde sich das Feuer weiter an das eigentliche
balkanische Pulverfaß, nämlich Mazedonien heranfressen. In Verlautbarungen
der UCK ist das albanische Siedlungsgebiet in Mazedonien schon längst
„Operationsgebiet Nr .2“.[35]
In
Serbien selbst scheint Milosevic durch den Krieg eher gestärkt worden
zu sein. Der Westen tut nach wie vor wenig, um die demokratische Opposition
zu ermutigen[36].
Der Balkan-Stabilitätspakt - ohnehin ist zu bezweifeln, ob die finanziellen
Anstrengungen des Westens der Größe der mit verursachten Probleme
angemessen sind - kann nicht funktionieren, wenn Serbien ausgeklammert
bleibt(Zur Erinnerung: Es leben jetzt als Folge der kriegerischen Auseinandersetzungen
der letzten Jahre 650000 Flüchtlinge in Serbien). Deswegen hat Jiri
Dienstbier, UN-Beauftragter ,das Ende der Sanktionen gegen Serbien gefordert.[37]
Worum ging es wirklich Im Kosovo-Krieg?Dass
es bei der Formulierung und Ausführung einer Politik eine Hierarchie
von Interessen geben kann, sich die Interessenlage im Zuge von Aktionen
ändert, dass mehrere Ziele gleichzeitig von den Akteuren angestrebt
werden können, bedeutet nicht, dass die meist eindeutigere, begleitende
politische Rhetorik, eher der Wahrheit entspricht als die erkennbaren tatsächlichen
Motive.
Eher
pazifistische gesonnene SPD-Bundestagsabgeordnete sprachen während
des Krieges von einem gewaltigen politischen Druck, den die Amerikaner
hinter den Kulissen ausgeübt haben, um die Zustimmung ihrer Verbündeten
zum Krieg zu erzwingen – und in den strategischen Überlegungen der
USA spielt die Frage „humanitärer Interventionen“ zur Sicherung von
Menschenrechten allenfalls eine untergeordnete Rolle, primär kreisen
die entsprechenden Überlegungen und Planungen darum, weltweit Interessenpolitik
militärisch abzusichern[38].
UNO-Strukturen sollen dabei genutzt werden, aber sie sind im Konfliktfall
, was die Legitimation von Militäreinsätzen anbelangt, entbehrlich.[39]
In dieser Hinsicht ein Exempel zu statuieren und die NATO entsprechend
zu instrumentalisieren, dürfte einer der tatsächlichen Kriegsgründe
gewesen sein[40].
Innerhalb der NATO gab es ja auch Widerstände gegen eine Umfunktionierung
des Verteidigungsbündnisses in ein Instrument zur Durchsetzung westlicher
Interessen, die sich immer mehr marktradikal ökonomisch definieren.
Zum 50.Jahrestag der NATO, bei dem die neue Interventionsdoktrin offiziell
verabschiedet werden sollte, wollte man durch ein geglücktes Experiment
die Zauderer überzeugen. Schreibt Thomas Friedmann, Berater von US-Außenministerin
Albright: „Damit der Globalismus funktioniert, darf Amerika sich nicht
scheuen als die allmächtige Supermacht aufzutreten, die es ist. Die
unsichtbare Hand des Marktes wird nie ohne eine unsichtbare Faust funktionieren.
McDonald kann nicht ohne den F-15-Konstrukteur McDonell Douglas florieren.“[41]
Interessant ist in diesem Zusammenhang schon, dass die NATO festgelegt
hat, das Kosovo nach den Regeln der freien Marktwirtschaft wiederaufzubauen
(Das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland erhebt die Marktwirtschaft
nicht in den Rang eines absoluten Verfassungsgebotes).
