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7. Juli 2002

Gegen eine Fortsetzung der Kriege 
Erklärung des Forums Friedensethik vom 6. Juli 2002

An die Christinnen und Christen in der Evangelischen Landeskirche in Baden

Krieg ist wieder zu einem Mittel der Politik geworden – mit allen vorhersehbaren Konsequenzen. Der Afghanistan-Krieg der USA und ihrer Verbündeten, angeblich ein Krieg gegen den internationalen Terrorismus, droht zu dem von vielen Kritikern erwartetem Fiasko zu werden. Zum ersten Mal warnt jetzt auch ein prominenter amerikanischer Politiker, der demokratische Senator Robert C. Byrd, vor einem Weg in ein neues Vietnam. Entgegen den ersten Siegesnachrichten sind die USA und ihre Verbündeten immer noch dabei, Al-Qaida-Kämpfer aufzuspüren. Der Krieg hat teilweise nach Pakistan übergegriffen. Bei militärischen Aktionen sind inzwischen weit mehr Zivilisten ums Leben gekommen als bei den Terroranschlägen vom 11. September 2001. Auch den alliierten Kräften werden Kriegsverbrechen größeren Ausmaßes vorgeworfen (Massaker von Kundus). Uns sind keine ernsthaften Bemühungen bekannt geworden, die beanstandeten Vorgänge zu untersuchen und die Vorwürfe zu entkräften.

Mannigfache Versuche der USA, die Errichtung und Arbeit des Internationalen Strafgerichtshofes zu behindern, erregen gerade in diesen Tagen die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit. Ihre Behandlung von Kriegsgefangenen und der Kollaboration mit Terroristen Verdächtigten im eigenen Land strafen den Anspruch Hohn, Vorkämpfer für demokratische Prinzipien in aller Welt zu sein.

Die ohne Respekt vor dem Völkerrecht durchgezogene Gewaltaktion hat ihrerseits in der ganzen Welt Gewalttäter ermutigt. Die Gefahr sogar eines Atomkrieges zwischen Indien und Pakistan ist immer noch nicht gebannt. Die Gewalt im Nahen Osten ist auf erschreckende Weise eskaliert. Amnesty International berichtet darüber, dass in vielen Ländern die Menschenrechte unter dem Vorwand der Terrorbekämpfung mehr denn je missachtet werden.

Wir teilen die Besorgnis der Friedensforschungsinstitute, die in ihrem Friedensgutachten 2002 vor einem weiteren Krieg gegen den Irak warnen. Mit einem solchen würde ein weiterer Schritt auf dem Weg der Re-Legitimierung des Faustrechtes in den internationalen Beziehungen getan. Alte Hemmungen werden immer schneller fallen gelassen. Nach dem amerikanischen Präsidenten beansprucht auch der deutsche Verteidigungsminister für die NATO bzw. ihre Vormacht jetzt sogar das Recht auf vorbeugende (englisch: pre-emptiv) Militärschläge. In diesem Zusammenhang beobachten wir mit größter Sorge, wie die USA und andere NATO-Partner den Einsatz atomarer Waffen für künftige Kriege und Militäraktionen planen.
Wir dürfen als Christinnen und Christen den hoffnungslosen Weg des Krieges und der Gewalt nicht mitgehen und die geistlichen Einsichten verraten, die uns nach dem Zweiten Weltkrieg zugewachsen sind: “Krieg darf nach Gottes Willen nicht sein” – “Der Weltfriede wird zur Überlebensbedingung im technischen Zeitalter.” Konsens war, dass Christen sich auf keinen Fall an der Führung eines Atomkrieges beteiligen dürfen. Allenfalls im Rahmen von Landesverteidigung und der Abschreckung eines Angriffs mit atomaren Waffen schien uns Wehrdienst noch eine christliche Möglichkeit zu sein. Es war Konsens, dass der Weltfriede auf Dauer nur gesichert werden kann mit einer Politik, die konsequent die wirtschaftlichen Ungleichgewichte in der Welt, die Gewalt produzieren, und Völker auf die demagogischen Parolen ihrer Eliten hören lässt, abbaut. Einig waren wir uns, dass der Friede in der Welt nur gesichert werden kann durch die entschlossene Weiterentwicklung des Instrumentariums zur präventiven und gewaltfreien Einhegung und Lösung gewaltträchtiger Konflikte im Rahmen einer tragfähigen internationalen Rechtsordnung. Am deutlichsten haben es kürzlich noch die katholischen Bischöfe Deutschlands ausgesprochen: Die traditionelle Lehre vom gerechten Krieg kann unter den heutigen Lebens- und Erkenntnisbedingungen nicht mehr das Friedensgebot des Evangeliums und die politische Vernunft zusammenbringen. Sie muss ersetzt werden durch eine Lehre vom gerechten Frieden. Nur im Eintreten für eine entsprechend gestaltete Politik werden wir dem Evangelium des Friedens entsprechen können.
Es gilt jetzt, zu den Einsichten zu stehen, die uns der heilige Geist in der Gemeinschaft mit den Schwestern und Brüdern der Ökumene seit dem Zweiten Weltkrieg geschenkt hat. Mit den kritischen Kräften der Zivilgesellschaft wollen wir gemeinsam daran arbeiten, dass in Deutschland eine Politik konsensfähig wird, die dem Leitbild des gerechten Friedens entspricht.