Dass
die USA im Kosovo auch einen Krieg gegen den Euro geführt haben, läßt
sich nicht stringent beweisen, erscheint aber im Gesamtzusammenhang der
Ereignisse durchaus plausibel: Die gewaltige ökonomische Bürde,
die sich die EU mit den Folgekosten des Wiederaufbaus der Balkan-Region
aufgehalst haben, dürfte die Möglichkeiten, ein von den USA unabhängiges
Interventionspotential aufzubauen, erheblich einschränken. Was an
ökonomischem Potential bleibt, dürfte dann allenfalls reichen,
um die von den USA geforderten Nachrüstungen zu finanzieren.[42]
Die
geopolitischen Aspekte des Kriegseinsatzes werden von den Apologeten der
„humanitären Intervention“ immer in den Bereich der absurden Verdächtigung
verwiesen. Tatsache ist aber, daß die NATO mit dem Krieg eine de
facto-Südosterweiterung vorgenommen hat, Die ökonomische Vereinheitlichung
des Balkanraumes, die Kontrolle der Donauschiffahrt sind auch im Zeitalter
der globalen Telekommunikation praktische, geopolitische Ziele. Außerdem
hat Amerika ein Interesse daran, sich gleichsam ein operatives Widerlager
für das Führen künftiger Kriege um die kaukasischen Öl-
und Gasvorräte zu verschaffen. Ein ehemaliger NATO-Botschafter der
USA, jetzt Mitarbeiter der Rand Corporation hat dies ausdrücklich
bestätigt. Warum sonst bauten die USA nördlich von Pristina jetzt
den größten Militärflughafen außerhalb des eigenen
Territoriums?43]
Ich fasse zusammen:Mit
ungeheurem , organisierten medialen Aufwand („perception managment“) hat
die NATO den Eindruck zu verbreiten gesucht – und sie ist dabei von Politik
und Publizistik in unserem Land kräftig unterstützt worden –,
dass eine militärische„humanitäre Intervention“ im Kosovo nötig
war, um einen Genozid an den Kosovo-Albanern zu verhindern. Alle nichtmilitärischen
Mittel zur Lösung des Problems seien vergeblich eingesetzt worden.
Der Militäreinsatz wäre notwendige ultima ratio, zwar gegen das
kodifizierte Völker- und Verfassungsrecht (es gab natürlich auch
einzelne Stimmen, die aus den vorhanden Texten eine formale völkerrechtliche
Legitimation heraus-exegisieren wollten) aber gerechtfertigt als Nothilfemaßnahme.
Dem
ist entgegenzuhalten – und das wäre der Kontext für unsere ethische
Reflexion : Im Kosovo hat der erste Interventionskrieg der NATO zur Sicherung
wesentlicher eigener Interessen stattgefunden. Das oberste Interesse scheint
in dieser Situation gewesen zu sein, die neue NATO-Doktrin durchzusetzen
und die Bündnismitglieder darauf einzuschwören. Beiläufiger
zwar aber doch im wesentlichen Interesse des Bündnisses wurde der
militärische Zugriff auf Südosteuropa konsolidiert und die Basis
für geostrategische Planungen in Richtung Kaukasus gesichert. Weltweit
soll sichtbar werden: Wer McDonald nicht will, bekommt es mit McDonell
zu tun. Die „Friedensfrage“ ist im Kontext marktradikaler Globalisierung
zu bearbeiten.[44]
In diesem Zusammenhang muss auch die weiter betriebene Nuklearrüstung
und Einsatzplanung problematisiert werden. Außerdem gilt es, sich
darauf einzustellen, dass beim nächsten Mal die Instrumente der „Wahrnehmungssteuerung“
weiter verfeinert sein werden. Ihre Wirkungsweise muss genauer analysiert
werden, der offene Zugang zu ungefilterten Informationen muss organisiert
werden.
Im
Kosovo-Konflikt wurden nicht-militärische Mittel mitnichten erschöpfend
eingesetzt. Der Rückblick auf die Ereignisse zeigt sogar, welche Möglichkeiten
– den politischen Willen sie einzusetzen vorausgesetzt – in ihnen stecken.
Allerdings ist festzuhalten, daß die EU im Moment mit Volldampf in
die falsche Richtung marschiert. Statt präventive und zivile Instrumente
auszubauen (das rot-grüne Koalitionspapier vom Herbst 1998 und die
„Agenda for Peace“ des ehemaligen UNO-Generalsekretärs Boutros Ghali
zeigen, dass die Instrumente bereits vorgedacht sind), will man von den
USA militärisch unabhängiger werden. Ein gewaltiger Aufrüstungsschub
mit verheerenden sozialen Folgen, national und international, ist vorprogrammiert.
Die spanische Zeitung El Pais verriet neulich, dass in NATO-Kreisen insgeheim
0,7% des BSP als angemessener Aufwand für Rüstung angesehen würden.
Die Zahl werde wegen ihrer Symbolkraft noch geheim gehandelt, erinnere
sie doch fatal an die nie erreichten 0,7% für die Entwicklungshilfe
– womit schon viel darüber gesagt wird, was unser primäres Problem
ist, wovon man sich verabschiedet und was man in Kauf nimmt.
Wilhelm
Wille
[1]D. Bonhoeffer, Widerstand und Ergebung, Neuauflage 1970, S.321 [2]„Die
Welt“ ,30.7.82: „Albaner verdrängen Serben aus dem Kosovo“ (zit. b.U.Cremer,
Der erste Krieg der neuen NATO, in: U.Cremer/ D.Lutz, Hrsg., Nach dem Krieg
ist vor dem Krieg; Hamburg 1999, S.64. Damals wurden 60.000 serbische Flüchtlinge
gezählt.1982 .-„Von April bis Herbst wurden im Kosovo die Felder in
Brand gesteckt und geplündert … und ich werde nie vergessen, wie ich
… einen endlosen Elendszug von serbisch-montenegrinischen Flüchtlingen
sah, die ihren geretteten Hausrat auf Karren oder auf dem Rücken mitschleppten
…“ So der italienische Agronom G.Lorenzoni in einem „Bericht über
die jugoslawische Landwirtschaft“ aus dem vierziger Jahren. Zit. von T.
di Tommaso u. G.Scotti, Sechzig Jahre „ethnische Säuberung“, Le Monde
Diplomatique, 22.5.99.
[3]Zu
Saudiarabien, Amnesty International, Deutschlandfunk 13.03.2000; zu Osttimor
vgl. die Erklärung von Pax Christi USA, in: Junge Kirche 11/99, S.653:
„Wir bitten das Volk von Osttimor um Vergebung für die durch unsere
Regierung erfolgte Unterstützung der indonesischen Militärmaschinerie,
die es so lange terrorisiert hat.“
[4]In
Amnesty-Berichten über die Menschenrechtssituation im Kosovo standauch,
wurde jedoch lange ignoriert: „Die Situation hat sich aber insofern seit
Mitte 1996 geändert, als es seit diesem Zeitpunkt vermehrt zu Anschlägen
auf Polizeistationen, Polizeibeamte und Kosovo-Albaner, die beschuldigt
wurden, mit den Behörden zusammenzuarbeiten oder in ihren Diensten
standen, gekommen ist.“ Amnesty International, Aktuelle Menschenrechtssituation
in der Provinz Kosovo, abgedr. Asyl-info 5/98,S.44.
[5]Die
Differenzierungen sind hier wichtig, die z.B. R.Mutz im Friedensgutachten
2000,S.55 vornimmt: „Von sich reden machten zunächst die sogenannten
‚Binnenflüchtlinge’, d.h. Menschen, die vor den Schrecken des Bürgerkrieges
außerhalb ihrer Wohnorte, meist in deren Nähe, jedoch innerhalb
der Provinz und teils nur kurzfristig Zuflucht gesucht hatten. Ihre Zahl
schwoll an, wenn die Kampfhandlungen zunahmen, sie ging zurück, wenn
die Kämpfe abflauten. Die Gipfelwerte wurden im Oktober 1998 und im
März 1999 mit 200000 bzw. 230000 internen Flüchtlingen erreicht.
Außerdem hatten zwischen März 1998, dem Ausbruch des Bürgerkrieges,
und März 1999, als die NATO militärisch eingriff, rund 170000
Kosovaren ihr Land verlassen, teils in Nachbarstaaten, teils nach Westeuropa.
Von einer Massenvertreibung der Bevölkerung zur gezielten Veränderung
der demographischen Verhältnisse sprach damals noch kein westlicher
Politiker.“ ( Mutz bezieht sich auf Lageanalyse des Auswärtigen Amtes
vom 19.3.99.)
[6]Friedensgutachten
2000, S.60.
[7]Ebd.
Vgl. auch H.Loquai, Der Kosovo-Konflikt – Wege in einen vermeidbaren Krieg,
Baden – Baden 2000, S.21ff. L. war als deutscher Brigadegeneral zur OSZE
abkommandiert.
[8]Ebd.
[9]Ebd.
61.
[11]
Vgl. Louqai,a.a.o.S. 45ff; J.Elsässer, Geheimakte Racak, in: Konkret,
Mai 2000.