Vorrangig geht es dabei darum, die Dinge beim Namen zu nennen und keine ideologischen Nebel zuzulassen: Die Globalisierungsgewinner sichern ihre Interessen mit militärischer Gewalt.

Wir sind auch überzeugt: Es ist jetzt ein klares Nein fällig zur gegenwärtigen Rechtfertigung militärischer Gewalt als eines Mittels der Politik und zur schweigenden Hinnahme dieser Entwicklung.

In diesem Sinne wollen wir dazu beitragen, die Gewissen zu schärfen sowie konstruktive Kritik und notwendige Verweigerung zu ermutigen. Wir hoffen, dass wir viele Schwestern und Brüder auf diesem Weg mitnehmen können. Schreckten die Kirchen weiterhin vor dem deutlichen Wort zurück, das die Dinge beim Namen nennt und auf den Weg des gerechten Friedens ruft, würde alles kirchliche Reden unglaubwürdig werden. Präventive Schuldbekenntnisse sind kein Ersatz für den vom Evangelium jetzt in der Nachfolge Christi ermöglichten und geforderten Gehorsam gegenüber Gottes Gebot.

Von den Teilnehmerinnen und Teilnehmern des Studientages des "Forum Friedensethik" am 6. Juli 2002 beschlossen:
Gertrud Diel, Stutensee; Hans-Georg Dittrich, Hemsbach; Anneliese Fehrholz, Ettlingen; Beata Friedrich, Pforzheim; Friedel Geppert, Heidelberg; Ullrich Hahn, Villingen; Hannelore Hansch, Karlsruhe; Dr. Dirk-M. Harmsen, Karlsruhe; C.-J. Heinemann Grüder, Pforzheim; Dieter Hemminger, Ispringen; Martin Höfflin, Karlsruhe; Liselotte Lappe, Pforzheim; Dr. Gerhard Liedke, Heidelberg; Dr. Ullrich Lochmann, Rheistetten; Dieter Kunzmann, Römer-berg; Bettina Ott, Görwihl; Anne Ressel, Mannheim; Dr. Albert Schäfer, Weinheim; Hanne-lore Schäfer, Weinheim; Curt Schmidt-Diel, Stutensee; Jürgen Stude, Karlsruhe; Ulli Thiel, Karlsruhe; Dr. Wilhelm Wille, Ehrenkirchen; Dietrich Zeilinger, Karslruhe


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