[12]
Loquai,a.a.O.S. 143 weist darauf hin, dass selbst eine Grafik in Scharpings
Buch belegt, dass erst ab 27.3.99 die Zahl der Flüchtlinge aus dem
Kosovo stark zunimmt (R.Scharping, Wir dürfen nicht wegsehen. Berlin
1999, S. 233).- Lord Carrington, ehemaliger Generalsekretär der NATO
in: Süddt.Zeitung, 28./29.8.99: „Ich glaube, dass die Bombenangriffe
die ethnische Säuberung verursacht haben.“
[13]Ebd.56.
Das TV-Magazin „Panorama“ zitiert Loquai, dem man noch während des
Krieges bei einem Besuch im Verteidigungsministeriums erklärt hat,
der berüchtigte „Hufeisenplan“ sei eine Erfindung des Hauses. Scharping
hat keinen Versuch gemacht, die Kritik zu widerlegen (AP-Meldung v.18.6.2000).
Vgl. auch Loquai, a.a.O. S.138ff.
[14]S.Halimi – D. Vidal, Médias et désinformation, Le Monde Diplomatique, März 2000. »Makabre Mathematik« war der Titel eines Artikels zum selben Thema in »Newsweek« vom 22.11.99. [15]Kosovo
und der herrschende Mythos der Informationsüberlegenheit, Frankfurter
Rundschau, 31.3.00.
[16]Die
amerikanische Human Rights Watch hat 488 - 527 getötete serbische
Zivilisten gezählt (zit. taz 8.9.99).Die jugoslawische Nachrichtenagentur
Tanjug kam anfang des Jahres auf 730 ermordete Serben, Roma etc. Die Zahl
erscheint mir glaubwürdig, weil das offizielle Serbien die Zahl der
Opfer einer verfehlten Kosovo-Politik kaum in die Höhe treiben wird.
[17]
Der Spiegel, 26,4,1999, S. 26.
[18]
Der Spiegel17/1999, S. 33.
[19]
E. Schmidt – Eenboom, UCK – Zur Karriere einer terroristischen Vereinigung,
in: Wissenschaft und Frieden 2/99, 17.Jg.,Bonn, S. 17ff.
[20]
Louqai, a.a.O.S.66.
[21]Willy
Wimmer(CDU), Vizepräsident der Parlamentarischen Versammlung der OSZE
am 12.1.99 im Deutschlandfunk: „Wir wären im März des vergangenen
Jahres wesentlich weiter gekommen, auch im Zusammenhang mit einer Lösung,
die den Kosovo-Albanern entgegenkommt, wenn man die Europäische Union
einfach nur gelassen hätte. Aber hier durften bestimmte Ergebnisse
offensichtlich nicht erzielt werden … Man muss oft den Eindruck haben,
dass die Europäer deshalb nichts zustandebringen dürfen, damit
die Vereinigten Staaten hier eingreifen dürfen.“
[22]A. Zumach, „80 Prozent unserer Vorstellungen werden durchgepeitscht“. Die letzte Chance von Rambouillet und die Geheimdiplomtie um den „Annex B“, in: M.Schmidt, Hrsg., Krieg im Kosovo, rororo aktuell, Hamburg 1999, S. 63 ff. [23]Lesenswert
deswegen besonders: Catherine Samary, Die Zerstörung Jugoslawiens
– Ein euroäischer Krieg, Köln 1995.
[24]Zit.
n.A.R.R. McAslan u. A.C. Bryden, Humanitarian demining in South Eastern
Europe, The Geneva International Centre for Humanitarian Demining, Genf
14.4.2000, S.24. Nach den Autoren hat die NATO zugegeben, dass 14000 nicht
explodierte Cluster Bomben noch im Kosovo liegen könnten. Zur Umweltbelastung
durch den Krieg s. Knut Krusewitz, Umweltkrieg – Ökologische und humanitäre
Folgen, in: U. Albrecht – P. Schäfer, Hrsg., Der Kosovo-Krieg. Fakten,
Hintergründe, Alternativen, Köln 1999, S.142 ff. Zur Wirkung
der DU-Munition s. Siegwart – Horst Günther, Uran-Geschosse (DU-Munition).Eine
neue deutsche Kampf- und Massenvernichtungstechnologie, in: U.Cremer –
D.Lutz,Hrsg.,Nach dem Krieg ist vor dem Krieg, Hamburg 1999, S.182ff.
[25]Reinhard
Mutz, Friedensgutachten,S.63. Vgl. auch A. Gidron u. C. Cordone, Die NATO
und das Völkerrecht, in: Le Monde diplomatique – Deutsche Ausgabe,
Juli 2000; von denselben Autoren dort auch : Die Bombardierung des RTS
– Studios.
[26]Friedensgutachten
1999, S.80.
[27]J.Habermas,
Die Zeit, 18/1999, Bestialität und Humanität – Ein Krieg an der
Grenze zwischen Recht und Moral. Zur Kritik: E. Altvater, Menschenrechte
und Bomben, in: Frankfurter Rundschau, 8.7.1999, S.7.
[28]
So auch R. Skidelsky, Ex-Sprecher der englischen Konservativen im House
of Lords in der Financial Times: Der Tschetschenienkrieg ist eine Folge
der Kosovo Operation: Sie zeigte den Russen die “westliche, zivilisierte“
Art Krieg zu führen und sie verschob das Kräftegleichgewicht
in der russischen Politik zugunsten des Militärs … Bevor wir nicht
willens sind, unsere eigenen Fehler im Kosovo einzugestehen, wird Russland
uns zu Tschetschenien nicht hören wollen.“ Zit. Versöhnung 1/2000
S.9f.
[29]P.
Kreuzer, Asiatische Weltsichten: Der Kosovo als Baustein zur amerikanischen
globalen Hegemonie, epd-Entwicklungspolitik 11/99 (Auszug aus HSKF-Standpunkte
1/99). S.55: „… die wichtigste Lehre aus den Nato-Bombardierungen
ist, dass kleine und mittelgroße Länder Nuklearwaffen zur Selbstverteidigung
besitzen müssen.“(Zitat aus der chinesischen Zeitung Ming Bao, 10.5.99)
[30]Zit.
in El Pais Semanal,23.4.2000
[31]N.
Mappes – Niedeck, Prinzip Hoffnungslosigkeit, Badische Zeitung 22.3.2000.
[32]Aus
einem OSZE-Bericht aus dem Bezirk Gnjilane/Gjilan: „Shopkeepers and restaurants
appear to be blackmailed on a regular basis. Other forms of pressures or
of attempts to collect “taxes” seem to be developing. Shopkeepers who had
bought their premises from real estates companies and businesses that were
run by Kosovo Serbs are now being requested to buy the property again or
to pay a rent to the same real estate companies, now run by Kosovo Albanians.”
Report on Human Rights Findings of the OSCE Mission in Kosovo, As Seen,
As Told, Part II, June to October 1999; Detail aus dem Bezirk G.(http;//www.osce.org)
[33]Veton
Surroi, Verleger der in Pristina erscheinenden albanischen Zeitung Koha
Ditore, schrieb Anfang September 1999: „Wie dem auch sei, als Opfer der
größten Verfolgung am Ende des 20.Jahrhunderts in Europa werden
wir selber zu Verfolgern und erlauben dem Gespenst des Faschismus wieder
zu erwachen. Jeder, der glaubt, die Gewalt würde beendet sein, wenn
die letzten SerbInnen aus dem Land gejagt sind, lebt in einer Illusion.
Die Gewalt wird sich einfach gegen andere AlbanerInnen richten.“ (Übers-
u. veröffentlicht im Info-Blatt der „Kurve“, Wustrow) Eine gewichtige
Stimme angesichts der bei den Apologeten des NATO-Krieges zu beobachtenden
Tendenz, den Gegenterror der Kosovo-Albaner zu verharmlosen. Eine bezeichnende
Stilblüte, E. Rathfelder, Erfolgsbilanz mit Schatten, taz 19.4.2000:
„Die KFOR versuchte, die Wut mancher Rückkehrer … zu stoppen … Trotz
ihrer gewaltigen Militärmacht mussten aber an die 600 Tote hingenommen
werden.“ (Hervorhebung v. Vf.)
[34]
Erste Hinweise Frankfurter Rundschau, 1.3.00: „UN-Soldat bei Presevo überfallen“;
ausführlicher El Pais, 29.2.00.
[35]Zur
Lage in Mazedonien schreiben E.Glissmann/K.Kittl. Amica-Rundbrief Nr.1,
Freiburg, April 2000: „Unternehmen, die am Boden sind und ihre Arbeiter
teilweise seit drei Jahren nicht mehr bezahlen können, gehen an die
Börse. Die Arbeitslosenquote liegt bei 60 % und die Spannungen zwischen
der mazedonischen Mehrheit und der albanischen Minderheit Minderheit verschärfen
sich … Am ersten April wurde die Sozialhilfe um bis zu 30 Prozent gekürzt
… Gleichzeitig wurde eine Mehrwertsteuer von 19 Prozent eingeführt
… Mazedonien soll ‚fit’ gemacht werden für den Beitritt in die EU.
Es geht darum ein, zweites Kosovo zu verhindern. Die Zeit drängt.
Denn die Fronten sind schon abgesteckt.“
[36]N.
Mappes –Niedeck, Deutschlandfunk, 12.2.2000, ca.18.40 Uhr, zur Lage in
Jugoslawien: Das Embargo ist kontraproduktiv. J. bekommt Öl über
Bulgarien.. Erhält Erdgas zu Sonderkonditionen aus Russland. China
hat einen 200 Mill. Dollar - Kredit zur Verfügung gestellt. USA, EU
und jugosl. Opposition sollten zur Stärkung des Prestiges der Opposition
ein Ende des Öl- und Flugembargos aushandeln. Das Scheitern dieser
Gespräche hat die Opposition diskreditiert. Oppositionelle Gewerkschaften
sagen, dass Milosevic Hunderttausende von Arbeitern auf „Kurzarbeit-Null“
setzt, der NATO aber die Schuld geben kann. J. kann jetzt Flugzeuge, die
vorher nicht ausgelastet waren mit Gewinn an andere Gesellschaften verleihen.40
Mill. € waren für das Programm „Öl für Demokratie“
versprochen worden. Es ist wesentlich weniger gekommen; auch das hat die
Opposition in Misskredit gebracht.
[37]Deutschlandfunk
29.3.2000
[38]J.
Rose, Amerika , das Rom der Moderne, Dossier zu Wissenschaft und Frieden
2/99.
[39]Schon
1993 legte Clinton in einem geheimen Regierungsdokument fest: „Die NATO
soll die Entscheidungskriterien für die UN festlegen und nicht umgekehrt.“
Titel des Dokuments : „Mit den Vereinten Nationen wenn möglich, ohne
sie wenn notwendig.“ Monitor – Sendung vom 22.4.99 (nachzulesen unter http://www.monitor.de),
zit. J.Nieth, Humanität oder Macht ? Mit welchem Ziel bombt die NATO
? in: Wissenschaft und Frieden 2/99. S. 11.
[40]Am
24.3.99 nannte der amerikanische Präsident drei Ziele der Operation,
bezeichnenderweise an erster Stelle: Stärke und Entschlossenheit der
NATO demonstrieren. Friedensgutachten 2000, S.83.
[41]New
York Times 28.3.99
[42]Interessant,
wie Brzezinski, ehemaliger US-Präsidentenberater den status quo sieht:
„Tatsache ist schlicht und einfach, dass Westeuropa und zunehmend auch
Mitteleuropa weitgehend ein amerikanisches Protektorat bleiben, dessen
alliierte Staaten an Vasallen und Tributpflichtige von eins erinnern.“
Z.Brzezinski, Die einzige Weltmacht. Amerikas Strategie der Vorherrschaft,
Weinheim/Berlin 1997,S.92.
[43]Pierre
Simonitsch, Der Balkan als Teil eines politischen Erdbebengürtels,
Frankfurter Rundschau 27.4.99. Deutlich äußert sich auch der
ehemalige NATO-Botschafter der USA, jetzt Consultant der Rand Corporation,
M. Robert E. Hunter, Washington Post 21.4.99: Kosovo nimmt eine Schlüsselstellung
ein im Blick auf Regionen, in denen wesentliche westliche Interessen auf
dem Spiel stehen – Israel u. arabische Welt, Irak und Iran, Afghanistan,
der kaspische Raum und Transkaukasien. Zit. n. Le Monde Diplomatique, März
2000, S.11.- Zum Flughafenbau A. Zumach u.a. mündlich.
[44]Faith
Communities and Social Movements Facing Globalization – The Colloquium
2000 Declaration, Hofgeismar 16.6.2000: Under the might of the market economy,
arms exports and increased military budgets have assumed priority. The
militarization of economies , the development of nuclear competition has
left all countries vulnerable to breakdowns of democratic structures. It
has led to increase in defense budgets in many countries at the cost of
social budget cuts. The new concept of NATO and building of the MIC ( military
industrial complex) are closely related to unregulated financial capital.”
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